«Felder unter Wasser oder 30 Hektaren Bohnen verreckt, alles schon erlebt»: Die Ostschweizer Bauern wissen, wie man Krisen übersteht

In der Corona-Krise arbeitet die Ostschweizer Landwirtschaft mit Hochdruck und verschärften Hygienevorschriften. Trotz Lockdown und Grenzschliessungen können sie mit Erntehelfern rechnen.

Marcel Elsener
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Vollmundige Symmetrie: Salatköpfe in Reih und Glied.

Vollmundige Symmetrie: Salatköpfe in Reih und Glied.

Michel Canonica

In der Krise wirkt die Normalität sensationell beruhigend. Entsprechend wohltuend die Botschaft, dass die Ostschweizer Bäuerinnen und Bauern vom Corona-Notstand «im Moment wenig betroffen sind». Andreas Widmer, Geschäftsführer des St.Galler Bauernverbandes, sagt dies mit Blick auf die Grünland-Landwirtschaft mit Kühen und Schweinen, die «fast normal» weitergehe. Zudem gehörten die Landwirte zu jenen Berufsständen, die sich nicht leicht aus der Ruhe bringen liessen:

«Der Bauer ist sich gewohnt, dass die Natur oder das Wetter nicht mitspielt. Er geht lockerer mit Unwägbarkeiten um.»

Den Druck der Krise spüren freilich die Gemüseproduzenten, deren Bestellungen von Frischprodukten in den letzten Wochen förmlich explodierten. «Sie ernten ein Mehrfaches an Salat, Radieschen, Spinat oder Lauch», sagt Widmer. «Und sie können erfreulicherweise mehr liefern, weil das Gemüse in diesem Jahr zwei Wochen früher dran ist als üblich.» Den Hochdruck in der Ernte bestätigt Jürg Fatzer, Geschäftsführer Verband Thurgauer Landwirtschaft. Die frühe Vegetation begünstige die Nachfrage.

Andreas Widmer

Andreas Widmer

Jedoch sei die erste Welle in zwei, drei Wochen weg und drohe dann im Inlandmarkt eine vorübergehende Verknappung – bis zum zweiten Ernteschub. Offen bleibt laut Widmer die Frage, wie sich der gebremste Import und die ohnehin schwierigen Lieferungen aus den südlichen Ländern auswirkten. Der in manchen Supermärkten beobachtete Mangel an Zwiebeln und Knoblauch habe übrigens nichts mit Frischprodukten zu tun: «Da war die Verkaufswut wohl so gross, dass die Lagerbestände nicht mehr reichten.»

Kleinere Gruppen, verschiedene Orte, Pausen in Etappen

Die Ernten verlangen Helferinnen und Helfer. «Dringend helfende Hände» suchten diese Woche die «Bodensee-Bauern», eine Vereinigung junger Bäuerinnen und Bauern am deutschen Seeufer. Aufgrund der aktuellen Situation würden die Erntehelfer «nicht in dem Umfang kommen können», wie man sie benötige. «Das bedeutet, dass wir unseren Spargel nicht gestochen, unsere Hopfen nicht an den Draht bekommen und unsere Erdbeeren vielleicht nicht ernten können.» Das Echo ist überwältigend: Mehrere hundert Bewerberinnen und Bewerber für entlöhnte Einsätze müssten nun koordiniert werden, teilten die «Bodensee-Bauern» schon tags darauf mit.

In der Schweiz sei die Situation in der Erntehilfe nicht prekär, sagen der St.Galler Bauernverbandsgeschäftsführer und sein Thurgauer Kollege übereinstimmend. Zum einen seien «viele Leute schon da», zum andern hat der Bund für landwirtschaftliche Hilfskräfte als Ausnahme eine achttägige Einreisefrist erlaubt. Bis zum 26.  März können ausländische Arbeitskräfte mit Arbeitsvertrag und Aufenthaltsbewilligung in die Schweiz einreisen. Die Helferinnen und Helfer – mehrheitlich aus Polen, Moldawien, Rumänien und der Ukraine – stehen demnach zur Verfügung. Allerdings mit der Einschränkung, dass Rumänien eine Ausreisesperre verhängt hat. «Das könnte ein Problem werden», sagt Widmer. Abhilfe verspricht er sich von den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV), die zusammen mit den Gemeinden Stellenlose an die Gemüse- und Beerenproduzenten vermitteln. «Dieses Netzwerk funktioniert gut, man wird die Erntehilfe im Griff haben.»

Wie die verschärften Hygienevorschriften auf den Feldern mit teils hundert und mehr Helfern in Handarbeitsverhältnissen umgesetzt werden, steht auf einem anderen Blatt. Grosse Gemüseproduzenten wie der Rheintaler Stefan Britschgi haben Massnahmen wie die Zweimeter-Abstandsregel schon früh eingeführt. In Diepoldsau lasse er in kleineren Gruppen und gleichzeitig an verschiedenen Orten arbeiten, was weiteren Abstand ermögliche, sagt Britschgi.

«Was die Leute am meisten trifft, sind die gemeinsamen Pausen. Die müssen wir halt etappieren.»

Desinfektionsmittel gibt es in der Rüsterei, der Kantine und im Umkleideraum, auf den Feldern wären sie fehl am Platz.

