FANGEWALT: Pyros im Schlafzimmer

Erstmals beurteilt das Bundesstrafgericht einen Fall von Gewalt in Sportstadien. Ein junger Herisauer Pyrowerfer verletzte im Stadion des FC Luzern einen Zuschauer. Auch in St. Gallen steht der Mann bald vor Gericht.

Balz Bruppacher
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Der angeklagte Herisauer warf im Februar 2016 während des Meisterschaftsspiels zwischen dem FC Luzern und dem FC St. Gallen vier pyrotechnische Gegenstände auf das Spielfeld und verletzte dabei einen Zuschauer erheblich am Gehör. (Bild: Urs Flüeler/Keystone (Luzern, 21. Februar 2016))

Der angeklagte Herisauer warf im Februar 2016 während des Meisterschaftsspiels zwischen dem FC Luzern und dem FC St. Gallen vier pyrotechnische Gegenstände auf das Spielfeld und verletzte dabei einen Zuschauer erheblich am Gehör. (Bild: Urs Flüeler/Keystone (Luzern, 21. Februar 2016))

Balz Bruppacher

ostschweiz@tagblatt.ch

Der Fall geht auf das Super-League-Spiel zwischen dem FC Luzern und dem FC St. Gallen vom 21. Februar 2016 in der Swiss­por-Arena zurück, als ein Zuschauer durch eine detonierende Petarde einen schweren Hörschaden erlitt. Beim Prozess vor Bundesstrafgericht muss sich zeigen, ob sich der aufgrund von Überwachungsbildern identifizierte Pyrowerfer eines Sprengstoffdelikts schuldig gemacht hat.

Die Bundesanwaltschaft (BA) wirft dem knapp 24-jährigen Herisauer vor, er habe aus dem für die St. Galler Fans reservierten Sektor zwei Rauchkörper und zwei Sprengkörper gezündet und aufs Spielfeld geworfen. Damit habe er wissentlich und willentlich die Verletzung von Spielern, Schiedsrichter, Stewards und ­Zuschauern zumindest in Kauf genommen, heisst es in der jetzt veröffentlichten Anklageschrift. Einer der beiden Sprengkörper explodierte laut BA mit einem heftigen Blitzknall in der Luft und verursachte bei einem 48-jährigen Luzerner Zuschauer einen massiven Hörschaden. Seine Hörfähigkeit betrage auf dem linken Ohr seither nur noch 10 Prozent und auf dem rechten Ohr noch 60 Prozent.

Arsenal von Pyros sichergestellt

Beim fraglichen Sprengkörper handelte es sich um einen sogenannten Kreiselblitz mit Silberperlenschweif. Solche Sprengkörper dürfen gemäss BA nur durch Personen mit Fachkenntnissen und einem entsprechenden Ausweis gezündet werden. Zudem müsse ein Sicherheitsabstand von mindestens 55 Metern eingehalten werden. Die Anklage wegen mehrfacher Widerhandlung gegen das Sprengstoffgesetz stützt sich auch auf das Arsenal pyrotechnischer Gegenstände, das im März 2016 bei einer Hausdurchsuchung beim Beschuldigten sichergestellt wurde. Es geht um insgesamt 1651 Feuerwerks- und Rauchkörper, Notsignalmittel und militärische Nebelwurfkörper vermutlich russischer Herkunft mit einem Gesamtgewicht von 100 Kilogramm.

Der Angeklagte habe diese Gegenstände in seinem Zimmer in einer Wohngemeinschaft aufbewahrt, zum Teil in Kartonschachteln, zum Teil ungesichert am Boden verstreut, heisst es in der Anklageschrift. Die Bundesanwaltschaft betrachtet den bevorstehenden Prozess als Pilotfall. Sie begründet ihre Zu­ständigkeit mit der Art der Sprengkörper und dem Vorsatz des Angeklagten, das explosive Material an einem Ort einzu­setzen, an dem die konkrete Gefährdung von Menschen in Kauf genommen wird. Neben mehr­facher Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige Gase in ver­brecherischer Absicht muss sich der junge Mann wegen schwerer Körperverletzung und mehrfacher Sachbeschädigung verantworten.

Die BA will ihren Strafantrag erst am Prozess stellen. Gefährdung durch Sprengstoffe wird mit einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr betraft. Bis zu zehn Jahre sind bei schwerer Körperverletzung möglich. Der Angeklagte soll die Verfahrenskosten von rund 13300 Franken übernehmen. Weitere Forderungen kommen vom Opfer und der Luzerner Stadionbetreiberin, die als Privatkläger auftreten.

Weiterer Prozess in St. Gallen

Der Anklageschrift ist weiter zu entnehmen, dass der Herisauer auch im Visier der St. Galler Justiz ist. Nach Informationen un­serer Zeitung muss er sich am kommenden 31. August vor dem Kreisgericht St. Gallen wegen Widerhandlung gegen das Sprengstoffgesetz, Tätlichkeiten und ­Beschimpfung verantworten. Es geht um judenfeindliche Sprüche, wüste Beschimpfungen und einen Fusstritt gegen eine Polizistin am 1. Juli 2016 auf dem Gelände des Open Airs St. Gallen. Am 1. August 2016 soll der Herisauer zudem verbotene Knallkörper auf die Wassergasse in St. Gallen geworfen haben.