Ewiger Kandidat: Martin Pfister hat als Linker in Innerrhoden kein leichtes Los –und gibt dennoch nicht auf

Die politische Mehrheit des Kantons Appenzell Innerrhoden hat er gegen sich. Trotzdem kämpft SP-Parteipräsident Martin Pfister unermüdlich weiter. 2019 kandidiert er bereits zum dritten Mal für den Nationalrat.

Claudio Weder
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Unermüdlich: Martin Pfister will auch in Zukunft politisch aktiv sein. (Bild: Claudio Weder)

Unermüdlich: Martin Pfister will auch in Zukunft politisch aktiv sein. (Bild: Claudio Weder)

Mit seiner 2012 gegründeten SP Innerrhoden hat Martin Pfister kein leichtes Spiel. Zumindest blieben grössere politische Erfolge bislang aus: Sowohl die 2014 eingereichte Initiative «Wohnen für alle» wie auch die Initiative «Versorgungsregion Säntis im Gesundheitswesen», die 2019 vors Volk kam, wurden von der Landsgemeinde mit deutlicher Mehrheit bachab geschickt. Nicht anders erging es Pfister im Kampf um den einzigen Innerrhoder Sitz im Nationalrat: 2011 kandidierte er zum ersten Mal für die Gruppe für Innerrhoden (GFI), 2015 dann für die SP. Beide Male blieb er gegen seinen Gegner, Daniel Fässler, chancenlos.

Doch Martin Pfister gibt nicht auf. Die vergangenen Wahlniederlagen halten ihn nicht davon ab, 2019 erneut für den Nationalrat zu kandidieren. Bereits im Frühjahr gab der SP-Präsident seine Kandidatur bekannt. «Ich will die rechts-bürgerliche Mehrheit im Bundesparlament korrigieren», so seine Motivation. Die Wahrscheinlichkeit, dass der 64-jährige Schulsozialarbeiter aus Gonten in diesem Jahr das Rennen macht, scheint 2019 aber nicht grösser zu sein als 2011 und 2015.

Davon lässt sich Pfister aber nicht unterkriegen. «Da ich in diesem Jahr gegen mindestens zwei Gegner antreten werde, wird der Wahlkampf wohl nicht so einseitig ausfallen wie in den Jahren zuvor», sagt der 64-Jährige optimistisch. Zudem diene der Wahlkampf auch dazu, die eigene Partei bekannter zu machen und neue Wählerinnen und Wähler zu gewinnen.

«Uns ist es wichtig, soziale und ökologische Themen in ländlichen Regionen unter die Leute zu bringen», sagt Pfister.

Steter Tropfen höhlt den Stein

Tatsächlich ist Pfisters Partei noch ziemlich jung. 2012 gab der gebürtige Zürcher Unterländer den Austritt aus der GFI bekannt. Zuvor präsidierte er die Partei während acht Jahren. Die SP Innerrhoden gründete er, weil er sich mehr nationale Vernetzung und offensivere Kommunikation wünschte. «Die Idee war gewagt», gibt Pfister zu. «Ich wusste nicht, ob mein Plan aufgeht.»

Doch irgendwie ist er aufgegangen: Die SP hat bis heute Bestand und zählt 18 Mitglieder. Es seien vor allem die Arbeit im Team und positive Reaktionen, die er erhält, die ihn auch heute immer wieder dazu anspornen, seine Partei voranzutreiben.

«Natürlich habe ich es als Linker – und Zugezogener – in Innerrhoden nicht immer leicht», bekennt Pfister. Für viele Innerrhoder sei er ein rotes Tuch. So sei es auch schon vorgekommen, dass ihm jemand anonyme Briefe zugeschickt und ihn darin als «linkes Pack» beschimpft habe.

Doch das seien Ausnahmen gewesen. «Häufig erhalte ich sogar positive Reaktionen – selbst von Personen, die nicht auf derselben politischen Linie unterwegs sind wie wir. Wichtig ist mir, eine klare Position zu vertreten.» Unermüdlich kämpft Martin Pfister weiter.

«Ich erlebe Innerrhoden als einen durchaus offenen Kanton, in dem uns alle Tore offen stehen.» Es brauche einfach Zeit, bis etwas Neues akzeptiert sei.

