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FASNACHT: Die Lacher sind ihr einziger Lohn

Schnitzelbänkler sind beliebt, aber es kommen kaum neue Gruppen dazu. Poetry-Slammer wären ­geeignet. Doch die jungen Dichter mit dem losen Mundwerk haben kein Interesse – aus einem einfachen Grund.
Melissa Müller
Die Gallyriker im «Naz», der Hochburg der Schnitzelbänkler. (Bild: Urs Bucher (St. Gallen, 27. Februar 2017))

Die Gallyriker im «Naz», der Hochburg der Schnitzelbänkler. (Bild: Urs Bucher (St. Gallen, 27. Februar 2017))

Melissa Müller

melissa.mueller@ostschweiz-am-sonntag.ch

Sie heissen Pfannehexä, Gallyriker und Alliglattohren – und bringen das St.Galler Fasnachtspublikum ab nächstem Donnerstag mit bissigen Lokalpossen zum Lachen. Schnitzelbänke sind ein Garant für überfüllte Beizen. Ein lukratives Geschäft für die Wirte, ein Hobby für die Schnitzelbänkler, die gratis auftreten. Hinter den Kostümen stecken oft pensionierte Lehrer oder Ex-Politiker wie alt Regierungsrat Martin Gehrer, der mit seinem Sohn Cyril als Lästerzungen auftritt.

Das «Naz» ist die Hochburg der Schnitzelbänkler. 150 Gäste drängen sich in der närrischen Zeit ins historische Lokal an der Schmiedgasse – normalerweise haben nur 110 Platz. «Wir sind sehr froh, dass die Schnitzelbänkler zu uns kommen», sagt «Naz»-Gastgeberin Caroline Vetsch. Die Fasnacht lasse die Kasse klingeln, mehr noch als das St. Galler Fest oder das Aufgetischt-Festival. Entsprechend buhlen die Restaurants um die unflätigen Dichter. Jetzt treten sie erstmals auch im Einstein-Bistro auf.

Schnitzelbänke sind eine Basler Gepflogenheit. Es war denn auch ein Basler, der den beliebten Brauch vor 40 Jahren nach St. Gallen brachte: Louis Christ alias Louis de Saint-Gall. «Die Fasnacht ist zum Blödeln da, auch unter der Gürtellinie», lautete sein Credo. Berlusconi und seine Bunga-Bunga-Orgien knüpfte er sich besonders genüsslich vor. So reimte er etwa:

«Bunga-Bunga – alte Wy und jungi Wyber/dä het scho rächt/da sind die beschte Zytvertriiber/und d Ruby sait/wyt wägg vo Lampedusa/du Berlusconi – gopfridschtutz – dä lamped usa»

Vor fünf Jahren hörte Saint-Gall auf. Auch der diabolische Doktor Gallestei und seine Krankenschwester gehören der Vergangenheit an. Die Gossauer Wäspi, ein Frauenquartett, verabschiedete sich ebenfalls.

Verse sind schnell veraltet

Eine Blutauffrischung würde den Schnitzelbänklern gut tun. Warum springen die Poetry-Slammer nicht in die Bresche? St. Gallen hat eine lebhafte Szene, die in der Grabenhalle gut besuchte Dichterwettkämpfe veranstaltet. «Wir wurden mehrfach angefragt», sagt Etrit Hasler, Slam-Poet der ersten Stunde und Veranstalter. «Aber wir können es uns nicht leisten, gratis zu arbeiten.» Man lebe von der Kunst und sei auf Einnahmen angewiesen. Hasler hat schon mehrere Schnitzelbänke-Abende besucht. Er fand sie lustig und spielte auch schon mit dem Gedanken, mit Schnitzelbänkler Louis de Saint-Gall zusammenzuarbeiten, «bei einem Slam oder anderswo».

Auf den ersten Blick wirken Poetry Slam und Schnitzelbänke verwandt, dabei sind die beiden Gattungen verschieden. Ein Schnitzelbänkler sammelt ein Jahr lang Schlagzeilen und reimt dann daraus in Versform eine Art satirischen Jahresrückblick. Die Gags, die vom Lokalkolorit leben, trägt er in der Mundart wie ein Stand-up-Comedian vor. Die Verse widmen sich aktuellen Themen und sind entsprechend schnell Schnee von gestern. Der Slam Poet hat dagegen einen literarischen Ehrgeiz und will etwas Zeitloseres schreiben.

Knochenarbeit für ein besoffenes Publikum

Etrit Hasler will nicht tauschen mit den Schnitzelbänklern. Das Performen an der Fasnacht sei hart: «Es gibt viel Laufkundschaft in den Beizen, viele Besoffene.» Hinter der Mundartsatire steckt Knochenarbeit: Schnitzelbänkler müssen über Politik, aber auch Klatsch und Tratsch bestens im Bild sein. Sie sind sprachbegabt und haben den Nerv, lange an Gags zu feilen. Und den Mut, damit vor ein Publikum zu treten.

«Oft entscheiden wir erst kurz vor der Fasnacht, ob wir wirklich auftreten wollen – es gibt ja keine Pflicht dazu», sagt CVP-Kantonsrat Michael Hugentobler, der mit seinem Kumpan Lukas Beck seit über zehn Jahren als Dompfaffen auftritt. Er findet es okay, dass die Schnitzelbänkler keine Gage kassieren. «Die allermeisten würden das auch nicht wollen.» Sonst wären da die Verpflichtung, aufzutreten und «gut zu sein».

Michael Hugentobler führt eine Themenliste: Dieses Jahr bieten sich etwa der erneute Anlauf zur Marktplatzgestaltung, Trump und der Toggenburger Bergbahn-Streit an. «Die bringe ich aber nur, wenn mir ein wirklich guter Spruch einfällt.» Die Pointen müssen sitzen. Denn für Hugentobler gibt es nichts Schlimmeres als einen Witz, über den niemand lacht.

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