Favela-Idee in der Kritik

Wer am Open Air Frauenfeld das Zelt nicht mitschleppen will, kann Material kaufen und eine eigene «Favela» zimmern. Der Begriff stösst nun aber auf Kritik.

Christa Kamm-Sager
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Frauenfeld ist nicht São Paolo (Bild): Die Idee mit den selbstgebauten Hütten am Open Air hat für viele einen Beigeschmack. (Bild: ky)

Frauenfeld ist nicht São Paolo (Bild): Die Idee mit den selbstgebauten Hütten am Open Air hat für viele einen Beigeschmack. (Bild: ky)

FRAUENFELD. Favelas, wie es sie am Rand von Grossstädten gibt, sind aus Abfallmaterialien zusammengebaute Hüttendörfer für Menschen, die sich keinen sicheren Wohnraum leisten können. Es sind Elendsviertel am Rande der Legalität.

Unter dem Begriff Favela lanciert das Open Air Frauenfeld nun eine neue, kommerzielle Idee für das kommende Festival, das zur gleichen Zeit stattfindet wie die Fussball-WM in Brasilien – ein Land, das die Problematik rund um diese Armenviertel nur zu gut kennt. Für 200 Franken können sich Festivalbesucher Material und einen Platz kaufen und ihre eigene Favela bauen. Das stösst auf harsche Kritik: «Eine unsensible Wortwahl» oder «die Favela-Idee ist Schweizer Zynismus pur», heisst es etwa auf dem sozialen Netzwerk Twitter. Als «satt, unpolitisch und blöd», bezeichnet ein anderer Tweet die Begriffswahl.

«Pervertierte Eventkultur»

Die Frauenfelderin Gina Rüetschi stört sich ebenfalls am mangelnden Gespür rund um die Wortwahl. «Ich weiss nicht, ob sich der Veranstalter bewusst ist, was Favelas sind. Hier herrschen Armut und Kriminalität und es gibt keinen legalen Grundbesitz für deren Bewohner», sagt die Grüne Kantonsrätin, die sich jahrelang für den fairen Handel engagierte, für ein Hilfswerk tätig war und daher «sehr sensibilisiert für das Thema Armut» sei.

Rüetschi bezeichnet die Favela-Idee am Open Air Frauenfeld auf Anfrage als «pervertierte Eventkultur». Das ganze sei aber auch unglücklich, weil mit diesem Hüttenbau der Materialverschleiss gefördert werde. «Was passiert mit den Hütten nach dem Open Air?»

Ein anderer Kritiker ist der St. Galler Marcel Baur, selber fleissiger Festivalbesucher. «Ich störe mich sehr an diesem Begriff im Zusammenhang mit einem derart kommerziellen Anlass», sagt das ehemalige Partei- und Gründungsmitglied der St. Galler Piratenpartei. «Diese selbstgebauten Hütten Favela zu nennen, ist einfach nur dekadent und gedankenlos.» Eine andere Begriffswahl und schon sei die Idee, Festivalbesuchern Material und Platz für eine selbstgezimmerte Hütte zu verkaufen, eine gelungene Sache.

Marcel Baur, Jahrgang 1971, hat während der Diskussion auf Twitter und Facebook gemerkt, dass sich junge Festivalbesucher überhaupt nicht am Begriff Favela stören. «Für mich ist das eine verpasste Chance seitens der Veranstalter. Hier hätte man viel Aufklärungsarbeit leisten können.»

Schnelle Empörung

Die Migros als Hauptsponsor wird auf Twitter direkt angesprochen, weshalb so eine Idee indirekt unterstützt werde. «Wir können keine Stellung dazu nehmen, sind jedoch im Gespräch mit dem Veranstalter», tweetet der Grossverteiler. «Auf Twitter gibt es immer eine Möglichkeit, sich schnell und ohne grossen Aufwand zu empören», schreibt jemand.

Ähnlich sehen es die Open-Air-Veranstalter: Sie beziehen keine Stellung zu dieser Diskussion.

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