Feldkirch
Opfer und Täter zugleich: 76-jähriger Rentner attackiert seine demente Frau mit einem Beil, nachdem ihm diese mehrere Messerstiche verpassen wollte

«Ich stech dich ab», soll eine demente Frau ihrem Ehemann gedroht haben. Nachdem sie ihren Worten Taten folgen lassen wollte, habe ihr 76-jähriger Gatte die Fassung verloren. Mit einem Beil hat er sie lebensbedrohlich verletzt – und muss nun wohl für zehn Jahre ins Gefängnis. Das hat das Landesgericht Feldkirch entschieden.

Christiane Eckert
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Gestelltes Bild zum Thema häusliche Gewalt.

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Symbolbild: Keystone

«Ich wusste gar nicht was los ist, als ich meine Eltern, beide blutüberströmt, in ihrer Wohnung nebeneinander am Boden liegen sah», erzählt der Sohn der Eheleute im Zeugenstand. Er war im Juli vergangenen Jahres auf einen Anruf seines Vaters hin in die Lustenauer Wohnung geeilt, er hatte keine Ahnung, warum er kommen sollte. Das Drama begann um neun Uhr morgens, als die Eheleute, die sich in jungen Jahren in der Türkei kennen lernten, zunächst verbal in die Haare gerieten.

Die Frau ist seit einiger Zeit dement, allerdings in einer Form, die für Laien nicht sofort erkennbar ist. «Ich steche Dich ab», soll sie gedroht haben. Er daraufhin:

«Dann stich doch.»

Sie nahm das Küchenmesser mit 19 Zentimeter langer Klinge und rammte es dem Gatten in den Bauch. «Das Messer ist nicht durchgegangen, Du musst schon nochmals stechen», erwiderte der Mann. Die Frau folgte der Aufforderung noch zwei Mal. Jetzt wollte der Rentner plötzlich doch Hilfe holen, da ereilte ihn vier Mal die stumpfe Seite eines grossen Beils. Als die Frau ihn dann noch im Zusammenhang mit seiner Darmkrebserkrankung übel beleidigte, sei er ausgerastet, sagt der Angeklagte.

Brutal und hilflos

Geschwächt sitzt der 76-Jährige neben seinem Rollator, flüstert dem Dolmetscher kraftlos seine Version der Geschichte zu. Der hagere Mann räumt ein, dass er seiner Ehefrau nach ihrer Attacke das Beil wegnahm und ihr damit auf den Kopf schlug. Die demenzkranke Frau erlitt durch insgesamt vier Schläge schwerste innere Kopfverletzungen sowie mehrere Schädelfrakturen. Er habe keinen klaren Kopf gehabt, sagt er. Töten habe er seine Frau nie wollen, nicht einmal verletzen.

«Was denken Sie, was passiert, wenn man einem Menschen mit so einem Beil mehrfach auf den Kopf schlägt?», hakt die Vorsitzende nach. Er wisse, was das für Folgen haben könne. Er führt allerdings weiter aus:

«Wenn ich töten hätte wollen, hätte ich anders zuschlagen müssen.»

Die Schläge wurden mit der stumpfen Seite des Beils ausgeführt, dennoch, das Metallstück ist schwer und kantig. «Sie haben die Beamten immerhin gefragt, ob Ihre Frau noch lebt», weist auch Staatsanwältin Julia Berchtold darauf hin, dass der Angeklagte sehr wohl von Lebensgefahr ausgegangen war.

Zehn Jahre Gefängnis und Entschädigungszahlung

Die beiden Rentner führten eine «normale» Ehe. 1970 waren sie als Gastarbeiter nach Vorarlberg gekommen, 56 Jahre waren sie verheiratet, ehe es zu dem Vorfall kam. Haller attestiert dem Angeklagten aufgrund einer depressiven Anpassungsstörung sowie heftiger Erregung eingeschränkte Zurechnungsfähigkeit. Die Geschworenen entscheiden sich mit fünf von acht Stimmen für Mordversuch, der Mann bekommt zehn Jahre Gefängnis.

Mildernd war die Unbescholtenheit, die verminderte Zurechnungsfähigkeit, der Umstand, dass der Mann sowohl provoziert, als auch selbst verletzt worden war und dass die Tat beim Versuch geblieben ist. Der Frau werden 17'800 Euro Entschädigung zugesprochen. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.