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Streit unter Feministinnen: Jolanda Spiess-Hegglin zeigt die Thurgauerin Julia Onken an – und gewinnt

Es geht um Ehrverletzung und unterschiedliche Ansichten von Feminismus. Ein Streit zwischen Julia Onken und Jolanda Spiess-Hegglin ist zum Fall für die Staatsanwaltschaft geworden. Die Ostschweizerin ist wegen übler Nachrede belangt worden.
Noemi Heule
Die ehemalige Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin (links) erhielt in erster Instanz Recht. Die Ostschweizer Autorin Julia Onken will das Urteil anfechten.

Die ehemalige Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin (links) erhielt in erster Instanz Recht. Die Ostschweizer Autorin Julia Onken will das Urteil anfechten.

Man möchte ihr nicht im Dunkeln begegnen, schrieb die «Zeit» einst über Julia Onken. «Eine falsche Handbewegung und diese Frau schiesst zurück.» Mit einem offenen Brief an Jolanda Spiess-Hegglin hat sich die Autorin aus Amriswil nun selbst zur Zielscheibe gemacht. Sie hat es mit einer Frau aufgenommen, die ihrerseits zurück schiesst. Nicht nur mit Worten, sondern auch auf juristischem Weg.

Die Fehde zwischen den beiden erklärten Feministinnen ist bis vor die Staatsanwaltschaft gelangt. Sie endet für Julia Onken mit einem Strafbefehl wegen übler Nachrede und einer Busse. Vorerst.

Julia Onken: Autorin aus Amriswil

Ihren ersten grossen Erfolg erlangte Julia ­Onken 1988 mit ihrem Erstling «Feuerzeichenfrau» – einem Buch über die Wechseljahre. Seither hat die Autorin aus Amriswil zahlreiche Nachfolgewerke veröffentlicht und zählt weltweit über eine Million verkaufter Exemplare. Onken liess sich einst zur Papeteristin ausbilden und hängte, als ihre zweite Tochter in den Kindergarten kam, ein Studium in Psychologie an. Die 76-jährige Vorreiterin des Schweizer Feminismus ist Gründerin des Frauenseminars Bodensee und Präsidentin des Vereins «Bildungsfonds für Frauen».

Im Dezember 2016 hatte die Doyenne des Schweizer Feminismus auf ihrem Blog einen Artikel über Spiess-Hegglin veröffentlicht. Darin ist von «Fremdgehen», einem «Fehltritt» und einem «Filmriss» die Rede. Die These der Textpassage: Spiess-Hegglin habe sich nach einer sexuellen Eskapade als Opfer eines Verbrechens dargestellt, um sich aus der Verantwortung zu ziehen. Sie spricht Spiess-Hegglin direkt an:

«Sie behaupten, Ihr Flirtpartner habe Ihnen K. o.-Tropfen verabreicht (...) und er habe Sie vergewaltigt.»

Der Eintrag nimmt Bezug auf Vorfälle an der Zuger Landammannfeier 2014 zwischen der damaligen Grünen Kantonsrätin Jolanda Spiess-Hegglin und ihrem SVP-Ratskollegen Markus Hürlimann. Die Episode dominierte im Anschluss schweizweit die Schlagzeilen.

Onken stützt sich auf Falschinformationen

Nur: Die Medienberichte, auf die sich Onken stützt, entsprechen nicht der Wahrheit, was zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Blogeintrages bereits klar war. In einer Einstellungsverfügung hatte die Zuger Staatsanwaltschaft im August 2015 festgehalten, dass Spiess-Hegglin keine konkreten Beschuldigungen gegen Markus Hürlimann erhoben hatte. Weder, dass er ihr sedierende Substanzen verabreicht, noch gegen ihren Willen sexuelle Handlungen vollzogen habe. Wegen der Berichterstattung sind noch immer Gerichtsverfahren gegen die «Weltwoche» und den «Blick» in Gang.

