Fehler im OP verhindern

Die Sicherheit in Schweizer Operationssälen ist hoch – sie könnte jedoch höher sein, wie eine Studie der Stiftung Patientensicherheit zeigt. Die Ostschweizer Spitäler wollen nun mit standardisierten Prüflisten darauf reagieren.

Lara Wüest
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Ostschweizer Spitäler wollen Komplikationen während einer Operation vermehrt auf einer Liste vermerken, wie das Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Ostschweizer Spitäler wollen Komplikationen während einer Operation vermehrt auf einer Liste vermerken, wie das Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

ST. GALLEN. Eine Injektionsnadel oder eine Klammer, die nach der Operation im Körper vergessen geht – oder noch schlimmer: Der Chirurg nimmt beim Patienten den falschen Eingriff vor. «Das alles kommt vor», bestätigt Paula Bezzola, stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung Patientensicherheit Schweiz. Ihre Stiftung hat den Fehlern in den Spitälern den Kampf angesagt. Sie fordert eine flächendeckende Einführung von höheren Sicherheitskontrollen in den Operationssälen. Die Stiftung beruft sich auf eine eigens in Auftrag gegebene Studie. Diese hat ergeben, dass Schweizer Spitäler die Sicherheit durchaus verbessern können. Sie schlägt vor, die Checkliste der Weltgesundheitsorganisation WHO zu verwenden. Diese wird seit 2009 zur Vermeidung von Fehlern empfohlen.

Uneinheitliche Massnahmen

Ein Grossteil der Spitäler arbeitet bereits mit Prüflisten. Die Studie der Stiftung ergab, dass nur 17 Prozent der 6000 befragten Fachpersonen ohne auskommt. Die Krankenhäuser verwenden jedoch keine einheitlichen Sicherheitsmassnahmen. «Die Kantonsspitäler St. Gallen, Flawil und Rorschach benutzen eine Checkliste, die an eine Empfehlung der Stiftung Patientensicherheit Schweiz anlehnt», sagt Norbert Rose, Leiter des Qualitätsmanagements der St. Galler Kantonsspitäler. «Das ist eine gute Checkliste», so Paula Bezzola. Diejenige der WHO sei jedoch noch vollständiger.

Gemeinsam sind den Checklisten das sogenannte Sign In und das Team-Time-Out. Das Sign In findet statt, wenn der Patient in den Operationssaal kommt. Dabei überprüft das Operationsteam, ob es sich um den richtigen Patienten handelt oder welche Art von Eingriff stattfinden soll. Unmittelbar vor dem chirurgischen Eingriff führt das Operationspersonal das Team-Time-Out durch. Es kontrolliert erneut die Patientenidentität und die Eingriffsart. Zudem wird überprüft, ob die richtige Dosis der Medikamente zum richtigen Zeitpunkt verabreicht wurde. Die WHO empfiehlt zusätzlich das Sign Out. Nach der Operation hält das Team fest, was es gemacht hat, überprüft, ob die chirurgischen Instrumente gezählt wurden oder schreibt auf, ob es Probleme mit dem Material gab.

Fremd ist den St. Galler Kantonsspitälern das Sign Out jedoch nicht. «Bei uns wird dieses nicht im Rahmen einer Checkliste gemacht», sagt Norbert Rose. Inhaltlich gehöre dieser Ablauf jedoch seit längerer Zeit zum Standard. Dennoch wollen die St. Galler Kantonsspitäler prüfen, ob sie das WHO-Sign-Out einführen.

Personal sensibilisieren

Um die Checkliste der Weltgesundheitsorganisation zu verbreiten, führt die Patientensicherheit derzeit das Pilotprojekt «progress! Sichere Chirurgie» durch. Dabei will sie dem Personal die Checkliste näher bringen. Die Studie der Patientensicherheit hat ergeben, dass mindestens jeder zehnte Befragte die Checkliste als hinderlich empfindet. Das sei ein Problem, sagt Bezzola. «Die Leute müssen das Warum und Wie verstehen.» Deshalb brauche es zusätzlich zum Projekt Personalschulungen und eine verbesserte Kommunikation von Seiten des Managements. In der Ostschweiz hat bisher das Kantonsspital Herisau zugesagt, am Pilotprojekt teilzunehmen. Wie die St. Galler Kantonsspitäler arbeitet es mit den Vorprüfungen. «Wir haben ein eigenes Abschlussverfahren, das einen hohen Sicherheitsstandard gewährleistet», sagt Marcel Schibli, Chefchirurg in Herisau. Die Ausserrhoder werden im Rahmen des Pilotprogramms den WHO-Standard bis im Juni 2013 einführen.

Die Thurgauer Kantonsspitäler arbeiten seit mehreren Jahren mit einer «WHO-ähnlichen Liste», wie der CEO der Spital Thurgau AG, Marc Kohler, sagt. Formell stimme ihre Checkliste zwar nicht mit derjenigen der Weltgesundheitsorganisation überein, da sie sprachlich nicht identisch sei. «Inhaltlich ist sie aber dieselbe», sagt Kohler. Doch auch die Thurgauer Spitäler wollen die Sicherheit im Operationssaal noch erhöhen. Wie Herisau möchten sie deshalb am Pilotprojekt «progress! Sichere Chirurgie» teilnehmen, sagt Geschäftsführer Kohler.

Viele Fehler vermeidbar

Das Potenzial, mit der WHO-Prüfliste die Fehler im Operationssaal zu minimieren, ist relativ gross. Eine kürzlich publizierte Studie zu den Niederlanden, die einen ähnlichen Sicherheitsstandard aufweisen wie die Schweiz, zeigt, dass 65 Prozent der «unerwünschten medizinischen Ereignisse» in der Chirurgie auftreten; 45 Prozent der Fälle werden als vermeidbar eingeschätzt. «Deshalb ist es so wichtig, dass jeder einzelne Punkt der Liste abgearbeitet und überprüft wird», sagt Bezzola. Bei der Umsetzung hätten die Spitäler allerdings gewisse Freiheiten. «Die Checkpunkte müssen natürlich den Prozessen der einzelnen Krankenhäuser angepasst werden», so Bezzola.

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