«Fernunterricht belastet Familien»: St.Galler Regierung will Schulen im Juni wieder öffnen

Die St.Galler Regierung will den Fernunterricht an den Schulen möglichst bald beenden. Vor allem Migrantenkinder seien benachteiligt. Die Planung hängt aber von den Entscheiden des Bundesrats ab. 

Adrian Vögele
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Die Eltern im Homeoffice, die Kinder im Fernunterricht: Diese Situation belaste viele Familien, sagt der St. Galler Bildungschef Stefan Kölliker

Die Eltern im Homeoffice, die Kinder im Fernunterricht: Diese Situation belaste viele Familien, sagt der St. Galler Bildungschef Stefan Kölliker

Benjamin Manser


Allzu lange kann das nicht mehr weitergehen: So lässt sich die Haltung der St.Galler Regierung zum Fernunterricht zusammenfassen. Der Entscheid des Bundesrats, wegen des Coronavirus alle Schulen zu schliessen, sei «beispiellos», sagte Bildungschef Stefan Kölliker am Dienstag vor den Medien. Zwar funktioniere das Homeschooling insgesamt gut. Schulgemeinden und Lehrpersonen würden die ausserordentliche Lage hervorragend bewältigen, Schüler und Eltern zögen loyal mit. Dennoch: «Der Fernunterricht ist nur ein behelfsmässiges Instrument», so Kölliker. Besonders für Familien mit Kindern im Volksschulalter und Eltern im Homeoffice sei die Situation belastend. Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Kreisen hätten daheim zu wenig Unterstützung. Eine soziale und didaktische Schere tue sich auf.


Die Regierung hat darum die Schulen bereits angewiesen, den Wechsel zurück zum Präsenzunterricht zu planen – um bereit zu sein, wenn der Bundesrat die ausserordentliche Lage wieder aufhebt. Der Kanton St.Gallen werde sich in Bern dafür einsetzen, dass die Einschränkungen für die Schulen bald gelockert würden.

Auch wenn noch völlig offen ist, wie lange der nationale Ausnahmezustand dauern wird: Das St.Galler Bildungsdepartement hat den Schulen einen Fahrplan vorgegeben. Nach den Frühlingsferien wird der Fernunterricht noch bis Ende April fortgesetzt. Neu sollen die Lehrpersonen nicht mehr nur bisherigen Stoff repetieren, sondern auch neuen Stoff vermitteln dürfen. Der Lehrplan gilt weiterhin. Ab Mai ist wieder teilweise Präsenzunterricht vorgesehen, etwa in Kleingruppen für benachteiligte Schülerinnen und Schüler. Spätestens ab Juni sollen die Schulen dann wieder bereit sein für den flächendeckenden Präsenzunterricht.

Coronavermerk im Zeugnis


Trotz Corona wird an der Volksschule das aktuelle Schuljahr als vollwertiges Schuljahr anerkannt: Dies hat die Regierung beschlossen. In den Zeugnissen wird vermerkt, dass der Präsenzunterricht während der Pandemie ausgesetzt wurde. Der Schulkalender mit den Feriendaten für dieses und das kommende Schuljahr bleibt gültig, es sind keine Verschiebungen geplant.


Unklarheiten gibt es hingegen auf den höheren Stufen: Bei den Berufsschulen zeichnet sich laut Kölliker ab, dass das Qualifikationsverfahren nicht wie gewohnt durchgeführt werden kann. Man müsse davon ausgehen, «dass weitgehend auf Erfahrungsnoten zurückgegriffen werden muss». Bis Mitte April wollen Verbände, Bund und Kantone das Vorgehen regeln. Derzeit seien die Lehrlinge wegen der geschlossenen Schulen die ganze Arbeitswoche im Betrieb, so der Bildungschef. Es sei sinnvoll, dass sie ihre Arbeitgeber nach Kräften unterstützen könnten, sie müssten aber an Schultagen für Fernunterricht zur Verfügung stehen.


Für die Mittelschulen ist eine Corona-Promotionsordnung in Arbeit. Die Abschlussprüfungen werden national koordiniert. Die Erziehungsdirektorenkonferenz will noch diese Woche über die weiteren Schritte informieren. Ebenfalls noch offen ist, wie die Hochschulen die Abschlussprüfungen handhaben werden. Bei den Stipendien zeigt sich der Kanton kulant: Für das aktuelle Semester zahlt er sie auch dann, wenn dieses wegen Corona unterbrochen oder abgebrochen wird. Wer die maximale Bezugsdauer erreicht hat, aber wegen der Pandemie ein zusätzliches Semester anhängen muss, erhält ebenfalls nochmals Geld.

Kanton plant Zusatzhilfe für Start-ups


Auch die Wirtschaftshilfe war Thema an der Medienkonferenz der Regierung. Finanzchef Benedikt Würth zitierte eine Umfrage der Ostschweizer Industrie- und Handelskammern, wonach über 50 Prozent der Firmen mit Liquiditätsproblemen rechnen würden. «Je kleiner die Firma, desto grösser die Probleme», sagte Würth. Ob das Hilfspaket des Bundes ausreichen werde, sei offen. Der Kanton hat bereits zusätzlich 40 Millionen Franken in Aussicht gestellt, um die Liquidität der Unternehmen zu sichern. Weitere fünf Millionen sollen noch hinzukommen – zugunsten der Start-ups. Für diese Firmen sei die Unterstützung des Bundes zu schmal, so Würth. Die Kredite betragen maximal 50 000 Franken. Der Kanton arbeitet nun mit der St. Galler Kantonalbank an einer Vereinbarung, um Kredite bis 150 000 Franken zu ermöglichen. Die Regierung wird die Regelung voraussichtlich am Samstag verabschieden. Das 45-Millionen-Paket kommt im Mai in den Kantonsrat. Weitere Entlastungen hat die Regierung bereits in Eigenregie entschieden, etwa die Aussetzung der Abgaben für Gastro- und Hotelbetriebe.