«Fachliche Begleitung ist korrekt»

Die St. Galler Patientenschützerin Margrit Kessler findet es in Ordnung, dass auf eine Freistellung der verurteilten Wiler Chefärztin verzichtet wurde. Wichtig sei, dass ihr eine Fachperson zur Seite gestellt wurde.

Regula Weik
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ST. GALLEN. Die Wiler Chefärztin, die vom Kreisgericht wegen fahrlässiger Tötung verurteilt wurde, ist weiter am Spital beschäftigt (Ausgaben vom 15. und 16. August). Das mag Laien überraschen oder gar irritieren. Nicht so Margrit Kessler. Die Präsidentin der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz und St. Galler Nationalrätin stützt diesen Entscheid. Wurde eine Freistellung der für den Tod einer Frau am Spital Wil verantwortlichen Chefärztin überhaupt geprüft? «Ja», sagt Margrit Kessler. Der Fachmann habe davon abgesehen. «Es ist aber richtig, dass ihr eine Fachperson zur Seite gestellt wurde, die sie begleitet und ihr auf die Finger schaut.» Im konkreten Fall ist das Urs Haller, emeritierter Ordinarius für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Universität Zürich und von 1990 bis 2004 Direktor der Universitätsfrauenklinik Zürich. Er steht der Chefärztin seit dem Todesfall als Coach zur Seite, und er attestiert ihr «hohe fachliche Kompetenz».

Müsste Margrit Kessler als Kämpferin für die Rechte und die Sicherheit der Patienten vor Behandlungsfehlern nicht für eine Freistellung der Chefärztin plädieren? Sie antwortet pragmatisch: «Wenn alle Ärzte freigestellt würden, denen ein Fehler passiert, hätten wir bald keine praktizierenden Ärzte mehr.» Und dann fügt sie an: «Wir dürfen uns nichts vormachen: Es passieren laufend und überall Fehler.»

Sie ist klar der Meinung, dass «zurückhaltend» über Ärztefehler informiert werden soll – «nur über ganz spezielle Fälle.» Denn: «Was bringt es der Bevölkerung? Nichts, nur Verunsicherung.»

Ohne Urteil kein Geld

Was ist im konkreten Fall aus Sicht von Margrit Kessler schief gelaufen? Der Ehemann der verstorbenen Frau hatte die Patientenschützerin nicht um medizinischen Beistand angefragt – vielmehr aus einer finanziellen Notlage heraus. Fast zwei Jahre nach dem Tod der Ehefrau war die weitere Finanzierung der Familienhilfe ungewiss. Eine private Institution sprang vorübergehend ein. Doch der Witwer musste befürchten, bald alleine mit den sieben Kindern und dem Hof dazustehen – ohne gesicherte finanzielle Unterstützung. Das ist denn auch der Hauptvorwurf von Margrit Kessler an die Adresse der Haftpflichtversicherungen. «Sie zahlen in der Regel erst, wenn ein rechtskräftiges Urteil gegen die verantwortlichen Ärzte vorliegt. Das kann Jahre dauern. Und bei einem Freispruch beginnt der Kampf um die zivilrechtlichen Forderungen von neuem.»

Sein Anwalt habe den Witwer sehr gut vertreten, sagt Margrit Kessler. Das habe es ermöglicht, die haftpflichtrechtlichen Folgen unabhängig vom Urteil und bereits vor der Gerichtsverhandlung zu regeln. Das war denn auch vor zwei Jahren der Fall. Den konkreten Betrag nennt weder das Gesundheitsdepartement – es spricht von «kulant erledigt» – noch kennt ihn Margrit Kessler. Der Ehemann der verstorbenen Frau habe ihr gegenüber bestätigt, dass die Abfindungssumme für ihn «in Ordnung» sei.

Nicht fehlerfrei

Die Wiler Chefärztin hat den Schuldspruch akzeptiert; das Urteil ist damit rechtskräftig. Ein Eingeständnis der Schuld? Margrit Kessler sagt: «Ich finde den Entscheid der Ärztin gut. Sie kann so einen Strich unter die Sache ziehen. Der Fehler ist passiert, die Frau gestorben.»

Margrit Kesslers Meinung über die Gerichte ist bekannt: «Sie sind sehr patientenunfreundlich. Die Richter stehen hinter den Ärzten, ihren Akademikerkollegen, und selten hinter den Patienten.»

So gesehen, hätte die Chefärztin das Urteil auch weiterziehen können – in der Hoffnung in zweiter Instanz eine für sie bessere Beurteilung zu erlangen. Margrit Kessler schliesst das nicht aus, doch sie sagt: «Ob auf dem Papier schuldig oder unschuldig: Die Frau muss mit dem tragischen Ereignis leben.» Und dann sagt sie: «Ärzte sind nicht fehlerfrei. Gynäkologinnen und Gynäkologen sind besonders gefordert und gefährdet – allein schon wegen der Gefahr von Geburtsschäden.»