Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

EXTREMISMUS: Terrorismusexperte Kurt Pelda: "Es gibt im Thurgau auffällige Leute"

Dschihadisten leben im Thurgau, sagt Kurt Pelda, Terrorismusexperte des «Tages-Anzeigers». Diese kleine Minderheit könne gefährlich sein. Vor allem für die anderen Muslime.
Donat Beerli
«Den wirklich Radikalen sieht man meist gar nichts an», sagt Kurt Pelda, Terrorismus-Experte beim «Tages-Anzeiger». (Bild: Adrian Moser)

«Den wirklich Radikalen sieht man meist gar nichts an», sagt Kurt Pelda, Terrorismus-Experte beim «Tages-Anzeiger». (Bild: Adrian Moser)

Interview: Donat Beerli

redaktion@thurgauerzeitung.ch

Ein im Thurgau lebender Iraker soll seine Frau zum Selbstmordattentat angestiftet haben. Zudem gibt es laut Ihren Recherchen fünf mutmassliche Thurgauer Dschihadisten, die nach Syrien gereist sind. Ist der Thurgau eine Islamisten-Hochburg?

Es gibt im Thurgau tatsächlich einige Verbindungen zur Dschihadisten-Szene. Man muss dies jedoch im Kontext mit den Nachbarregionen sehen. Die verurteilten IS-Sympathisanten in Schaffhausen zum Beispiel hatten enge Kontakte mit Kreisen in Singen, Winterthur und St. Gallen. Der Thurgau liegt halt irgendwo dazwischen. Entscheidend ist die Nähe zu Süddeutschland.

Warum Deutschland?

Von dort kommt der ganze Einfluss der Koran-Verteilaktion «Lies». Die Bewegung ist auch für die Schweizer Islamisten-Szene entscheidend. Viele Dschihadreisende sind so radikalisiert worden. Diese Szene ist bestens vernetzt, national und interna­tional.

Es ist also Zufall, dass Dschihad-Sympathisanten im Thurgau leben?

Ja.

Aber es gibt sie.

Es gibt im Thurgau auffällige Leute. Bei der Bundesanwaltschaft laufen diesbezüglich mehrere Verfahren. Klar ist: Was hier passiert, ist von nationaler Bedeutung.

Solche Leute müssten in einer Gemeinde doch auffallen.

Den wirklich Radikalen sieht man meist gar nichts an. Islamisten bleiben ausserdem unter sich, gehen nicht viel raus, auch weil sie nicht viel Geld haben. Sozialhilfe ist eher Regel als Ausnahme. Schlimm ist, dass die Behörden davon wissen. Sie sind diejenigen, die jene Personen kennen, die Sozialhilfe beziehen und gleichzeitig am liebsten die Scharia einführen würden. Doch die wenigsten tun etwas dagegen oder sprechen darüber. Wahrscheinlich aus Angst, dass rauskommt, wie viel Geld jemand vom Staat schon bekommen hat.

Sprechen die Behörden untereinander?

Nach meiner Erfahrung viel zu wenig. Das ist eines der Grundprobleme in der Schweiz. Die Gemeinde weiss oft nicht, was die Polizei oder der Nachrichtendienst weiss und umgekehrt. Genau das wäre jedoch wichtig. Denn das Problem kann nur gemeinsam angegangen werden.

Gibt es im Thurgau radikale Moscheen?

Mir ist bis jetzt keine bekannt. Es ist auch nicht immer entscheidend, in welche Moschee jemand geht. Nur weil jemand in eine radikale Moschee geht, muss das nicht heissen, dass er selber radikal ist. Entscheidend ist, was nach der Moschee passiert. Wer sich mit wem wo trifft und über was bei diesen Treffen geredet wird. Meistens entstehen dort Islamisten-Kreise.

Wie in Arbon?

Genau. Es gibt immer eine charismatische Persönlichkeit, welche die Leute um sich schart. Ich gehe davon aus, dass der in den Medien bekannte Dschihadreisende Alperen A. aus Arbon die anderen drei Dschihadreisenden in Arbon radikalisiert hat. Ein Anführertyp, der gut reden konnte. Er war überall unterwegs: in Süddeutschland, in der Winterthurer An’Nur-Moschee oder in Zürich. Genau von solchen Typen geht die grösste Gefahr aus. Wenn man die gewähren lässt und nicht einschreitet, entwickelt sich ein Hotspot. So ist das zum Beispiel auch in Winterthur passiert.

Welche Rolle spielt das Umfeld eines Dschihadreisenden?

Eine wesentliche. Es gibt Familien, die die Reise des Sohnes verurteilen. Aber es gibt auch solche Familien, die noch Geld nach Syrien schicken. So entwickelt sich das Gedankengut dann zu Hause weiter.

Was können wir als Gesellschaft gegen das Problem unternehmen?

Es geht nicht darum, Bekim und Amir auszuweisen, die als Buschauffeure beim Frauenfelder Stadtbus arbeiten und schauen, dass ihre Söhne in die Kanti kommen. Genau die müssen wir auf die Seite von Demokratie und Rechtsstaat ziehen. Sie gehen in die Moschee und sehen, wer sich radikalisiert. Denn die, die am meisten leiden unter den Islamisten, sind die Muslime selber.

Warum?

Sie geraten durch die Extremisten in Misskredit. Es gibt 400000 Muslime in der Schweiz. Nur eine winzige Minderheit davon ist gefährlich. Den Rest unter Generalverdacht zu stellen, ist völlig falsch. Die meisten der hier lebenden Muslime gehen nicht mal in eine Moschee, die wissen auch nichts über diese Typen. Islamophobie ist die falsche Reaktion auf das Problem.

Schüren Ihre Artikel über einzelne schwarze Schafe nicht ebendiese Angst vor Muslimen?

Natürlich wird die Berichterstattung von gewissen Kreisen dazu benutzt, Stimmung gegen Muslime zu machen. Das ist falsch. Doch viel schlimmer ist, dass man viele Jahre lang Dinge unter den Teppich gekehrt und damit das Feld gewissen rechten Kreisen überlassen hat. So entstehen diffuse Ängste. Wenn wir aber Leute benennen, die unser System ausnutzen und unsere Gesellschaft gefährden, hilft das allen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.