EXPO: In Biel wirkte die Expo Wunder

Die Kantone St.Gallen und Thurgau stehen vor der Weichenstellung pro oder kontra Landesausstellung 2027. Kritiker werfen dem Projekt vor, es sei nicht nachhaltig. Ganz anders sieht das der Bieler Ex-Stadtpräsident – aus eigener Erfahrung.

Text und Bild: Reto Wissmann
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Der vormalige Bieler Stadtpräsident und heutige Ständerat Hans Stöckli betrachtet in einem «Expo-Viewer» Bilder von der Landesausstellung 2002.

Der vormalige Bieler Stadtpräsident und heutige Ständerat Hans Stöckli betrachtet in einem «Expo-Viewer» Bilder von der Landesausstellung 2002.

Die übernächste Landesausstellung werde in der Ostschweiz stattfinden, prophezeite Hans Stöckli als Gastredner an der Olma 2001. Damals dachte hier noch niemand an eine Expo 2027, und die Expo.02 hatte sich eben erst einigermassen von der Krise erholt, in die sie wegen einer unfähigen Führungsriege und ausufernder Bundessubventionen geraten war. Möglicherweise behält der damalige Bieler Stadtpräsident und heutige SP-Ständerat recht.

Gegen den See geöffnet

Wir sitzen auf der Terrasse des Restaurants Joran am Bieler Hafen. Hans Stöckli redet sich sofort wieder ins Feuer, wenn es um «seine» Landesausstellung geht. Seit er als Kind 1964 in Lausanne war, ist er ein grosser Expo-Fan. Mit der Expo.02 im Drei-Seen-Land ist für ihn ein Traum in Erfüllung gegangen. Noch heute wird er in Biel mit «Mister Expo» angesprochen. Tatsächlich hat Stöckli in seiner Doppelrolle als Stadtpräsident und Mitglied des Expo-Leitungsausschusses massgeblich dazu beigetragen, dass der Grossanlass zumindest für Biel ein nachhaltiger Erfolg wurde.

Am Hafen sind die Spuren der Expo.02 noch gut sichtbar. Neben dem Restaurant Joran, das dank der Expo realisiert werden konnte, wurde dem See durch Aufschüttung ein grosser Platz abgerungen. Die Flotte der Bielersee-Schifffahrtsgesellschaft ist auf Vordermann gebracht und mit dem weltgrössten Solarkatamaran ergänzt worden. Dass sich die Stadt mit einem neuen Bahnhofausgang überhaupt gegen den See hin geöffnet hat, ist ebenfalls der Expo zu verdanken. Zudem wurden wichtige Baulandreserven erschlossen, die Innenstadt attraktiver gemacht, das Kongresshaus saniert, Zugsverbindungen verbessert und gar der Anschluss ans Autobahnnetz beschleunigt.

Denken in neuen Dimensionen

Auch touristisch hat die Expo die Region vorwärts gebracht. Zwar waren die Gästezahlen unmittelbar danach eingebrochen, stiegen später dann jedoch umso stärker an. Die ganze Exporegion hat sich zudem zu einer Tourismusdestination zusammengeschlossen. Stöckli bedauert allerdings, dass dies nicht schon vor der Expo möglich war: «Dann hätten wir die Expo.02 als Expo-Drei-Seen-Land vermarktet.»

«Die Stadt hat sich dank der Expo erneuert», sagt Hans Stöckli heute. Noch in den Neunzigerjahren steckte Biel tief in der Krise. Die Arbeitslosigkeit war hoch, die Steuerlast überdurchschnittlich, die Schuldenlast drückte schwer und die Bevölkerung schrumpfte. Mit der Landesausstellung kam die Trendwende. Niemand bezweifelt heute, dass die Expo zumindest einen gewichtigen Teil dazu beigetragen hat. «Wir hatten den Mut, Projekte in Angriff zu nehmen, die wir ohne die Expo nie oder erst viel später angepackt hätten», sagt Stöckli. Er geht sogar so weit, die Realisation des Dreifachstadions für Fussball, Eishockey und Curling, das vor wenigen Monaten eingeweiht werden konnte, als Folge der neuen Zuversicht nach der Expo zu bezeichnen. «Wir begannen in anderen Dimensionen zu denken», sagt Stöckli.

Masterplan für die Stadt

Doch warum konnte Biel dermassen profitieren und Städte wie Yverdon oder Neuenburg traten an Ort? «Es war die ganz besondere Konstellation von Biel», so Stöckli. Die als Krisenstadt verschriene Seelandmetropole lechzte nach Aufbruch – und sie hatte einen Stadtpräsidenten mit einem Bubentraum sowie dem nötigen Geschick und Durchhaltewillen, um die Chance zu nutzen.

Biel verknüpfte die Expo-Planung mit einem Masterplan für die Stadtentwicklung und brachte die Bevölkerung mit einer frühen Abstimmung auf Kurs. Die politischen Exponenten gingen damit aber auch ein Risiko ein. Laut waren zunächst Skeptiker, die ein Verkehrschaos oder neue Schulden befürchteten. Wäre das Unternehmen gescheitert, wonach es lange Zeit ausgesehen hatte, wäre Stöckli als Stadtpräsident zurückgetreten. «Die Expo.02 hinterliess mehr politische Verlierer als Gewinner», sagt Stöckli heute. Ihn hat der Erfolg jedoch in den Nationalrat und schliesslich in den Ständerat gebracht.

Expo-Kritiker gibt es heute in Biel kaum noch. Das Verkehrschaos ist ausgeblieben, die Steuern sanken, hässliche Bauruinen blieben keine zurück. «Wir hatten zuerst Angst vor einem teuren Bratwurstfest», sagt Barbara Schwickert, langjährige grüne Lokalpolitikerin und heutige Baudirektorin der Stadt. Schliesslich hätten die Bielerinnen und Bieler aber einen «wunderschönen Sommer» erlebt und profitierten heute noch vom Grossanlass. «Die Expo hat der Stadtentwicklung einen gewaltigen Schub gegeben», so Schwickert. 2004 wurde dies mit dem Wakker-Preis honoriert.

Dass keine sichtbaren Zeichen der Expo zurückgeblieben sind, bedauert die Baudirektorin nicht. «Die Vergänglichkeit eröffnete ganz neue Möglichkeiten», sagt Schwickert. Zudem verliere auch ein Zirkus mit der Zeit seinen Reiz, wenn er das ganze Jahr über in der Stadt gastiere. Hans Stöckli argumentiert heute ähnlich: «Wahrscheinlich war es gut, den Expo-Bauten die Gnade des frühen Todes zu gewähren.» Ein bisschen wurmt ihn allerdings schon, dass nicht wenigstens eine Ikone im Bieler Seebecken erhalten geblieben ist. Beinahe wäre aus einem der futuristischen Arteplage-Türme der Stararchitekten von Coop Himmelb(l)au ein Zeit- und Uhren-Zentrum geworden.

«Ein Kompliment für uns»

Um einen guten Platz für ein Foto zu finden, gehen wir über das ehemalige Ausstellungsgelände, wo heute «Expo-Viewer» einen Blick in die Vergangenheit erlauben. Hans Stöckli blickt nachdenklich durch das Binokular. Als Ständerat werde er sich garantiert für eine Landesausstellung in der Ostschweiz einsetzen. «Schliesslich ist es ein grosses Kompliment für uns, dass es Leute gibt, die es wagen, wieder eine Expo zu organisieren.»