Als Beispiel nennt Pfister die Initiative «Wohnen für alle». In dieser verlangte er, dass sich Kanton und Bezirke für zahlbaren und qualitativ hochwertigen Wohnraum einsetzen und dazu eine Genossenschaft betreiben würden. Die Initiative habe zwar den Nerv des Volkes getroffen, schiesse aber über das Ziel hinaus, lautete damals die ablehnende Begründung der Mehrheit des Grossen Rates.

Genau darin sieht Pfister auch die Gründe für sein Scheitern in der Vergangenheit: «Viele Vorstösse scheinen für den konservativen Kanton Appenzell Innerrhoden ein zu grosser Schritt zu sein.» Aus diesem Grund sei es wichtig, den Innerrhodern Zeit zu geben, sodass Gedanken gedeihen können.

«Man muss stets dranbleiben, und in kleinen Schritten vorangehen. Ganz nach dem Motto: Steter Tropfen höhlt den Stein.»

Und so wird es auch noch eine Weile dauern, bis der erste SP-Vertreter im Grossen Rat Einsitz halten wird. Damit dies möglich werde, müsse man das Wahlsystem überdenken, so Pfister. Neben Graubünden ist Innerrhoden der einzige Schweizer Kanton, in dem die Mitglieder des Kantonsparlamentes im Majorzverfahren gewählt werden. In den Kantonen Ausserrhoden und Uri wird ein Mischverfahren von Majorz- und Proporzwahl angewendet. Durch die Majorzwahl hätten in Innerrhoden kleinere Parteien aber kaum eine faire Wahlchance.

«Die SP setzt sich daher für das Proporz- beziehungsweise ein Mischverfahren ein.» Proporz bedeute mehr Gerechtigkeit und würde die Bevölkerung wirklichkeitsgetreuer abbilden. Doch nicht nur das Wahlsystem steht bei der SP AI auf der politischen Agenda. Hauptthema wird – insbesondere im kommenden Jahr – die kantonale Umsetzung der Steuervorlage (STAF) sein. Weiterhin wollen sich Pfister und seine Partei für den Erhalt des Windkraftstandorts Oberegg einsetzen.

Sechs Sommer lang als Alphirte gearbeitet

Politisch interessiert, vor allem an ökologischen und sozialen Themen, war Martin Pfister schon als Kind und Jugendlicher. «Weil ich aber nie lange Zeit am gleichen Ort gelebt habe, bin ich bis 2003 nie auf die Idee gekommen, einer Partei beizutreten.» Dies änderte sich, als Pfister im Jahr 2001 in Gonten «sesshaft» geworden ist. Bis heute lebt er dort in einem alten Bauernhaus im Schmalzgrüebli.

Martin Pfister wuchs zusammen mit zwei jüngeren Brüdern in Embrach im Zürcher Unterland auf. Nach der Ausbildung zum Primarlehrer und ersten Jahren in der Schulstube bildete er sich zum Heilpädagogen weiter. Während seiner 14-jährigen Tätigkeit im Jugendheim Platanenhof in Oberuzwil zog er nach Urnäsch, wo er zehn Jahre wohnte. Seit 1997 ist er an der Schule Herisau als schulischer Heilpädagoge tätig. Während seiner Zeit in Urnäsch kam Pfister erstmals in Kontakt mit Innerrhoden. In Urnäsch lernte er einen Älpler kennen, den er während sechs Sommer lang auf der Fälenalp unterstützte.

«Durch die Arbeit auf der Alp lernte ich Land und Leute von Innerrhoden schätzen.»

Pfister ist seit 2010 Mitglied der SP Schweiz und wurde 2013 von der Konferenz der Kantonalpräsidien in die Geschäftsleitung der SP Schweiz gewählt. Auch ausserhalb der Politik ist Pfister engagiert: Er ist im Vorstand des Jugendkulturzentrums Appenzell (Onyx) und in der Vereinsleitung des Volleyballclubs Appenzell-Gonten aktiv. Seit 2018 präsidiert er die Ortskonferenz der Herisauer Lehrpersonen. Zudem engagiert sich Pfister sozial im Kosovo, wo er eine Familie und eine Schule unterstützt.