FALLERA MAYOR: Der Stoff ihres Lebens

Wie wird eine gebürtige Rheintalerin Festkönigin in Valencia? Und das, obwohl sie nur rudimentär Spanisch spricht? Ramona Riedener erzählt vom Abenteuer ihres Lebens.

Julia Nehmiz
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Ramona Riedener (links mit Schärpe) als Festkönigin ihrer «Falla Comisiones» im spanischen Valencia. (Bild: PD)

Ramona Riedener (links mit Schärpe) als Festkönigin ihrer «Falla Comisiones» im spanischen Valencia. (Bild: PD)

Sie sei immer noch sprachlos, sagt Ramona Riedener. Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer in Wittenbach, an den Wänden Bilder aus Valencia, die Schneiderpuppe in der Ecke trägt eine festliche Tracht – das Kleid einer Fallera aus Valencia. Das führt zum Anfang der Geschichte, zu Riedeners Leidenschaft für das valencianische Frühlingsfest.

Die 55-Jährige lebt seit sechs Jahren in Wittenbach. Daheim ist sie aber auch in Valencia. Dieses Jahr reist sie noch ein wenig öfter in ihre zweite Heimat. Denn Ramona Riedener wurde zur Festkönigin ihrer «Falla Comisiones» gewählt. «Das ist eine unglaubliche Ehre», sagt sie und kann es immer noch nicht wirklich glauben. «Ich weiss nicht, weshalb sie ausgerechnet mich gewählt haben. Aber ich freue mich riesig.»

Vielleicht gab ihre unbändige Begeisterung für diesen Brauch den Ausschlag. An ihrem ersten öffentlichen Auftritt als Festkönigin kamen ihr vor lauter Freude und Rührung die Tränen. Auch beim Erzählen glitzern ihre Augen – da hat jemand seine Leidenschaft gefunden. Und darf sie leben.

Ramona Riedeners Lebenspartner hatte ihr im Jahr 2009 zum Geburtstag eine Städtereise nach Valencia geschenkt. Und ihren grössten Wunsch erfüllt: Ihr Fussballidol Fernando Morientes live im Stadion zu sehen. Als sie die spanische Küstenstadt das erste Mal besuchte, war sie überwältigt. «Ich hatte einfach das Gefühl, ich sei angekommen.» Die Stimmung in der Stadt, im Fussballstadion, die Atmosphäre, die Menschen. Es zog sie immer wieder nach Valencia. Auch, als ihr Lebensgefährte plötzlich an einem Herzinfarkt starb. «Mir ging es gar nicht gut damals.»

Trotzdem reiste sie Anfang 2012 zum bereits gebuchten vierwöchigen Sprachkurs. Beim Lädelen stiess sie auf ihre neue Leidenschaft: die Tradition der Fallas. Das spezielle Frühlingsfest wird nur in Valencia gefeiert. Rund 300 Quartiervereine, sogenannte Fallas Comisiones, ziehen in traditionellen Kostümen durch die Stadt. Sie verbrennen auf Plätzen und Strassen haushohe, kunstvoll gefertigte Skulpturen. Zu Ehren der verschiedenen Heiligen halten sie Prozessionen ab. Es gibt Feuerwerk, eine Nacht des Feuers, einen Feuerumzug.

Schweizerin in Tracht als begehrtes Fotosujet

Ramona Riedener landete beim Bummeln durch Valencias Altstadt in einem Stoffladen, der die festen, prunkvollen Stoffe verkauft, die für die Trachten der Falleras bestimmt sind. Die gelernte Schneiderin war von den Stoffen so begeistert, dass sie sich mehrere Meter davon kaufte und mit dem Handy heimlich Modelle in Schaufenstern fotografierte. Zu Hause in Wittenbach nähte sie sich selber ein Kleid, das traditionellerweise die Frauen der Quartiervereine Valencias am Frühlingsfest tragen.

Zum Frühlingsfest im März flog sie wieder nach Valencia, warf sich in Schale und stürzte sich ins Getümmel. Bald war sie ein begehrtes Fotosujet, denn niemand geht allein in Tracht ans Fest. Aber Riedener war das egal. Sie feierte mit und fand schnell Anschluss.

«Valencianos haben Freude, wenn man teilhat an ihrer Kultur.» Über spanische Freunde lernte sie eine Falla Comisiones kennen – und durfte Mitglied werden. «Ich kann natürlich nicht jeden Freitag an ihre Sitzung gehen.» Aber jedes Mal, wenn sie in Valencia ist, nimmt sie an den Aktivitäten des Vereins teil.

Noch bis zum Sommer wird Ramona Riedener oft zwischen Valencia und St. Gallen hin- und her pendeln. Denn auf eine Festkönigin warten neben dem Frühlingsfest noch weitere offizielle Auftritte. Die Flüge zahlt sie selber, Festkönigin zu sein ist ein Ehrenamt. «Das ist es mir wert», sagt sie, und ihre braunen Augen strahlen. «Diese wunderbaren Erinnerungen kann mir niemand nehmen.»