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«Schulnoten sind ungeeignet für die Förderung junger Menschen»: Warum der Kanton St.Gallen im Reformstau steckt

Seit Monaten bewegt das neue Volksschulzeugnis die Thurgauer Öffentlichkeit. Im Kanton St.Gallen hingegen hat die SVP die Reform der Notenskala erfolgreich verhindert. Trotzdem sehen Bildungsexperten Raum für Verbesserungen.
Michael Genova
Der St. Galler Kantonsrat verankerte 2017 die klassiche Notenskala im Volksschulgesetz. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Der St. Galler Kantonsrat verankerte 2017 die klassiche Notenskala im Volksschulgesetz. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Das ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Für einen Moment schien es, als würde der Kanton St.Gallen zum neuen Vorreiter in Sachen Schulnoten. Die Stadt St.Gallen hatte 2016 Halbnoten im Alleingang abgeschafft, und der St.Galler Erziehungsrat schlug kurz darauf vor, auf die Noten 1 und 2 ganz zu verzichten. Doch die SVP überzeugte Anfang 2017 die bürgerliche Mehrheit im Kantonsrat, die traditionelle Notenskala im Volksschulgesetz zu verankern. So emotional die Debatte geführt wurde, so schnell war sie auch wieder vorbei.

Für die SVP war ihre Intervention ein voller Erfolg: Die progressive Stadt St.Gallen musste zurückkrebsen und Halbnoten wieder einführen, der Erziehungsrat zog seinen Vorschlag zurück und verordnete sich eine Denkpause. Auch zwei Jahre später sieht Bildungsdirektor Stefan Kölliker (SVP) keinen Reformbedarf: «Das Ausweisen von fachlichen Leistungen in Form von Noten ist gesellschaftlich gut verankert», sagt er. Es sei viel interessanter, sich über den Prozess zu unterhalten, wie eine Zeugnisnote zustande komme und welche Informationen darin enthalten seien. Eine öffentliche Diskussion ist jedoch nicht mehr in Gang gekommen.

Ostschweizer halten an Schulnoten fest

Im Kanton Thurgau hingegen wird seit Monaten über das neue Volksschulzeugnis debattiert. Strittig ist unter anderem die Abschaffung der mündlichen Noten oder die Einführung von Sammelnoten. So können Lehrer in Eigenregie beispielsweise die Fächer Physik, Chemie und Biologie zu «Natur und Technik» zusammenfassen.

Zwar geht der Thurgau nicht so weit, halbe oder ganze Schulnoten abzuschaffen. Doch auch die kontroversen Reaktionen auf die Thurgauer Neuerungen illustrieren, wie unantastbar die Noten im Schweizer Schulsystem sind.

Diese Erfahrung musste auch Appenzell Ausserrhoden machen. Der Kanton hatte 2000 die Zeugnisnoten auf der gesamten Primarstufe abgeschafft und durch schriftliche Leistungsbeurteilungen ersetzt. Nach der deutlichen Annahme einer SVP-Initiative im Jahr 2009 wurden Noten ab der 4. Klasse wieder eingeführt.

Reformstau im Kanton St.Gallen

Im Kanton St.Gallen ist eine teilweise Abschaffung von Schulnoten nach den hitzigen Debatten der Jahre 2016 bis 2017 politisch kein Thema mehr. Zu klar waren damals die Mehrheiten.

Nur die SP-Grüne-Fraktion stellte sich gegen eine Verankerung der Zeugnisnoten im Volksschulgesetz, weil damit ein einseitig auf Arithmetik von Noten basiertes Schulwesen zementiert würde. Zurzeit prüft der St.Galler Erziehungsrat die Beurteilungspraxis an den Volksschulen. Im Frühjahr soll eine Evaluation vorliegen.

Daniel Baumgartner, SP-Kantonsrat und Leiter der Heilpädagogischen Schule Flawil, will diesen Bericht zuerst abwarten. Vorher sei es nicht sinnvoll, irgendwelche neuen Forderungen aufzustellen. «Eine mögliche Anpassung der Notenskala ist eine sekundäre Frage», sagt er. Zudem sei ein Alleingang einer Partei in dieser Frage nicht sinnvoll.

Auch Thomas Rüegg, FDP-Kantonsrat und Schulpräsident von Rapperswil-Jona, beurteilt die aktuelle Lage nüchtern. Grosse Veränderungen an der Notenskala seien in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. Er sagt aber auch: «Das Problem der ganzheitlichen Beurteilung ist im Kanton St.Gallen noch nicht gelöst.»

