FACHKRÄFTEMANGEL: Start mit drei Informatikklassen

Im August beginnt der Unterricht in den neuen Informatikmittelschulen. 40 Jugendliche haben sich für die Ausbildung angemeldet. Sie ist Teil der IT-Bildungsoffensive im Kanton St. Gallen und eine Reaktion auf den Fachkräftemangel in der Branche.

Sina Bühler
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Die IT-Bildungsoffensive des Kantons St. Gallen will Schülerinnen und Schüler frühzeitig an die Digitalisierung heranführen. (Bild: Luca Linder)

Die IT-Bildungsoffensive des Kantons St. Gallen will Schülerinnen und Schüler frühzeitig an die Digitalisierung heranführen. (Bild: Luca Linder)

Sina Bühler

ostschweiz@tagblatt.ch

Nach den Sommerferien starten 40 Jugendliche ihre Ausbildung an den neuen Informatikmittelschulen. Nach drei Schuljahren und einem Praktikumsjahr schliessen sie die Schule mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis als Informatikerinnen und Informatiker ab. Gleichzeitig werden sie die Berufsmaturität im Sack haben – an der Informatikmittelschule Rapperswil mit der Ausrichtung Technik, in Sargans und St. Gallen mit der Ausrichtung Wirtschaft. Mit den Informatikmittelschulen reagiert der Kanton St. Gallen auf den Fachkräftemangel in der Informatikbranche. Dass dieser am besten mit Bildung zu beseitigen sei, hatte der Kanton bereits vor einiger Zeit beschlossen. Erst im Sommer 2016, als der Kantonsrat das Mittelschulgesetz anpasste, stand fest, dass die Lehrgänge starten konnten.

Wenn es um die Berufswahl geht, sind zwölf Monate ein relativ knappes Zeitfenster, und so ist auch der erste Jahrgang der Informatikmittelschule ziemlich klein. Acht Schülerinnen und Schüler sind am Berufs- und Weiterbildungszentrum Rapperswil-Jona (BWZ) für den neuen Lehrgang eingeschrieben. Der technische Fokus ist auf die Zusammenarbeit mit der örtlichen Hochschule für Technik Rapperswil (HSR) zurückzuführen, an der die Absolventen – dank der Berufsmaturität – später ihre Ausbildung fortsetzen können. Wie Fabio Cangini, Leiter der Berufsmaturität am BWZ sagt, werden die Informatikmodule auch von HSR-Dozenten in Räumen der HSR unterrichtet. Einen Teil des allgemeinbildenden Unterrichtes besuchen die Schüler mit anderen Rapperswiler Berufsmaturanden der technischen Ausrichtung. 14 Schülerinnen und Schüler treten den neuen Lehrgang an der Kantonsschule Sargans an, sagt deren Prorektor Daniel Kaeser. Auch in Sargans findet der allgemeinbildende Unterricht in gemischten Klassen statt, mit den Wirtschaftsmittelschülern. Für die Fachausbildung besuchen die Informatik-Schüler teils die NTB in Buchs und die Berufsschule.

In der Stadt St. Gallen kommt eigene Klasse zustande

Einzig der dritte Standort der neuen Mittelschule, die Kantonsschule am Brühl in St. Gallen, bildet eine eigene Informatikklasse mit 17 Schülerinnen und Schülern. Einen Teil der Fachmodule besuchen auch sie extern am NTB-Ableger in St. Gallen, an der Fachhochschule St. Gallen und der Gewerbeschule.

In Zukunft werden wohl nicht nur die längeren Anmeldefristen sicherstellen, dass die Klassen der Informatikmittelschule gut gefüllt werden. Ein weiterer Grund ist, dass ab August der Informatikunterricht auf der Volksschulstufe verstärkt wird. Wie Jürg Raschle, Generalsekretär des St. Galler Bildungsdepartements erklärt, wird dann der neue Lehrplan eingeführt: «Der Modullehrplan Medien und Informatik gehört zu den grossen Neuerungen im Volksschulunterricht.» Die fachspezifischen Weiterbildungen für das Lehrpersonal haben aber erst zum Teil stattgefunden, denn deren weitere Finanzierung gehört zur «IT-Bildungsoffensive».

Diese Vorlage wird zurzeit von der Verwaltung erarbeitet und geht im Herbst in die Vernehmlassung. Anfang 2018 wird der Kantonsrat, im zweiten Halbjahr 2018 das Volk darüber abstimmen. Die «IT-Bildungsoffensive» sieht eine befristete Sonderfinanzierung in zweistelliger Millionenhöhe für Massnahmen vor, welche «Wirtschaft und Gesellschaft unterstützen, die Chancen der rasant fortschreitenden Digitalisierung zu nutzen und deren Herausforderungen zu bestehen», wie es in der Motion heisst, die das Vorhaben auslöste. «Das Massnahmenpaket will den Fachkräftemangel in der Mint-Branche lindern», sagt Raschle. Er ist zuversichtlich, dass die Vorlage breite Unterstützung findet: «Letztes Jahr im Kantonsrat gab es keine Gegenstimme.» Das könne sich natürlich ändern, sobald die konkreten Massnahmen bekannt werden. Doch der Entwicklungsprozess sei breit abgestützt gewesen und verschiedene Interessengruppen seien diesen Frühling intensiv in die Arbeit eingebunden worden.

Ähnliche Vorlage auf nationaler Ebene abgelehnt

Auf Bundesebene erlitt eine ähnliche Vorlage kürzlich Schiffbruch. Der Nationalrat lehnte es ab, parallel zu den kantonalen Bemühungen, eine nationale Informatikoffensive zu lancieren. Bundesrat Johann Schneider-Amann meinte, die 2016 verabschiedete «Strategie Digitale Schweiz» und die angegangenen Gespräche für die strategische Weiterentwicklung der Berufsbildung würden ausreichen. Das sahen auch die meisten St. Galler so: Nur SP-Nationalrätin Claudia Friedl und CVP-Nationalrat Thomas Ammann stimmten der Motion zu.

In St. Gallen ist man wohl auch deshalb hoffnungsvoll, weil die Realität die Politik auf allen Schulstufen überholt hat. Für das Herbstsemester sind schon mehr als 40 Studierende im neuen Bachelorstudiengang Wirtschaftsinformatik an der FHS St. Gallen immatrikuliert. Es ist ein Studiengang, den es bereits gegeben hatte, bis er vor einigen Jahren in den Studiengang Betriebsökonomie integriert wurde. Das sei ein Fehler gewesen, der nun korrigiert werde, heisst es von Seiten der Fachhochschule.