«Es war Sozialismus unter Palmen»

Heute lebt er in St. Gallen. 1990 begegnete der Schriftsteller und Journalist Helge Timmerberg dem damaligen kubanischen Präsidenten Fidel Castro. Ein Einladungsschreiben des Comandante bewahrte Timmerberg Jahre später vor der Verhaftung.

Julia Nehmiz
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Journalist, Schriftsteller und Wahl-St. Galler: Helge Timmerberg hat 14 Bücher veröffentlicht. (Bild: Michel Canonica (St. Gallen, 22. April 2016))

Journalist, Schriftsteller und Wahl-St. Galler: Helge Timmerberg hat 14 Bücher veröffentlicht. (Bild: Michel Canonica (St. Gallen, 22. April 2016))

Er ist einer der wenigen, die Fidel Castro kennengelernt haben. Das war nur wenigen westlichen Journalisten vergönnt. Und während draussen die St. Galler Weihnachtssterne angeknipst werden, sitzt Helge Timmerberg im Raucherzimmer eines Restaurants, bestellt Café Crème, zündet sich eine Zigarette an, und beginnt zu erzählen. Lange ist es her, dass er dem kubanischen Präsidenten begegnete, zwei Jahre in Kuba lebte und beinahe von Castro überfahren wurde.

Es begann mit einem Zufall: «1990 lebte ich in Marrakesch, da schickte die <Bunte> mich nach Kuba.» Castro hatte eine Delegation spanischer Hoteliers, Journalisten und Politiker eingeladen. «Und irgendwie hatte es der Chefredakteur Franz Josef Wagner geschafft, mich da reinzuschmuggeln.» Timmerberg bekam eine Einladung, sehr edel, goldene Schrift auf braunem Papier, zu einem Abend mit Fidel Castro im Palast der Revolution.

An besagtem Abend stand Castro vor dem Palasttor und begrüsste jeden Besucher mit Handschlag. Es gab ein fürstliches Essen, die angereisten Journalisten durften den Präsidenten in Gruppen interviewen. «Alle Journalisten sassen wie kleine Buben im Kreis um ihn herum und hingen an seinen Lippen, egal, wie sie politisch zu ihm standen. Er war eine Legende, hatte etwas von Hotzenplotz, mit einer unglaublichen Ausstrahlung und Humor.» Timmerberg hatte gute Karten bei Castro: Während die anderen ihn zur Weltrevolution befragten, sprach Timmerberg mit ihm über den ersten Seeräuber der Karibik. «<Mister Castro, what do you think about Jacques de Sores?> Ich wusste, er mochte ihn, de Sores galt als der erste Sozialist der Karibik.» Ob Steuermann oder Leichtmatrose, alle verdienten bei ihm den gleichen Lohn. Wer im Kampf verwundet wurde, bekam eine Ausgleichszahlung. «Das fand Castro super. <Er klaute den Imperialisten das Gold>, sagte Castro. Er fand es witzig, dass ich ihn das fragte.»

Heute amüsiert Timmerberg, dass die «Bunte» seine Geschichte damals nicht nahm, weil er zu positiv geschrieben hatte.

Fünf Jahre später zog Timmerberg für zwei Jahre nach Havanna. «Da hätte ich sicher nicht mehr so positiv geschrieben.» Der Mythos Castros traf auf die Realität. «Ich habe nur einen einzigen Kubaner getroffen, der den Kommunismus und das System gut fand.» Alle anderen haben gemotzt. Wobei nie Fidel Castro die Schuld gegeben wurde, der wurde geliebt wie ein zu strenger Grossvater. «An allem, was schief lief, waren die Funktionäre oder der Apparat schuld.»

Staatssicherheit im Zuckerrohrfelderparadies

Timmerberg war aus Zufall in Havanna gelandet, ein Freund hatte ihn überredet, mitzukommen. Timmerberg gefiel es auf Anhieb, die heruntergekommene Grossstadt Havanna, die offenen und kultivierten Menschen, die Romantik auf dem Lande. «Es war Sozialismus unter Palmen.» Die Leute wurden mit Rum geködert, den man fast umsonst bekam. Aber alle waren korrupt. «Du konntest alles haben, Kokain, Sex, Autos.» Doch: Wer den Mund aufmachte, wer schwul war, galt als Konterrevolutionär und kam ins Gefängnis.

Timmerberg war spät nachts auf dem Heimweg von der Disco. Mit seiner Freundin sass er in einem Privattaxi. «An einer Kreuzung wurde uns von einer Staatslimousine die Vorfahrt geschnitten. Unser Taxifahrer stieg voll in die Bremsen, nur um Millimeter verfehlte uns die Limousine. Hinten drin sass Castro.»

Und Timmerberg begegnete Castro quasi ein drittes Mal. «Mit Freunden waren wir in Holguin im Osten der Insel. Ein Zuckerrohrfelderparadies. Kubaner sagten, die Staatssicherheit sei das einzige, das funktioniere. In Holguin funktionierte sie besonders gut.» Sie sassen im Hotelzimmer und rauchten Marihuana, als sieben Polizisten das Zimmer stürmten: Leugnen sei zwecklos, sie könnten jeden ihrer Schritte dokumentieren. Da zückte Timmerberg die fünf Jahre alte Einladung von Castro – und galt plötzlich als Freund Kubas und der Revolution. Niemand kam ins Gefängnis, niemand musste das Land verlassen.

Timmerberg kehrte trotzdem nach zwei Jahren Kuba den Rücken. «Die Zeit in Kuba war magisch. Aber ich kam mit mir nicht mehr klar, ich hatte zu viel gefeiert und getrunken.» 1997 zog er zurück nach Europa. Zehn Jahre später reiste er nochmals nach Kuba. Doch die Magie war weg: An jeder Strassenkreuzung Polizei, die Leute hatten Angst.

«Früher dachte ich, wenn Fidel Castro stirbt, muss ich nochmal nach Kuba. Heute habe ich von seinem Tod gelesen, und es ficht mich nicht an.» Timmerberg drückt seine Zigarette aus, trinkt den letzten Schluck Kaffee. Der Regen hat aufgehört. Zu Fuss geht er nach Hause. Wie es mit Kuba weitergeht? «Der Kapitalismus wird sich schneller durchsetzen.»

Wer mehr von Helge Timmerberg lesen möchte, dem sei sein neustes Buch empfohlen: «Die rote Olivetti – Mein ziemlich wildes Leben zwischen Bielefeld, Havanna und dem Himalaja», Piper Verlag 2016