Jolanda Spiess-Hegglin: Aktivistin gegen Hassreden

Über Nacht wurde Jolanda Spiess-Hegglin 2014 von einer national unbekannten Lokalpolitikerin der Grünen zu einer
der meist gegoogelten Personen der Schweiz. Zwei Jahre nach den Vorfällen an der Zuger Landammannfeier und der darauf folgenden Medienpräsenz schied die einstige Videojournalistin und Reporterin aus dem Zuger Kantonsrat aus. Seither engagiert sie sich als Gründerin und Geschäftsführerin des gemeinnützigen Vereins Netzcourage gegen Hassreden, Diskriminierung und Rassismus im Internet. Die 39-Jährige ist verheiratet und Mutter von drei Kindern.

Der Vorfall an der Zuger Landammmannfeier machte Jolanda Spiess-Hegglin über Nacht zur Titelfigur der Boulevardpresse. Die Medienpräsenz gegen Spiess-Hegglin löste eine Welle des Hasses, Drohungen, Beleidigungen, Beschimpfungen, Behauptungen aus. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, dagegen vorzugehen, auf Social Media und mit juristischen Mitteln. Von der Politik hat sie sich verabschiedet. Sie gründete «Netzcourage», einen Verein, der sich gemäss Website «für Anstand» und «gegen Hassrede, Diskriminierung und Rassismus im Internet» einsetzt.

Nur ein Bruchteil der Anzeigen richtet sich gegen Frauen

Fast 200 Anzeigen hat Spiess-Hegglin seither eingereicht. Einige davon für andere, etwa für Juso-Präsidentin Tamara Funiciello, rund die Hälfte davon in eigener Sache. Auch Christoph Mörgeli oder Weltwoche-Vize Philipp Gut gehören zu den Verzeigten. Viele Verfahren endeten abseits der Öffentlichkeit mit einem Vergleich und einer gemeinnützigen Spende. Die Urheber sind meist männlich, meist politische Gegner.

Nur rund drei Prozent der Anklagen richte sich gegen Frauen, sagt Spiess-Hegglin auf Anfrage. Auch sie liessen sich in der Regel am rechten Rand des politischen Spektrums verorten und bedienten sich einer Zurück-an-den-Herd-Rhetorik. Einzige Ausnahme: Julia Onken.

Im Gegensatz zu den Beschimpfungen, die Spiess-Hegglin aus den Kommentarspalten auf Social Media entgegenschwappt, wirkt die Formulierung auf Onkens Blog «Generationen-unterwegs» beinah zahm. Es ist auch nicht die Wortwahl allein, die Spiess-Hegglin störte. Sondern die Urheberin der Unwahrheit. Sie fragt:

«Wie kann eine, die sich Frauenrechtlerin nennt, öffentlich die Ehre einer anderen Frau verletzen?»

Dass sich Frauen, noch dazu Feministinnen, gegenseitig in den Rücken fallen, sei «Gift für die Gleichstellung von Mann und Frau». Die feministische Szene lese Onkens Blog, für viele sei sie nach wie vor Vorbild.

«Unsinnige Gedankenrülpser» und eine «kleine Rache»

Für Spiess-Hegglin offenbart der Rechtsstreit einen Generationenstreit. Das einstige Aushängeschild spiele in der aktuellen Frauenbewegung eine untergeordnete Rolle und wehre sich gegen andere, neuere Ausprägungen von Feminismus. Mit Aktivismus auf Social Media, dem Tummelfeld von Spiess-Hegglin, kann die 76-Jährige wenig anfangen.

Gegenüber dem Onlineportal «Die Ostschweiz» sprach sie in diesem Zusammenhang in gewohnt scharfer Manier von der Gefahr, jeden «unsinnigen Gedankenrülpser» zu veröffentlichen. Das habe mit Feminismus wenig zu tun. Dass Spiess-Hegglin den Blogeintrag ihrerseits auf Facebook weiterverbreitete und sie damit dem Urteil ihrer Fangemeinde aussetzte, bezeichnet Onken in einem Einstellungsantrag als «kleine Rache».

Auch Julia Onken schiesst zurück

Zum Strafbefehl möchte Julia Onken auf Anfrage keine Stellung beziehen. Die Bischofszeller Staatsanwaltschaft hat eine Busse von 300 Franken und eine bedingte Geldstrafe von 1700 Franken ausgesprochen. Der verbale Schusswechsel zwischen den beiden Frauen ist mit diesem ersten Entscheid jedoch nicht vorbei. Julia Onken kündigt an, den Entscheid anzufechten.

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