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ETHIK: Der Polizist, dein Philosoph

Der Direktor der Polizeischule Ostschweiz ist neu auch philosophisch ausgebildeter Manager. Jetzt will Marcus Kradolfer den angehenden Polizisten die Denker der Antike näherbringen – und damit ihre Kommunikationsfähigkeit verbessern.
Melissa Müller
Er denkt über moralische Zwickmühlen nach: Marcus Kradolfer, Direktor der Polizeischule Ostschweiz. (Bild: Donato Caspari (Amriswil, 4. April 2018))

Er denkt über moralische Zwickmühlen nach: Marcus Kradolfer, Direktor der Polizeischule Ostschweiz. (Bild: Donato Caspari (Amriswil, 4. April 2018))

Melissa Müller

melissa.mueller@ostschweiz

-am-

sonntag.ch

Der Polizist als Freund und Helfer? Der Begriff gefällt Marcus Kradolfer nicht. «Ein Polizist muss auch büssen, verhaften, Freiheit einschränken. So etwas tun Freunde nicht.» Ausserdem gehe die Redewendung ursprünglich auf Nazi-Politiker Hermann Göring zurück. «Jetzt sind wir schon mittendrin in der Sprachphilosophie», sagt Kradolfer und lädt in sein spartanisch eingerichtetes Büro.

Seit sieben Jahren leitet der Schaffhauser die Polizeischule Ostschweiz in Amriswil, an der jährlich 90 Polizistinnen und Polizisten ausgebildet werden. Nun ist er auch noch ein philosophischer Manager geworden. An der Universität Luzern hat er einen Master of Advanced Studies (MAS) in «Philosophie + Management» abgeschlossen – zusammen mit Bankern, Juristen, Psychologen. «Ich bin als anderer Mensch herausgekommen», schwärmt der Schuldirektor von der Weiterbildung.

Morgens hört er auf seiner Autofahrt in den Thurgau nun philosophische Radiosendungen auf WDR 5. Über das Gutmenschentum, moralische Zwickmühlen, das glückliche Leben und die ­Existenzialisten. «Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre sagte: ‹Jeder ist zur Freiheit verdammt.› Was für ein radikaler Gedanke», sagt der 48-Jährige. Seine Begeisterung für grosse Denker will er nun auch den Aspirantinnen und Aspiranten weitergeben. In seiner Abschlussarbeit «Der ‹gute› Polizist im Spiegel der aristotelischen Tugendethik» verknüpft er Polizeiarbeit mit Philosophie. Kradolfer fordert, dass polizeiliche Ausbildungszentren Tugendethik in den Lehrplan einbauen.

«Wir unterscheiden an der Polizeischule vier Ethiktheorien: Tugendethik nach Aristoteles, Pflichtethik nach Immanuel Kant, Zielethik nach John S. Mill und Verantwortungsethik nach Hans Jonas.» Klingt anspruchsvoll. Sollen die Ordnungshüter nun auch noch kleine Philosophen werden? Genügt es nicht, dass sie bei Verkehrsunfällen ausrücken, Rapporte schreiben, das Strafrecht kennen, Karten lesen, Verbrechern hinterherhechten und ihre Waffen beherrschen?

«Die jungen Polizisten sollen nicht einfach Dienst nach Vorschrift leisten, sondern sich über ihr Tun Gedanken machen», sagt der Schuldirektor. Bereits heute werden sie in Ethik unterrichtet, eine Teildisziplin der Philosophie. Ethik biete gute Modelle zum Nachdenken und Argumentieren, was wichtiger denn je sei: «Im Zeitalter der sozialen Medien befindet sich die Polizei in einem Glashaus. Sie wird genau beobachtet, bewertet und kritisiert.»

Aristoteles und die häusliche Gewalt

Es geht im Polizeiunterricht um Fragen wie: Wie soll ich handeln? Was ist moralisch richtig? Wann kann ich auch mal ein Auge zudrücken und fünf gerade sein lassen? Was ist Verantwortung? Welchen Tonfall schlage ich an, wenn ich jemandem die Botschaft überbringen muss, dass sein Kind bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist? Die angehenden Ordnungshüter üben Extremsituationen mit professionellen Schauspielern.

