«Fast unerträglich und unwirklich»: Der St.Galler Bischof Markus Büchel über Gottesdienste vor leeren Rängen

Gottesdienste sind erst ab 8. Juni wieder erlaubt. Der Schweizer Bischofskonferenz ist das zu spät. Der St.Galler Bischof Markus Büchel nimmt bei vielen Gläubigen eine wachsende Ungeduld und Enttäuschung wahr.

Katharina Brenner
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Der St.Galler Bischof Markus Büchel freut sich darauf, die Gläubigen spätestens ab 8. Juni wieder vor Ort im Gottesdienst zu sehen.

Der St.Galler Bischof Markus Büchel freut sich darauf, die Gläubigen spätestens ab 8. Juni wieder vor Ort im Gottesdienst zu sehen.

Benjamin Manser

Die Bischöfe und viele ihrer Gläubigen werden ungeduldig. Seit Montag dürfen Läden und Beizen wieder öffnen. Gottesdienste sind hingegen erst ab dem 8. Juni wieder erlaubt. «Es geht in eine neue Phase der Lockerung, und von der Kirche spricht niemand», sagt der St.Galler Bischof Markus Büchel der Nachrichtenagentur sda. Er nimmt bei vielen Gläubigen eine zunehmende Ungeduld und Enttäuschung wahr.

Die Schweizer Bischofskonferenz hatte sich bereits Anfang Woche in einem offenen Brief an den Bundesrat gewandt. Ihr Präsident, Bischof Felix Gmür, rief in Erinnerung: «Unsere Kirchen haben Ihre Massnahmen stets mitgetragen.» Dies, obwohl das Verbot für Gottesdienst in der Karwoche und an Ostern «für viele Menschen sehr schwer zu ertragen» gewesen sei.

Bischof Felix Gmür

Bischof Felix Gmür

Boris Bürgisser

Gmür ersucht den Bundesrat, ab Auffahrt am 21. Mai oder spätestens ab Pfingsten am 31. Mai öffentliche Gottesdienste wieder zuzulassen. Die Abstand- und Hygieneregeln könnten eingehalten werden. Die Kirchen haben dafür bereits Schutzkonzepte erarbeitet. Im Bistum St.Gallen sieht das Konzept bei der Austeilung der Kommunion vor, dass sich die Kommunionspender vorher die Hände desinfizieren müssen. Die Weihwasserbecken bleiben bis auf Weiteres leer und jedem Gläubigen steht mindestens eine Fläche von vier Quadratmetern zur Verfügung.

Gottesdienste in der eigenen Stube

Der St. Galler Bischof Markus Büchel freut sich darauf, die Menschen wieder live zu sehen. Auch den ersten Restaurantbesuch habe er genossen.

«Ich hoffe, wir haben nicht verlernt, wie wichtig es ist, dass wir einander begegnen können.»

Das Bistum St.Gallen überträgt in der Coronakrise Gottesdienste über Livestream. Der erste Gottesdienst vor leeren Rängen sei «fast unerträglich und unwirklich» gewesen, so Büchel. Nach und nach hätten sich die Priester an die Kameras gewöhnt. Die Übertragungen der Gottesdienste seien sehr positiv aufgenommen worden. Für Besucher sind die Kirchen weiterhin zugänglich.

Am 27. Mai entscheidet der Bundesrat über den weiteren Fahrplan in der Coronakrise. Der Bundesrat könnte dann eine Sonderregel erlassen und Pfingstgottesdienste vier Tage später erlauben. Wie die NZZ schreibt, sei dieses Szenario gemäss Quellen aus dem Umfeld des Bundesrates nicht sehr wahrscheinlich. Hoffnung bereite den Glaubensgemeinschaften hingegen, dass Innenminister Alain Berset Vertreter des Rates für Religionen für den 19. Mai zu einem Treffen geladen hat. Thema: die «schnellstmögliche» Wiederzulassung der Gottesdienste.

Reformierte drängen weniger als Katholiken

Wie verhält es sich bei der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St.Gallen? Natürlich könne man unterschiedlicher Meinung sein, ab wann was wieder möglich ist, sagt Sprecher Andreas Ackermann.

«Allerdings verstehen wir uns auch nicht als Lobbyorganisation, die den politischen Druck möglichst hoch halten muss.»

