Interview

«Ich glaube nicht, dass es reicht, die Schulen bis zu den Frühlingsferien zu schliessen»: Die St.Galler Kantonsärztin Danuta Reinholz sagt, die Welle der Corona-Infektionen stehe erst bevor

Der Kanton St.Gallen zählt aktuell 17 sichere Fälle von Covid-19. Die St.Galler Kantonsärztin Danuta Reinholz sagt, fast jeder von uns werde sich mit dem Virus infizieren. An Menschen in der Risikogruppe appelliert sie: «Bleiben Sie bitte zu Hause!»

Katharina Brenner
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Die St.Galler Kantonsärztin Danuta Reinholz appelliert an Personen, die zur Risikogruppe zählen: «Bleiben Sie bitte zu Hause!»

Die St.Galler Kantonsärztin Danuta Reinholz appelliert an Personen, die zur Risikogruppe zählen: «Bleiben Sie bitte zu Hause!»

Bild: Urs Bucher

Danuta Reinholz, wie viele Personen im Kanton St.Gallen sind an Covid-19 erkrankt?  

Stand heute haben wir 17 sichere Fälle und 17 weitere Erkrankte, die auf die Bestätigung des ersten Tests warten. Drei erkrankte Personen werden im Kantonsspital behandelt. Der Zustand dieser drei Personen ist nicht kritisch. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Gehören die Erkrankten zur Risikogruppe? 

Teilweise. Sie sind nicht alle über 65 Jahre alt, aber der grössere Teil. Mehr darf ich aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht sagen. Das Coronavirus kennt beim Alter keine Grenzen. Auch Kinder können erkranken und es übertragen. Und die erste Person im Kanton St.Gallen, die positiv auf das Virus getestet wurde, war unter 30. Sie hatte milde Symptome und ist schnell genesen. 

Die Schulen bleiben ab Montag zu, Besuche in Altersheimen und Spitälern werden stark eingeschränkt. Wird die Zahl der Fälle dann zurückgehen?  

Nein. Vorerst nicht. In den nächsten Wochen werden die Zahlen exponentiell nach oben gehen. Die Welle kommt erst noch auf uns zu. Ich denke, sie wird ihren Höhepunkt Ende April erreichen. Mit den aktuellen Massnahmen möchten wir die epidemische Welle, das heisst die Anzahl Erkrankungen pro Woche, in die Länge ziehen, damit das Gesundheitssystem die Erkrankten besser aufnehmen kann.

Mit wie vielen Infizierten rechnen Sie dann? 

Fast jeder von uns wird sich mit dem Virus infizieren. Denn das Virus ist neu. Es hat noch niemand eine Immunität dafür entwickelt. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns an die Massnahmen halten, die jetzt beschlossen worden sind. Mir ist bewusst, dass sie die persönliche Freiheit stark einschränken. Das grosse Thema bei Pandemien ist Solidarität. Jede und jeder ist gefragt mitzuhelfen, damit wir alle als Gesellschaft die Epidemie möglichst gut überstehen können.

Sie sagen, die Welle erreiche Ende April ihren Höhepunkt. Die Schulen sollen dann wieder öffnen. Ist das sinnvoll? 

Ich glaube nicht, dass es reicht, die Schulen bis zu den Frühlingsferien zu schliessen. Erfahrungsgemäss dauert eine epidemische Welle mindestens zwölf Wochen und wir stehen erst am Anfang. Aber die Regierung muss verhältnismässig handeln. Das ist völlig klar. Deshalb plant sie für die nächsten Wochen und dann müssen wir weitersehen, ob sich die Modellvorstellungen, die wir als Spezialisten entwerfen, auch wirklich eintreffen.

Was raten Sie Personen, die zur Risikogruppe zählen? 

Menschen über 65 und insbesondere Menschen mit chronischen Erkrankungen und mit Atemwegserkrankungen rate ich: Bleiben Sie bitte zu Hause! Gehen Sie nicht mehr einkaufen! Gehen Sie nicht mehr ins Restaurant oder zu Veranstaltungen! Es ist hart, aber es ist der beste Schutz für Sie. Wir alle müssen diese Personen jetzt unterstützen. Jede und jeder Einzelne von uns ist gefragt; Familien, Freunde, Nachbarn. Alle müssen helfen, darauf angewiesene Personen mit Lebensmitteln und Medikamenten zu versorgen, damit sie sich in der Menschenmenge nicht dem Infektionsrisiko aussetzen.

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