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"Zalando" für Gartenfans: Markus Kobelt betreibt den grössten Online-Pflanzenhandel der Schweiz

Sein Onlineversand ist eine Art Pflanzen-Zalando der Schweiz. Weltweit auf der Suche nach Neuem hat Markus Kobelt in Buchs über 100 Pflanzensorten kreiert. Zu seinem Erfolgsrezept gehören Pflanzengeschichten, die er in Videos erzählt.
Ursula Wegstein
1/4: Markus Kobelt ist der bekannteste Onlineversand-Gärtner der Schweiz. (Bilder: Ralph Ribi)

1/4: Markus Kobelt ist der bekannteste Onlineversand-Gärtner der Schweiz. (Bilder: Ralph Ribi)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Vorsichtig zupft einer mit der Pinzette pinke Blütenblätter von der neuentwickelten Erdbeersorte. Die Verpackungsmaschine verpackt Setzlinge in Töpfe und sortiert sie in Fünferreihen zum Einpflanzen auf dem Feld. In einer Ecke stapeln sich Kartonschachteln in allen möglichen Grössen. Ein paar Mitarbeiter arbeiten Bestellungen ab. Die hauseigene Redaktorin fotografiert eine Palme.

Am Rand eines Industriegebiets in Buchs im St. Galler Rheintal zwischen Autobahn und Eisenbahn liegt das Reich von Markus Kobelt, Obstzüchter und Geschäftsführer des grössten Online-Gartenhandels der Schweiz. Hier wachsen etwa 130000 Apfelbäume heran. Büsche, Blumen und Stauden gedeihen, bis sie verpackt und in die ganze Schweiz verschickt werden. Eine Art Zalando für Pflanzen.

2/4: Diese alte Lauchart soll wiederbelebt und weiterentwickelt werden.

2/4: Diese alte Lauchart soll wiederbelebt und weiterentwickelt werden.

Man müsse nicht mit den Pflanzen sprechen, sondern ihnen zuhören, sagt Markus Kobelt, während er sich in seinem Container in der Gewächshalle ­einen Kaffee zubereitet. Auch die Sorte selbst spreche zu einem, erzählt er auch in einer Sequenz seiner inzwischen über 3000 Videos umfassenden Youtube-­Bibliothek. Anscheinend versteht er die Sprache der Pflanzen und Sorten recht gut, hat der doch in den vergangenen 20 Jahren mehr als 100 neue Sorten gezüchtet.

Bei 99,9 Prozent der Versuche scheitert Kobelt

Es ist eine Suche nach der Stecknadel im Heuhafen. Versuch und Scheitern gehören dazu. Jedes Jahr startet Kobelt neue Projekte. Er möchte zwei bis zehn neue Sorten erschaffen. Aus 99,9 Prozent der Versuche wird am Ende jedoch nichts.

«Wir machen Evolution, nur schneller.» Markus Kobelt, Pflanzenzüchter

Dennoch ist der erfolgsversprechende Rest für den Züchter Motivation genug. Jeden Morgen treibt ihn der Wille, etwas Neues, Eigenes, Lebendes zu schaffen, wieder von neuem an.

«Jeder Züchter ist ein kleiner Schöpfer», sagt Kobelt. Sein grosser Traum: ein Produkt, das überall angebaut wird. Der ganz grosse Wurf ist bisher noch ausgeblieben. Sein rotfleischiger Apfel «Redlove», an dem er über zwei Jahrzehnte herumgetüftelt hat, und der vor wenigen Jahren im Obstbau auf den Markt kam, sei in den Niederlanden und Australien recht beliebt. In der Schweiz ist der erwartete Erfolg jedoch ausgeblieben. Vielleicht, weil der Redlove-Apfel nicht lagerfähig sei, so der Züchter.

3/4: An seinem rotfleischigen Apfel "Red Love" hat Markus Kobelt über zwanzig Jahre experimentiert.

3/4: An seinem rotfleischigen Apfel "Red Love" hat Markus Kobelt über zwanzig Jahre experimentiert.

Zu jeder Zucht gibt es eine Geschichte

Kobelts Ziel ist es, Marktführer für Obst- und Beerenpflanzen in Europa zu werden. Fünf bis sechs Millionen Franken Umsatz macht die Firma laut dem Unternehmer pro Jahr. Himbeeren und Äpfel sind seine Leidenschaft. Auf diesem Gebiet ist er Experte. Grösster Abnehmer in der Schweiz sei die Landi, gleichwohl verkaufe er online mehr als an den Grosshandel, sagt Kobelt.

Dies führt er nicht zuletzt darauf zurück, dass er zu seinen Produkten auch Geschichten erzählt: In fünfminütigen Video-Gartenlektionen über die Grundlagen des ­geduldigen Gärtnerns, das richtige Zurückschneiden, die Geschichte der Zi­truspflanze oder Fragen zum Winterschutz. All das erklärt er in seinen Youtube-Clips, die pro Tag etwa 17000-mal zu Rate gezogen werden.

Auch wenn hin und wieder die Kamera wackelt oder Hintergrundgeräusche zu hören sind, funktionieren die Geschichten. Weil Kobelt das Thema so erklärt, dass es jeder versteht. Geschichten erzählen, das kann der 55-Jährige, der einst Schriftsteller oder Journalist werden wollte. Nach vier Jahren hängte er sein Studium der Germanistik aber an den Nagel. Lieber wollte er sich auf dem Bauernhof seiner Tante an Züchtungen versuchen. Schliesslich sattelte er ganz auf Obst- und Weinbau um.

Protestapfel gegen die EU-Bürokratie

Markus Kobelt ist einer, der auch aneckt. Oder bewusst provoziert. Wie zum Beispiel mit seinem Protestapfel. Als Zeichen des Widerstands gegen die seiner Meinung nach ausufernde EU-Bürokratie hat er einen Apfel kreiert, der nicht registriert ist, und für den kein Marken- oder Sortenschutz besteht.

In einem Video wettert er gegen eine Kontrolle des Bundesamts für Landwirtschaft. Der Züchter verkauft seinen Kunden und Followern das Erlebnis, die Früchte der eigenen Arbeit zu ernten. Der Ertrag steht dabei nicht an vorderster Stelle. Für ihn zählt, dass die Pflanzen resistent und robust sind, einfach zu kultivieren und gut im Geschmack.

4/4: Zu den neuesten Entwicklungen gehört der Meereskohl, eine alte Gemüsesorte, die weiterentwickelt werden soll.

4/4: Zu den neuesten Entwicklungen gehört der Meereskohl, eine alte Gemüsesorte, die weiterentwickelt werden soll.

Dabei sucht er immer nach dem Tüpfelchen auf dem «i»: Erdbeeren mit pinken Blüten, Johannisbeeren mit roten Blättern oder rotfleischige Äpfel. Gentechnologie braucht er nicht: Neue Sorten schafft er durch vielfache Kreuzung.

Bauchgefühl statt Wissenschaft

«Wir wollen kein Papier produzieren», sagt Kobelt. Auf einem Regal stehen diverse Erdbeerexperimente. Ein Zettel verrät, wer Vater und Mutter der Sorte ist. Sein längerfristigstes Projekt ist die Entwicklung eines samenlosen Apfels. Die Idee: der ganze Apfel als Snack, ohne Kerne und Überbleibsel zwischen den Zähnen.

Daran arbeitet er nun schon fast 25 Jahre lang. Die Erfahrung hat ihn gelehrt, dass alles länger dauert als gedacht. Davon handelt auch eines seiner Videos: von der Geduld und Ungeduld im Garten.

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