Experte zum Mangel an Blutspendern: «Dahinter steht eine Art Konsumhaltung»

Blutspenden ist freiwillig. Dass sich immer weniger Menschen dafür entscheiden, erklärt Lukas Niederberger, Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG), unter anderem mit den hohen Krankenkassenprämien. Es brauche neue Massnahmen zur Rekrutierung von Spenderinnen und Spendern.

Urs-Peter Zwingli
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Lukas Niederberger, Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft.

Lukas Niederberger, Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft.

Lukas Niederberger, ältere Blutspender müssen aufhören, doch
es rücken nicht genügend Junge nach. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Es gibt eine gesellschaftliche Tendenz, sich weniger für die Allgemeinheit einzusetzen. So weiss man heute, dass aufgrund der steigenden Urbanisierung in der Schweiz die Freiwilligenarbeit und Vereinstätigkeit in den vergangenen zehn Jahren um rund fünf Prozent zurückgegangen ist. Blutspenden ist zwar keine Freiwilligenarbeit im eigentlichen Sinne. Dennoch ist sie als unbezahlte, gemeinnützige Handlung auch von schwindender Solidarität betroffen.

Nun ist Blutspenden eben keine Vereinsarbeit, sondern eine Tätigkeit, bei welcher der eigene Körper eingebracht wird. Welche speziellen Faktoren spielen da mit?

Laut ausländischen Studien zur Organspende sind Menschen eher zur Spende bereit, wenn diese an einen Nahestehenden geht. Oder wenn mit der Spende das Recht entsteht, dass man im Notfall ebenfalls ein Organ beziehen kann. Dieser Anspruch beisst sich aber mit dem Grundgedanken des Spendens, das ohne garantierte Gegenleistung funktioniert. Beim Blut zumindest besteht in der Schweiz weit verbreitet der Anspruch, dass im Notfall welches zur Verfügung steht – auch wenn man selber kein Spender ist. Dahinter steht eine Art Konsumhaltung.

Woher kommt diese?

Die Krankenkassenprämien haben ein Mass erreicht, das für viele Menschen am Limit des Tragbaren ist. So werden sich einige sagen: Wenn ich so viel bezahlen muss, wieso soll ich da auch noch unbezahlt Blut spenden? Dass offenbar weniger Menschen Blut spenden als früher, hat vielleicht auch damit zu tun, dass viele der Meinung sind, dass mit modernen Operationsmethoden weniger Bedarf an Blutkonserven besteht. Ich bin mir aber sicher, dass bei einer echten Notlage bei der Blutversorgung die Spendenbereitschaft in der Schweiz sehr hoch wäre.

Was ist gegen die harzige Rekrutierung von neuen Spendern zu tun?

Es braucht Massnahmen, um junge Spender zu gewinnen. Denkbar sind etwa Spendentage an Schulen und Universitäten sowie in Armee und Zivildienst. Es wäre auch gut, wenn Mitglieder von Velo- und Motorrad-Clubs, ­Autolernfahrer und Extremsportler ganz selbstverständlich Blut spenden würden.