Fänge der Seefischer im Rekordtief

FRIEDRICHSHAFEN. Nochmals bis zu 50 Prozent weniger Fisch in den Netzen: Für die Bodenseefischer ist ihr Traditionsberuf vom Aussterben bedroht. Die Stimmung an der Jahreshauptversammlung war gedrückt.

Gerhard Herr
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Bis zu 400 Meter Netze dürfen die Bodenseefischer auswerfen – trotzdem war an manchen Tagen nur eine Handvoll Felchen in den Maschen. (Bild: Ralph Ribi)

Bis zu 400 Meter Netze dürfen die Bodenseefischer auswerfen – trotzdem war an manchen Tagen nur eine Handvoll Felchen in den Maschen. (Bild: Ralph Ribi)

Noch nie haben die Fischer vom Bodensee so wenig Fisch gefangen, wie in diesem Jahr. Sie rechnen mit einem weiteren Rückgang des Fangergebnisses um bis zu 50 Prozent gegenüber 2014, das mit 441 Tonnen bereits das schlechteste Jahr der Berufsfischer seit 1954 war. Hauptursache sei der geringe Nährstoff- und somit Phosphatgehalt in dem Gewässer. Hinzu komme das massive Auftreten von Stichlingen, die mit den Felchen um das wenige Plankton im freien Wasser konkurrierten und dieses wegfressen, hiess es am Samstag an der Jahreshauptversammlung des Internationalen Bodensee-Fischereiverbandes (IBF) in Friedrichshafen.

Felchen macht sich rar

Der Felchen, der mit 68 Prozent des Gesamtfangs (302 Tonnen im Jahr 2014) wichtigste Fisch der Berufsfischer am Bodensee, macht sich rar. Für viele Fischer rechnet sich die tägliche Ausfahrt nicht mehr. Bereits im Frühjahr seien auf «hohem See» nur einige Felchen im Netz an der Tagesordnung gewesen, genauso wie nur wenige Barsche, sagte der Vertreter der Berufsfischer, der Vorarlberger Albert Bösch. «Viele Fischer fuhren in der eigentlich besten Fangzeit tageweise gar nicht mehr auf den See, um die Treibstoffkosten zu sparen. Die waren mit den Fängen nicht mehr zu decken.» Die von Januar bis Ende Oktober reichende Statistik gehe von 30 bis 50 Prozent geringeren Fängen am gesamten Bodensee im Vergleich zum Vorjahr aus. «Dies lässt einem Berufsfischer den kalten Schauer den Rücken runterlaufen», sagte Bösch. Angesichts der schlechten Fänge der Vorjahre seien bei den meisten Fischern bereits die finanziellen Reserven aufgebraucht. Viele Berufsfischer hätten sich für die Wintermonate schon einen anderen Job gesucht, «weil mit dem Fischfang auf dem See absolut kein Geld mehr zu verdienen ist», sagte der IBF-Vorsitzende Wolfgang Sigg.

Er geht davon aus, dass 2016 deutlich weniger Patente gelöst würden als im Jahr 2015 mit 112 Patenten. Die Internationale Bevollmächtigtenkonferenz will die Patente bis 2020 auf 80 reduzieren. Vor gut zehn Jahren waren noch 135 Berufsfischer gezählt worden.

Beunruhigend sei der Zustand der wenigen gefangenen Felchen. «Die meisten sehen aus wie Schläuche, kleine, dürre Fische, die einen leeren Magen aufweisen», berichtete Bösch. Der typische Fettkragen, der beim Felchenfilet in den letzten Jahren zumindest im Sommer sichtbar gewesen sei, fehle. Laut den Untersuchungen sei der Fettgehalt im Oktober gleich wie im Februar. Bösch folgert, dass die Fische 2015 kaum oder nur sehr wenig wuchsen. Das lasse auch für die bevorstehende Laichzeit nichts Gutes erahnen.

Weniger Schweizer Patente

Am Schweizer Bodenseeufer ist die Situation nicht besser: «Wir hatten bis August bis zu 60 Prozent Einbussen gegenüber dem Vorjahr», sagte der Präsident der St. Galler Berufsfischer, Gallus Baumgartner. Die derzeit 36 Patente am St. Galler und Thurgauer Ufer würden bis 2020 auf 24 Patente reduziert. Für ihn steht fest, dass die zehn bis zwölf Fische pro Tag, die seine Kollegen in diesem Sommer an Land brachten, die Benzinkosten nicht mehr decken.

Für die von den deutschen Kollegen geforderte finanzielle Unterstützung des Staates, ähnlich der Landwirtschaft, sieht der Altenrheiner in der Schweiz keine Chance: «Wir als Fischer haben keine Lobby im National- oder Bundesrat.» Besser als eine Förderung wäre, wenn die Fischer selbst flexibel die Anzahl der Netze und ihre Maschenweite bestimmen dürften.

Die von den Fischern vorgeschlagene leichte Erhöhung des Phosphatgehaltes über die jetzigen sechs Milligramm Phosphat pro Kubikmeter würde das Algenwachstum anregen, was wiederum mehr Futter für die Fische bedeute. Ob damit allerdings die Zahlen der 1980er-Jahre erreicht werden würden, als der jährliche Fischfang bei bis zu 1800 Tonnen lag, bleibe offen, sagte Baumgartner.