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Interview

FDP-Herausforderin Susanne Vincenz: «Benedikt Würth ist ein Tausendsassa»

Sie steht unmittelbar bevor, die heisse Phase des St.Galler Ständeratswahlkampfs. Jetzt geht die freisinnige Herausforderin Susanne Vincenz in die Offensive. Und sie sagt unverblümt, was sie von der Klimapolitik ihrer eigenen Partei hält.
Interview: Stefan Schmid/Regula Weik
Ständeratskandidatin Susanne Vincenz-Stauffacher im Interview. (Bild: Urs Bucher)

Ständeratskandidatin Susanne Vincenz-Stauffacher im Interview. (Bild: Urs Bucher)

Sind Sie eine Draufgängerin?

Susanne Vincenz: Ich bin mutig, ja. Und ich scheue nicht davor zurück, Neues auszuprobieren.

Eine Ständeratskandidatur ist in der Regel die Krönung der politischen Karriere – und nicht der Anfang.

Das ist ein bisschen verwegen, ich gebe es zu. Aber warum sollte man immer alles so machen, wie man es bisher gemacht hat? Ich habe eine andere Biographie. Ich war beruflich tätig und habe zwei Kinder aufgezogen. Für politische Arbeit im Vordergrund blieb da schlicht keine Zeit mehr.

Weshalb soll das Volk jemand mit einem so kleinen politischen Rucksack wählen?

Ich bestreite, dass er so klein ist. Ich war stets politisch aktiv, wenn auch im Hintergrund. Hinzu kommt, dass ich bei Verbänden Führungspositionen innehatte. Das waren höchst politische Ämter, die nicht an ein Mandat gebunden waren.

Zum Beispiel?

Die Leitung der Sonderschule in meiner Gemeinde. Ein unspektakuläres, aber herausforderndes Amt. Ich hatte da auch finanzielle Verantwortung – ein Budget von 3,3 Millionen pro Jahr. Später leitete ich die Frauenzentrale, nun präsidiere ich die Stiftung Opferhilfe.

Trotzdem: Sie treten gegen einen amtierenden Regierungsrat an, der sehr gute Wahlresultate erzielt. Ein Schwergewicht der St.Galler Politszene.

Benedikt Würth ist ein hervorragender Regierungsrat. Es wäre deshalb schön, wenn er diese Arbeit fortsetzt. Zudem: Benedikt Würth tritt gegen mich an. Nicht umgekehrt.

Wie bitte?

Dieser Sitz im Ständerat gehört der FDP.

An Selbstvertrauen mangelt es Ihnen nicht.

Ohne Selbstvertrauen kommt man nicht weit im Leben. Aber lassen Sie mich zu Benedikt Würth noch etwas sagen.

Gerne.

Ich bin eine Frau aus der Privatwirtschaft. Benedikt Würth hat eine klassische Verwaltungskarriere gemacht. Das ist ein anderes Profil.

Ein schlechteres meinen Sie.

Nein, das habe ich damit nicht gesagt.

Aber?

Kein aber. Das Volk hat eine Auswahl. Mann oder Frau. Privatwirtschaft oder Verwaltung. Unabhängig versus jemand, der die Interessen des Staates vertritt.

Apropos Frau: Im Ständerat sitzen nur wenig Frauen.

Ich würde nie antreten mit der Botschaft: Wählt mich, weil ich eine Frau bin. Dennoch sollten wir uns bewusst sein, dass die Frauen in der Politik gut vertreten sein sollten und nicht nur ehemalige Regierungsräte. Davon hat es genug.

Sind Sie für eine Frauenquote in den Verwaltungsräten?

Aus liberaler Sicht sind Quoten nicht ideal, als Übergangslösung aber denkbar. Wenn es mir mit meiner Kandidatur gelingt zu zeigen, dass es sich lohnt, sich dem Wind auszusetzen, habe ich einen Beitrag zur Frauenfrage geleistet.

Finden Sie es gut, dass der Bund die Lohnpolitik der grossen Firmen in der Schweiz kontrollieren soll?

Lohngerechtigkeit ist eine Selbstverständlichkeit. Dafür setze ich mich seit Jahren ein. Die Lösung Bund ist nun ein Fakt und das ist gut so. Ob es darüber hinaus einen administrativen Apparat braucht, bezweifle ich. Wir sollten aber transparenter über Löhne reden und Frauen schulen, wie sie sich in Bewerbungs- oder Lohngesprächen verhalten sollen.

Braucht es mehr Frauen in der St.Galler Regierung?

Ganz klar. Eine Frau ist zu wenig.

Auf FDP-Regierungsrat Martin Klöti, der 2020 zurücktritt, sollte also eine Frau folgen?

Ja, das wäre wünschenswert.

Da könnten Sie in Frage kommen?

Ich liebe meinen Beruf. Ich möchte ihn – Stand heute – nicht aufgeben. Darum reizt mich ein Exekutivamt derzeit nicht.

Finden Sie es richtig, dass Benedikt Würth im Falle einer Wahl in den Ständerat noch ein Jahr lang Regierungsrat bleiben möchte?

Ich staune, wie er das alles unter einen Hut zu bringen gedenkt. Benedikt Würth ist ein Tausendsassa. Aber das muss er letztlich selber entscheiden.

Ist das nicht eine Zumutung für die Stimmbürgerschaft?

