Die Geschichte der St.Galler FDP und CVP: Zwölf Sitze – allein für die Mitte

Eineinhalb Jahrhunderte lang dominierten FDP und CVP die St.Galler Delegation im Nationalrat.

Adrian Vögele
Merken
Drucken
Teilen
1958 war Kurt Furgler einer von sechs St.Galler CVP-Nationalräten, später wurde er Bundesrat. (Bild: Jules Vogt/Photopress Archiv)

1958 war Kurt Furgler einer von sechs St.Galler CVP-Nationalräten, später wurde er Bundesrat. (Bild: Jules Vogt/Photopress Archiv)

Ist St. Gallen im Bundesparlament ein Leichtgewicht? Die Zahlen sagen: nein. Denn gerne geht vergessen, dass die Anzahl Nationalratssitze pro Kanton anhand der Bevölkerungszahl festgelegt wird. St. Gallen gehört mit seiner halben Million Einwohner zu den grösseren Kantonen und hat zwölf Nationalrätinnen und Nationalräte – das ist die fünftgrösste Delegation, nach Zürich, Bern, Waadt und Aargau.

Einst stand St.Gallen gar an vierter Stelle. 1848, in der Geburtsstunde des Bundesstaats, wurde zunächst festgelegt, dass jeder Nationalrat 20 000 Einwohner vertreten solle. Damit zählte die grosse Kammer 111 Sitze, acht davon erhielt St.Gallen. Parteien im heutigen Sinn gab es noch nicht, doch über Jahrzehnte waren es mehrheitlich Freisinnige und Liberale, die den Kanton in Bern vertraten. 1894 wurde die FDP gegründet – sie hielt im Parlament die absolute Mehrheit, bis 1919 das Proporzwahlsystem eingeführt wurde. In der St.Galler Delegation jedoch entwickelten sich die Katholisch-Konservativen zu einer starken Kraft. Die KVP, die Vorgängerin der CVP, wurde 1912 ins Leben gerufen.

Die CVP überholt den Freisinn

Auf heutige Vertreter der St. Galler Mitteparteien müssen die Wahlresultate von 1919 paradiesisch wirken. Wegen der Bevölkerungszunahme war der Nationalrat auf 189 Sitze angewachsen, 15 entfielen auf den Kanton St. Gallen. Davon holte die FDP fünf und die KVP sechs Mandate. Zwei Sitze machte die SP, weitere zwei die Demokratische Partei, die sich für Volksrechte und soziale Reformen einsetzte.

In der St.Galler Delegation behielt die KVP in den folgenden Jahren die Oberhand. Während die FDP in den 20er-Jahren konstant blieb, gewannen KVP und SP auf Kosten der Demokraten je einen Sitz dazu – die KVP erreichte mit sieben Sitzen ihr Allzeithoch.

Doch dabei blieb es nicht. In den 30er-Jahren hatte der Kanton nur noch Anspruch auf 13 Sitze, wobei der Rhythmus der eidgenössischen Wahlen von drei auf vier Jahre wechselte. Der Landesring der Unabhängigen (LdU), initiiert von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler, ergatterte 1935 einen St. Galler Nationalratssitz. Die Freisinnigen waren bei vier Sitzen angelangt, die KVP pendelte zwischen fünf und sechs.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erstarrten die Parteiverhältnisse in der St.Galler Delegation: KVP sechs Sitze, FDP vier, SP zwei, LdU einer – so blieb die Sitzverteilung über Jahrzehnte. 1963 wurde die definitive Grösse des Nationalrats festgelegt: 200 Sitze, nicht mehr, nicht weniger. Die Verteilung auf die Kantone erfolgte weiterhin aufgrund der Bevölkerungszahlen. St.Gallen musste ab 1971 mit zwölf Mandaten vorliebnehmen. Der Sitzverlust ging auf Kosten der FDP. Zugleich durften in jenem Jahr erstmals auch die Frauen wählen und zur Wahl antreten. Unter den zehn Frauen, die 1971 in den Nationalrat gewählt wurden, waren zwei St.Gallerinnen: Hanny Thalmann (CVP) und Hanna Sahlfeld-Singer (SP).

Die 90er-Jahre brachten neue Verhältnisse

1983 gelang es der FDP, den Christlichdemokraten nochmals einen Sitz abzujagen, doch schon vier Jahre später holte die CVP diesen zurück. Dann kamen die 90er-Jahre – und mit der Dominanz der beiden Mitteparteien war es vorbei. Der Rückgang, der sich bei der FDP über das ganze Jahrhundert hingezogen hatte, kam für die CVP quasi im Schnelldurchlauf. Dafür gewannen Kräfte an den Polen des politischen Spektrums an Einfluss. 1991 wählten die St. Galler die Grünen und die Autopartei in den Nationalrat, die Mitteparteien verloren je einen Sitz. 1995 zog mit Toni Brunner die SVP in die St. Galler Delegation ein, dafür verschwand die LdU. Ein Jahr später war auch das Zwischenspiel der Autopartei vorüber, während die SVP gewann und gewann: 2007 errang sie fünf Sitze – die CVP hatte noch drei, die SP weiterhin zwei, FDP und die Grünen je einen. 2011, es war das Jahr der Fukushima-Katastrophe, musste die SVP ein Mandat abgeben, während die GLP neu hinzukam – allerdings nur für vier Jahre. Grüne und GLP verloren 2015 ihre Sitze, die SVP kam wieder auf fünf und die FDP auf zwei Mandate.

Drei SP-Ständeräte

Die beiden St. Galler Ständeratssitze waren im 19. Jahrhundert fast immer in der Hand der Liberalen. Nach der Jahrhundertwende gewann auch die CVP an Einfluss in der kleinen Kammer. Im Zeitraum von 1900 bis heute sind die Verhältnisse ausgeglichen: Die St. Galler FDP hatte insgesamt neun Standesvertreter in Bern, die CVP kommt seit Benedikt Würths Wahl auf dieselbe Zahl. Drei SP-Vertretern gelang es bisher, diese Vormacht zu brechen – Paul Rechsteiner inklusive. (av)


Das Tagblatt-Wahldossier

Am 20. Oktober wählt die Schweiz ihr eidgenössisches Parlament. Alles zu den Wahlen von National- und Ständerat, und was sie für die Ostschweiz bedeuten, finden Sie in unserem Dossier.