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FANGERTRÄGE: «Der See ist kein Versuchslabor»

Dass im Bodensee die Fischerträge seit Jahren dramatisch einbrechen, liegt nicht nur am Phosphor. Michael Eugster über das Problem der Berufsfischer in einem komplexen Ökosystem.
Christoph Zweili
Der Felchen, Hauptfisch im Bodensee, findet heute weniger Nahrung als früher – er muss sich anpassen. (Bild: Luca Linder)

Der Felchen, Hauptfisch im Bodensee, findet heute weniger Nahrung als früher – er muss sich anpassen. (Bild: Luca Linder)

Christoph Zweili

christoph.zweili@tagblatt.ch

Der Verband der Schweizer Gewässerschutzfachleute thematisierte gestern unter anderem den Stand der Wissenschaft im heiss diskutierten Bereich Phosphor. Michael Eugster (56) nahm für den Kanton St. Gallen teil – er leitet ab 1. Juli das neue Amt für Wasser und Energie.

Michael Eugster, der Felchen zieht sich in die Tiefe zurück, der Kilch verschwindet, der Tiefseesaibling wird neu entdeckt: Fischarten tauchen auf und verschwinden. Was sagt uns das?

Das komplexe Ökosystem See reagiert auf äussere Einflüsse. Wenn sich der Nährstoffgehalt ändert, hat das Folgen für die Organismen, die im See leben. Wer gute Lebensbedingungen vorfindet, vermehrt sich. Andere verschwinden, wenn sich die Bedingungen zu ihren Ungunsten verändern.

Welche Rolle spielt da der Mensch?

Er greift allein schon durch seine Anwesenheit ein. Im Bereich Gewässerschutz etwa mit der Einleitung von ungereinigtem oder gereinigtem Abwasser oder mit der Ausschwemmung von Düng- oder Nährstoffen aus den Böden.

Was sind die Folgen?

Das Nährstoffangebot bestimmt, wie viele Organismen im Ökosystem See leben. Das hat Folgen für die Zusammensetzung der Arten. Das sind sehr komplexe Systeme mit vielen Abhängigkeiten. Wenn man da etwas verändert, hat das Auswirkungen.

Die Fischerverbände haben die Kampagne «Der Bodensee – ein Juwel hungert» lanciert. Was steckt hinter dem Slogan?

Die Fische müssen sich an das veränderte Nährstoffangebot anpassen: Das Nahrungsangebot ist geringer. Die Fische wachsen langsamer, sie müssen auf der Nahrungssuche mehr ausschwärmen und sind daher weniger einfach zu fangen.

War das früher anders?

Ja, als das Nahrungsangebot noch grösser war, waren die Fische vermehrt an der Oberfläche anzutreffen und daher leichter zu fangen. Heute gehen sie mehr in die Tiefe und sind nicht mehr in Schwärmen beieinander. Der Aufwand für die Berufsfischer ist erheblich grösser.

Mit einer Petition mit knapp 26000 Unterschriften fordern die Berufsfischer eine Erhöhung des Phosphor­gehalts. Welchen Effekt hätte diese Massnahme?

Wenn man mehr Phosphor im See zulässt, wachsen die Algen mehr. Sie sind die Nahrungsgrundlage für das Zooplankton, zum Beispiel Wasserflöhe, die von Fischen gefressen werden.

Ist die Forderung politisch durchsetzbar?

Bund und Kantone haben Milliarden in den Gewässerschutz investiert – es macht keinen Sinn, das Rad wieder zurückzudrehen.

Also ist es eine exotische Forderung einer Minderheit?

Auch die Berufsfischer wollen nicht zurück in die 70er- und 80er-Jahre, als der See ökologisch zu kippen drohte. Sie reden von einer moderaten Erhöhung des Phosphorgehalts. In einem Bereich, in dem sie sich erhoffen, dass der Felchen wieder besser wächst und leichter zu fangen ist. Heute ist der Nährstoffgehalt wieder etwa so wie Mitte des 20. Jahrhunderts.

Wird an allen Seen so vehement diskutiert?

Am Bodensee hat es fast so viele Berufsfischer wie im ganzen Rest der Schweiz. Das erklärt, warum sich die hier starke Berufsgruppe für ihre Anliegen wehrt. Das verstehe ich.

Was sagen Sie als Gewässerschutz-Vertreter dazu?

Problematisch ist, dass der Phosphorgehalt im See aktiv erhöht würde, nachdem man jahrzehntelang dafür gekämpft hat, dass dieser sinkt – mit Massnahmen in der Abwasserreinigung und Vorschriften in der Landwirtschaft. In ein Ökosystem einzugreifen, ohne die Auswirkungen zu kennen, ist aus meiner Sicht nicht verantwortbar. Der See ist kein Versuchslabor.

Im See gibt es zig Arten, die von irgendwoher zugewandert sind. Sie gehören nicht hierher, fressen aber mit. Was bedeutet das für die heimischen Fischarten?

Darüber weiss die Wissenschaft noch nicht so viel. Neu spielt der Stichling eine grosse Rolle. Dass das eine Nahrungskonkurrenz ist, versteht sich von selber. Bei diesem Räuber ist es noch so, dass er auch die kleinen Felchen fressen kann. Darüber hinaus gibt es weitere zugewanderte Arten wie gewisse Muscheln, Schwebegarnelen, Höckerflohkrebse in grosser Zahl, was sich auf die Nahrungskette auswirkt.

Der Nährstoffgehalt ist eine Sache, wie steht es generell um die Gesundheit des Boden­sees?

Das Seewasser ist einwandfrei, wieder in einem naturnahen Zustand. In den 48 Kubikkilometern Wasser werden Verunreinigungen stark verdünnt. Chemisch lassen sich zwar Röntgenkon­trastmittel, Schmerzmittelrückstände und andere Mikroverunreinigungen nachweisen, aber in Konzentrationen, die unbedenklich sind.

Fischer und Gewässerschützer haben 2016 drei Tage lang den Dialog gesucht. Mit welchem Ergebnis?

Vorher war sehr emotional über das Thema diskutiert worden. Am Forum ist das gegenseitige Verständnis gewachsen. Beim Phosphor wurde allerdings kein wirklicher Konsens gefunden. Für die Gewässerschützer ist klar, sollte der Phosphorgehalt von selbst bis in den Bereich von zehn Mikrogramm pro Liter steigen, wird man keine Massnahmen treffen. Der Tiefstwert war 5,9 im Jahr 2011, seither ist er jedes Jahr gestiegen. Im Moment liegt der Wert bei 8. Genau in den letzten Jahren aber sind die Fangerträge noch einmal bis zu 40 Prozent eingebrochen. Das kann nicht nur am Phosphorgehalt liegen.

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