FANGEWALT: «Das ist kein Chaot, das ist ein Verbrecher»

Im Prozess gegen den Pyrowerfer von Luzern fordert die Bundesanwaltschaft eine vierjährige Gefängnisstrafe. Die Verteidigung spricht von einem Schauprozess gegen den Herisauer.

Gerhard Lob, Bellinzona
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Er erscheint adrett gekleidet. Ganz in Schwarz. Der Bart ist kurz getrimmt. Die Hornbrille passt. Irgendwie wie ein perfekter Schwiegersohn. Doch die Straftatbestände, für die sich der bald 24-jährige S. T. aus Herisau seit gestern vor Bundestrafgericht in Bellinzona verantworten muss, sind alles andere als Nettigkeiten. Sie sind gravierend: mehrfache Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige Gase, schwere Körperverletzung, mehrfache Sachbeschädigung, mehrfache Widerhandlung gegen das Sprengstoffgesetz. Die Bundesanwaltschaft fordert vier Jahre Gefängnis.

Es geht um Vorfälle beim Super-League-Spiel zwischen dem FC Luzern und dem FC St. Gallen vom 21. Februar 2016 in der Swisspor-Arena. Der Beschuldigte hielt sich damals im für die St. Galler Fans reservierten Sektor auf. Von dort hat er zwei Rauchkörper und zwei Sprengkörper aufs Spielfeld geworfen. Videoaufnahmen von Überwachungskameras, die gestern im Gericht zu sehen waren, zeigen, wie er sich zuvor vermummte. Nach der Detonation eines heftigen Blitzknalls erleidet ein 48-jähriger Luzerner auf dem Zuschauerrang einen massiven Hörsturz. Kurz zuvor war sein Sohn noch als Einlaufkid aufs Spielfeld gelaufen. Seit diesem Vorfall ist die Hörfähigkeit massiv reduziert. Er leidet unter einem Trauma. Gestern sagte er als «Auskunftsperson» vor Gericht aus und berichtete von nächtlichen Flashbacks, die ihn seit diesem Vorfall begleiten. Der mutmassliche Täter hat sich dazu gestern nicht geäussert. Er machte von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Einzig zu seiner Person gab der gelernte Schreiner, der als Barkeeper in St. Gallen sowie im mütterlichen Betrieb arbeitet, einige Erklärungen ab, sprach von «einem ganz normalen Leben». Und beteuerte zur allgemeinen Überraschung, Fussballspiele nur selten zu besuchen. Warum er 1651 Feuerwerks- und Rauchkörper und weitere Geschosse in seinem Zimmer hortete, wo sie sichergestellt wurden, blieb ein Rätsel.

Vier Jahre Freiheitsstrafe gefordert

Bundesstaatsanwalt Hansjörg Stadler bezeichnete die zur Last gelegten Taten des Angeklagten in seinem Plädoyer als hinterhältig und rekonstruierte dessen Verhalten im Fanblock im Detail. «Dass er niemanden verletzen wollte, ist eine reine Schutzbehauptung», so der öffentliche Ankläger. Er forderte für die verschiedenen Delikte neben den vier Jahren Freiheitsstrafe auch eine Busse in Höhe von 500 Franken. Der Anwalt des hörgeschädigten Familienvaters erklärte: «Das ist kein Chaot, sondern ein Verbrecher.» Er forderte noch 60000 Franken an Genugtuung für seinen Mandanten.

Ganz anders die Verteidigerin des Beschuldigten. Sie forderte in ihrem Plädoyer einen Freispruch in allen Anklagepunkten, mit Ausnahme der Sachbeschädigung des Stadionrasens. Sie bestritt insbesondere, dass das pyrotechnische Material überhaupt als Sprengstoff klassifiziert werden könne. Zudem habe ihr Mandant keinerlei Absicht gehabt, Personen zu gefährden. Ein kausaler Zusammenhang zwischen der Detonation und dem Hörschaden lasse sich nicht herstellen. Ihr Mandant gebe aber zu, am besagten Spiel «einen unverantwortlichen Seich» gemacht zu haben. Der Bundesanwaltschaft warf sie vor, mit diesem als Pilotprozess klassifizierten Verfahren «Fussballfans in die Ecke von Terroristen schieben zu wollen». Das Urteil wird heute Mittwoch eröffnet.

Gegen den Herisauer ist unterdessen ein weiteres Verfahren hängig, weil er am 1. August vergangenen Jahres illegale Sprengkörper gezündet sowie Personen beleidigt hatte. Die Staatsanwaltschaft von St. Gallen hat ihn dafür mit einem Strafbefehl zu einer Geldstrafe von 70 Tagessätzen und einer Busse von 1000 Franken verurteilt. Der Angeklagte hat diesen Entscheid angefochten, dieser ist also noch nicht rechtskräftig. Ende August wird es zum Prozess kommen. In Schweizer Stadien ist der Herisauer indes nicht mehr zu sehen. Nach dem Match vom Februar 2016 erhielt er ein zehnjähriges Stadionverbot. Das Rayonverbot wurde für drei Jahre ausgesprochen.

Gerhard Lob, Bellinzona

ostschweiz@tagblatt.ch