Rüegg ist deshalb gespannt auf die Vorschläge des Erziehungsrats und erinnert daran, dass der Kanton bereits 2008 mit der Broschüre «Fördern und Fordern» einen innovativen Grundstein legte. Er wünscht sich, dass der Kanton sich auf dieses Konzept zurückbesinne und sich Gedanken mache, wie er Schülerinnen und Schüler umfassend einschätzen könne. Rüegg ist überzeugt:

«Noten sind ein ungeeignetes Instrument zur Förderung junger Menschen.»

Weil der komplette Verzicht auf Noten nicht mehrheitsfähig sei, schwebt ihm als Zukunftsmodell eine hybride Lösung vor: Einige Schulfächer werden benotet, andere nicht. So könnten Ziffernnoten für Kernfächer wie Deutsch und Mathematik bestehen bleiben. Die Leistungen in Werken, Musik oder bildnerischem Gestalten hingegen würden mit Worten beurteilt.

Bildungsforscher empfiehlt pragmatisches Vorgehen

Eine eindeutige Alternative zu den viel kritisierten Schulnoten kann auch die Wissenschaft nicht liefern. Zwar könnte man aus theoretischer Sicht auch auf Halbnoten sowie die Noten 1 und 2 verzichten, sagt Thomas Birri, Dozent an der Pädagogischen Hochschule St.Gallen. Weil Debatten über Schulnoten jedoch so emotional verliefen, sei das Festhalten an der traditionellen Notenskala ein pragmatischer Entscheid. Dadurch könne die Energie weg von der Notendiskussion hin zu wichtigeren Fragen gelenkt werden. So würden sich etwa Anstrengungen im Bereich der unbenoteten Beurteilung besser auszahlen, da sie sich direkt auf den Lernerfolg der Kinder auswirkten.

Birri betont aber auch: «Ziffernnoten sind eine gültige Informationsgrundlage, sofern sie sorgfältig erhoben werden.» Dabei müsse die Frage im Zentrum stehen, in welcher Qualität ein Kind die Ziele des Lehrplans erreicht habe. Und nicht etwa, wie gut es innerhalb seiner Klasse abschneide. Zudem müssten Lehrpersonen die durch eine Zeugnisnote verschlüsselten Informationen gegenüber den Eltern darlegen können. Birri verweist auf Schulen, welche dazu Kompetenzprofile einsetzen. So können Eltern und Kinder besser nachvollziehen, wie eine Note zustande gekommen ist.

Ostschweizer Schulen führen Noten schrittweise ein

Die Idee einer Schule ohne Zeugnisnoten gibt es seit mehreren Jahrzehnten. Bereits in den 1980er-Jahren etablierte sich zum Beispiel im Kanton Luzern die Basisbewegung «Schule ohne Noten» (SoNo). Allerdings konnte sich bisher keine der zahlreich getesten Alternativen zu Ziffernnoten an öffentlichen Schulen durchsetzen.

Vollständig auf Noten verzichten heute vor allem Privatschulen, die schulische Leistungen in Logbüchern oder Lernportfolios in Worten beschreiben. An den Volksschulen werden Zeugnisnoten heute schrittweise eingeführt. Die meisten Kantone erlauben gemäss einer Umfrage der Erziehungsdirektorenkonferenz in den ersten zwei bis vier Schuljahren Lernberichte ohne Noten. Im Kanton St. Gallen werden die schulischen Leistungen ab Ende der 2. Primarklasse mit einer Note beurteilt. Im Thurgau und in Appenzell Innerrhoden erhalten Schülerinnen und Schüler ab der 3. Klasse ihr erstes Notenzeugnis, in Appenzell Ausserrhoden ab der 4. Klasse. Im Kanton Basel-Stadt gibt es Noten sogar erst ab der 5. Klasse.

Ähnlich wie in der Schweiz ist die Situation in Deutschland. In den meisten Bundesländern werden Noten ab der dritten Klasse vergeben. Am weitesten gehen in Europa die skandinavischen Länder, wo bis zur 8. Klasse auf Noten verzichtet wird. In Finnland etwa legen Schülerinnen und Schüler ihre ersten verbindlichen Tests mit 16 Jahren ab. (mge)

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