Fragen Sie Benedikt Würth. Mein Vorteil ist, dass ich vom ersten Tag weg mit voller Kraft Ständerätin sein könnte.

Klimapolitik: Die FDP hat mitgeholfen, das CO2-Gesetz zu verwässern.

Das ist ein Fehler. Ich bin froh, kommt die Vorlage im Sommer in den Ständerat. Ich würde wahnsinnig gerne mithelfen, das Gesetz zu verbessern.

Braucht es höhere Benzinpreise?

Das ist kein Tabu, ebensowenig wie höhere Flugpreise. Klimaschutz darf etwas kosten.

Das tönt nicht sehr FDP-like.

Wichtig ist, dass sich die Wirtschaft entwickeln kann. Darauf müssen wir Acht geben. Aber es kann nicht sein, dass jemand für 60 Franken schnell nach London fliegt, um dort einen Pulli zu kaufen.

Sie fliegen nicht, richtig?

Richtig.

Haben Sie Flugangst?

Auch. Aber es entspricht durchaus meiner ökologischen Überzeugung. Darum mache ich auch keine Kreuzfahrten. Wir machen meist im Toggenburg Ferien. Ich weiss, das tönt jetzt etwas langweilig. Aber uns gefällt es dort einfach sehr gut.

Aber ein Auto besitzen Sie?

Ja, einen Benziner wie auch ein Elektroauto. Das war ein bewusster Entscheid.

Sind Sie eine verkappte Grünliberale?

Das habe ich mich auch schon gefragt. Ich habe mich sehr über die Wahlempfehlung der GLP gefreut. Die FDP hätte die Entstehung dieser Partei mit einer erhöhten Sensibilität für ökologische Anliegen verhindern können. Grünliberale und Umweltfreisinnige sind sich nahe. Zu Ihrer Frage: Ich tendiere mittlerweile zu den Umweltfreisinnigen.

Ihre St.Galler FDP-Freunde kämpfen häufig für mehr Parkplätze und Strassen. Wie verträgt sich das?

Ich verteufle Autos und Strassen überhaupt nicht. Engpässe müssen beseitigt werden. Das Gewerbe braucht genügend Parkplätze.

Muss das AHV-Alter der Frauen auf 65 erhöht werden?

Ja. Es ist Zeit, das Rentenalter anzuheben. Die Verknüpfung mit der Lohngleichheitsfrage kann ich nachvollziehen, sie ist aber letztlich nicht sachgemäss.

Oder sogar auf 67 – für alle?

Das schliesse ich künftig nicht ganz aus. Wenn wir immer älter werden, gibt es auch keinen Grund, dass wir nicht länger arbeiten. Vielleicht sollten wir es machen wie die Niederländer.

Nämlich?

Das Rentenalter automatisch an die steigende Lebenserwartung anpassen. Dieses Modell müssen wir studieren. Das würde die Frage etwas entpolitisieren.

Die Krankenkassenprämien steigen und steigen. Was ist dagegen zu tun?

Wir müssen auf die Eigenverantwortung setzen. Man darf einfach nicht wegen jedem Wehwechen zum Arzt gehen.

Halten Sie die St.Gallerinnen und St.Galler für wehleidig?

Das habe ich nicht gesagt. Es ist nachvollziehbar, dass man Leistungen in Anspruch nimmt, wenn man derart hohe Prämien zahlt. Damit steigen aber auch die Kosten weiter. Vielleicht müssen wir abgestufte Franchisen einführen.

Wie meinen Sie das?

Dass chronisch Kranke tiefere Franchisen haben als Gesunde. Das müsste man vertieft prüfen.

Gibt es zu viele Spitäler im Kanton?

Die Frage ist berechtigt. Wo man ansetzen muss, wird sich zeigen. Entscheidend ist, dass niemand von einer guten Versorgung abgehängt wird.

Sie weichen aus. Es braucht doch schlicht weniger Spitäler.

Es braucht andere Formen der Versorgung. Wir müssen Umnutzungen prüfen. Ambulatorien mit angegliedertem Notfalldienst einrichten statt einer Bettenstation.

Braucht die Schweiz ein Rahmenabkommen mit der EU?

Unbedingt.

Sie befürworten das Abkommen, das der Bundesrat ausgehandelt hat?

Nicht telquel. Wir sollten versuchen, mit der EU ein Zusatzprotokoll auszuhandeln, in welchem wir beispielsweise die Übernahme der Unionsbürgerrichtlinie ausschliessen. Da bin ich tatsächlich auch skeptisch. Bei den flankierenden Massnahmen zum Lohnschutz hingegen verstehe ich nicht, weshalb sich die Gewerkschaften so querstellen.

Fragen Sie Paul Rechsteiner.

Ich habe mich mit ihm darüber unterhalten. Ich stehe ebenfalls zum Lohnschutz. Es geht nun darum herauszufinden, wie man sich im Vollzug finden kann.

Die Rechte behauptet, der Vertrag unterjoche die Schweiz.

Unsinn. Es nützt uns, wenn sich auch die EU an Abmachungen halten muss. Ohne diesen Vertrag, ohne ein gemeinsames Schiedsgericht sind wir der Machtpolitik ausgeliefert. Die EU kann uns an piesacken. Dessen müssen wir uns bewusst sein.

Sollten Sie nicht in den Ständerat gewählt werden, wollen Sie im Herbst Nationalrätin werden?

Ich bin auf der Liste, ja.

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