Kradolfer schildert ein Beispiel aus der Praxis, um die aristotelische Tugendethik zu erklären. Der wichtigste Gedanke sei, dass Tugend die Mitte zweier Extreme sei. «Beispielsweise ist Tapferkeit die goldene Mitte zwischen Tollkühnheit und Feigheit.»

Fast täglich müssen Polizisten ausrücken und Fälle von häuslicher Gewalt schlichten. Dabei hält sich der Polizist ans Strafgesetzbuch – Taten gegen Leib und Leben sind strafbar. Besteht eine gesetzliche Grundlage, darf der Polizist eingreifen. Das Gesetz antworte aber nicht auf die Frage, wie denn eingegriffen werden sollte. Hier komme die ­Tugendethik zum Zug, so Kradolfer. Gegenüber dem Opfer sei Empathie gefragt, während der Täter – wenn nötig mit Gewalt – ausser Gefecht gesetzt werden müsse. Beim Anwenden von Gewalt soll nun die richtige Mitte gefunden werden. «Es wäre unverhältnismässig, wenn der Polizist dem Täter einfach so ins Bein schiessen würde.» Ersterer muss also erkennen, welches Mittel zum Erfolg führt, ohne mit Kanonen auf Spatzen zu schiessen. Bei den Schülern treffen solche Denk­anstösse auf offene Ohren. «Ein guter Input», findet Anna Taverna (39), Mutter und ehemalige Gastronomiefachfrau. Sie sei sich bewusst geworden, dass sie eigene Wertvorstellungen mitbringe, die mit jenen der Polizei nicht immer zwingend übereinstimmen. «Das ist ein Spagat.» Als angehende Polizistin wird sie künftig etwa Flüchtlinge ausschaffen oder Randständige verhaften müssen, denen sie als Privatperson «am liebsten einen Zmittag kochen» würde. Das kann herausfordernd werden. «Es ist wichtig, dass ich mich und mein Handeln regelmässig hinterfrage.»

Das Blut auf dem Asphalt

Für den Polizeischulleiter ist der Polizistenberuf – zwangsläufig – «enorm spannend» und abwechslungsreich: Man kann als Hundeführer, bei der Seepolizei, als Detektiv oder Polizeifahnder arbeiten. «Andererseits blickt der Polizist hinter die Fassaden der Gesellschaft.» Da sind Banalitäten, die plötzlich eskalieren. Bilder, die ein Polizist nicht mehr aus dem Kopf bringt: Verkehrsunfälle, Blut auf dem Asphalt, der Anblick einer Wasserleiche. Der Verwesungsgeruch im Treppenhaus eines Wohnblocks, nachdem ein Mann einen Monat lang tot in seiner Wohnung gelegen hatte. «Was läuft schief in unserer Gesellschaft, dass so etwas geschehen kann?», fragt sich auch Kradolfer.

Er weiss, wovon er spricht. Er war selber zwölf Jahre als Polizist an der Front. Wieder so ein Begriff, den der Linguist nicht mag, zu militärisch. «Auf der Strasse» ist ihm lieber. Auch das Bewusstsein um die Vorbildfunktion ist ihm wichtig. «Ihr müsst päpstlicher sein als der Papst», pflegt er seinen Schülern zu sagen. Das reiche vom korrekten Tragen der Uniform bis hin zu freundlichem, aber bestimmtem Auftreten.

Marcus Kradolfer hat in seiner philosophischen Weiterbildung auch einiges über sich selbst gelernt. Die Teilnehmer des Lehrgangs hätten sich gegenseitig «knallharte Rückmeldungen» gegeben – und seinen Perfektionismus in Frage gestellt. «Sie haben mich gelehrt, gelassener zu werden», sagt er schmunzelnd. Die goldene Mitte finden zwischen Faulpelz und verbissen ehrgeizigem Kadermann – auch das ist Tugendethik.

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