In Absprache mit den anderen Kantonalkirchen sowie mit dem Bund eine gute Lösung zu finden, sei in den vergangenen Wochen wichtig gewesen. «Entsprechend sehen wir den Zeithorizont 8. Juni als sinnvoll an, da diese Lockerung auch damit einhergeht, dass Veranstaltungen in einer gewissen Form wieder möglich sind.» Für die Forderung schon früher Gottesdienste zu feiern, habe die Kantonalkirche «ein gewisses Verständnis», aber auch «etwas Bedenken», wenn die «Feuerprobe» gleich mit wichtigen Feiertagen einherginge. Da bestehe vielleicht ein kleiner Unterschied zwischen reformiert und katholisch, so Ackermann:

«Bei unserer Schwesterkirche hat der Gottesdienst mit Eucharistie sicher einen höheren Stellenwert als bei uns.»

Trauerfeiern im engen Familienkreis wieder möglich

Gottesdienste sind zwar weiterhin untersagt. Die Vorgaben für Trauerfeiern hat der Bund aber bereits Ende April gelockert. Diese sind nicht mehr nur im engsten Familienkreis möglich. Die Begrenzung auf 10 bis 20 Personen ist gestrichen. Die St.Galler Kantonalkirche hat ihre Kirchgemeinden darüber informiert:

  • Neu wird festgehalten, dass aufgrund der zwingenden Abstands- und Hygienevorschriften «einzig die Wahl der Örtlichkeit ein begrenzender Faktor» für die Teilnehmerzahl ist.
  • Es wird empfohlen, dass sich die Verantwortlichen der Kirchgemeinde mit den Angehörigen absprechen und aufgrund der örtlichen Gegebenheiten eine Teilnehmerzahl bestimmen. Als Richtgrösse sollen pro anwesender Person vier Quadratmeter Fläche zur Verfügung stehen.
  • Gemäss Erläuterungen des Bundes sind auch Beerdigungen denkbar, an denen 30 oder 50 Personen teilnehmen. Bei grossen Personenzahlen wird «grundsätzlich eine zurückhaltende Praxis» empfohlen.

Bischof Markus Büchel sagt, das Begleiten und der Abschied von sterbenden Menschen sei durch den Lockdown schwierig geworden. «Das war wohl einer der grössten Einschnitte, den die Coronakrise für die Kirche mit sich brachte.»

Imam lädt Gläubige via Push-Meldung zum Gebet

Martin Klöti, St.Galler Innenminister

Martin Klöti, St.Galler Innenminister

Regina Kühne

Die Religionsgemeinschaften im Kanton St.Gallen leisteten trotz Coronavirus-Restriktionen einen wichtigen Beitrag zum seelischen Wohlbefinden ihrer Mitglieder und damit auch an der ganzen Gesellschaft. Zu diesem Schluss kommt eine Umfrage des Departements des Innern, die sie bei den Religionsgemeinschaften durchgeführt hat. Das Engagement der Religionsgemeinschaften spende Trost und Zuversicht in diesen schwierigen Zeiten, wird Innenminister Martin Klöti in einer Mitteilung zitiert.

Die Religionsgemeinschaften haben «in sehr kurzer Zeit» ihr Angebot, wie zum Beispiel das gemeinsame Gebet oder Beratungen, auf primär internetbasierende Formen umgestellt, schreibt die Staatskanzlei. So stelle die Islamische Gemeinschaft in Wil eine Smartphone-App zur Verfügung, über die der Imam via Push-Mitteilungen die Mitglieder während des Fastenmonats Ramadan zum gemeinsamen Gebet oder zu Referaten und Diskussionen einladen kann.

In finanzieller Hinsicht sind die Auswirkungen unterschiedlich. Private Religionsgemeinschaften wie die Freikirchen oder die Serbisch-Orthodoxe Kirchgemeinde St.Gallen fehlten Spendeneinnahmen aus den Gottesdiensten und damit «eine wichtige Einnahmequelle». Die öffentlich-rechtlich anerkannten Religionsgemeinschaften, wie etwa die Katholische Kirche, sind zwar über Kirchensteuern finanziert, leiden aber ebenfalls an Einnahmeausfällen, beispielsweise bei der Stiftsbibliothek St.Gallen.

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