Viele Grenzgänger getrauen sich nicht mehr

Im Moment erntet Britschgi mit 30 bis 35 Mitarbeitenden, «alle restlos gesund», wie er sich freut. Viel mehr Sorgen als mögliche Ausfälle osteuropäischer Helfer bereitet Britschgi die Situation der Grenzgänger. «Sie dürften zwar kommen, aber viele getrauen sich nicht mehr.» Wenn Ende nächster Woche die Spargelernte beginnt, rechnet auch er bei Ausfällen mit der Hilfe von RAV-Personal. Die grosse Herausforderung werde es sein, die Spargeln in gleichem Umfang zu verkaufen wie gewohnt.

Weil die Vorschriften des Bundes fast täglich änderten, wisse man auch in der Landwirtschaft nicht, wie es weitergehe. Ernten müssten bei einer allfälligen Ausgangssperre aber möglich bleiben. «Irgendjemand muss diese Arbeit machen. In Italien und Frankreich ernten sie auch.»

Stefan Britschgi.

Stefan Britschgi.

Hildegard Bickel

Dass die Bauernschaft Krisen zu meistern weiss, betont auch Britschgi:

«Felder unter Wasser oder 30 Hektaren Bohnen verreckt, alles schon erlebt.»

Restaurantschliessungen wurden sofort spürbar

Ausdrücklich weiterhin erlaubt, mit der Auflage von Hygienevorschriften, sind die in diesen Tagen mehr denn je gefragten Hofläden. Ebenso rege ist die Nachfrage nach Direktlieferungen, die Landwirte bereits seit längerer Zeit mit zunehmendem Erfolg anbieten. Der massiv gesteigerte Umsatz in manchen Hofläden führt da und dort schnell zu leeren Regalen: Andreas Widmer hat von Betreibern gehört, deren Kunden statt wie üblich zwei Kilos Kartoffeln gleich das Zehnfache mitnahmen.

Bauernhof Risch St.Margrethen.
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Bauernhof Risch St.Margrethen.
Bauernhof Risch St.Margrethen.
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Michel Canonica

Ein Problem ist das Verbot von Wochenmärkten: Der Schweizer Bauernverband bemühte sich beim Bund, das Verbot zu lockern und beispielsweise Strassenstände von Bauern zuzulassen. Inzwischen hat der Bundesrat Marktstände den Lebensmittelläden gleichgestellt und damit erlaubt. Allerdings müssten die Abstandsregeln eingehalten werden. Was das für die Wochenmärkte im Detail bedeutet, wird zur Zeit noch abgeklärt. Manche Produzenten, die an Märkten viel Umsatz machten, haben Wege gefunden, ihre Stammkunden direkt anzusprechen.

Fleischkonsum hat massiv abgenommen

Sofort ausgewirkt hat sich die am Montag verordnete Schliessung aller Restaurantbetriebe im Land: Der Fleischkonsum hat massiv abgenommen, Kalbfleisch wurde bereits am Wochenende bedeutend weniger geschlachtet, mancherorts wird Schlachtvieh zurückgewiesen. Widmer ist aber überzeugt, dass sich der Fleischkonsum bald ins Private verlagere. «Die Situation ist ernst, aber vorübergehend, denn in zwei Wochen werden sich die Angebotsüberhänge gelegt haben. Und bestenfalls beginnt ja die Grillsaison früher.» Das Fleischangebot könnte laut Experten dann zum Problem werden, wenn Schlachthöfe trotz strengster Sicherheitsmassnahmen von Personalausfällen betroffen würden.

Von der Corona-Krise scheinen die Bauern tatsächlich weniger zu merken als der Grossteil der Bevölkerung. Bis dato sind weder im Kanton St.Gallen noch im Thurgau ein Fall einer infizierten Person und eines gefährdeten Betriebs aus der Landwirtschaft bekannt. Notfalls stünde der dauernd mit 10 bis 15 Personen bestückte landwirtschaftliche Betriebshelferdienst des jeweiligen Bauernverbandes bereit, der auch bei Krankheiten, Todesfällen oder Ferienaushilfen hilft. Das Angebot sei aktuell noch nicht gefragt, sagt Widmer, im Gegenteil: Aufgrund abgesagter Operationen (etwa der Hüfte) hätten einige Bauern die angeforderten Betriebshelfer wieder abbestellt. Zeitweilige Irritation verursachten verweigerte Verkäufe von Hilfsstoffen wie Pestiziden, zufolge der Sortimentsbeschränkung der Landi Schweiz. Nach Protesten hat sich die Lage geklärt: Die Landwirtschaft hat uneingeschränkten Zugang zu Sämereien, Hilfsstoffen und Dünger. Sie erfülle «einen Versorgungsauftrag, der gerade jetzt existenziell ist und bei dem wir eine wichtige Rolle spielen», heisst es von der St.Galler Genossenschaft Laveba (Landi).

Die aktuelle Krise könnte den gut 7000 Ostschweizer Landwirtschaftsbetrieben letztlich zugutekommen: Die inländische Selbstversorgung mit derzeit knapp 55 Prozent Marktanteil, die der Bund auf unter 50 Prozent herunterschrauben möchte, dürfte wieder höher gewichtet werden, in der Politik wie in der Bevölkerung.

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