"Es war manchmal schlimm mit ihm"

AMRISWIL. Schiesserei auf offener Strasse in Amriswil: Ein 53-Jähriger wird dabei schwer verletzt. Der mutmassliche Täter sitzt bald darauf in Haft. Der Eskalation dürfte ein langer Streit um Lärm unter Nachbarn vorausgegangen sein.

Rita Kohn
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Blick vom Wohnhaus der zerstrittenen Parteien auf den Parkplatz, wo gestern morgen die Schüsse fielen. (Bild: Rita Kohn)

Blick vom Wohnhaus der zerstrittenen Parteien auf den Parkplatz, wo gestern morgen die Schüsse fielen. (Bild: Rita Kohn)

Die Schüsse fielen gestern kurz vor halb sieben morgens. Das Opfer – ein 53jähriger Mann – macht sich regelmässig um diese Zeit auf den Weg zur Arbeit. Sein Auto steht auf dem Parkplatz vor dem Haus. Auch an diesem Dienstag. Doch der Mitarbeiter wird an diesem Tag seinen Arbeitsplatz nie erreichen.

Der mutmassliche Täter schiesst mehrmals auf sein Opfer, verletzt den Mann schwer. Er wird wenig später von der Kantonspolizei Thurgau festgenommen. Weshalb es zur Schiesserei gekommen ist, ist derzeit Gegenstand von Ermittlungen.

Konflikt schwelt schon länger

Fest steht, dass sich das Opfer und der Festgenommene gekannt haben. Sie sind Nachbarn, bewohnen je eine kleine Wohnung in einem Hochhaus an der Poststrasse. Das Opfer ein Stockwerk direkt über dem mutmasslichen Täter. In den letzten Jahren ist es immer wieder zu Reibereien gekommen. Der später Festgenommene hatte seinen Nachbarn im Verdacht, ständig Möbel zu verrücken und Lärm zu machen, um ihn zu stören. Doch davon wissen die anderen Hausbewohner nichts.

«Ich habe nie etwas von ihm gehört», sagt Nachbarin Liselotte Kuratli über das Opfer. Sie habe ihn zwar kaum zu Gesicht bekommen, aber wenn, habe er stets freundlich gegrüsst. Ganz anders der mutmassliche Täter. Erst kürzlich sei er wieder vor der Wohnung des Opfers aufgetaucht und habe mit dem Fuss gegen dessen Tür getreten und lautstark geschimpft. Gestern hätte der 58jährige Schütze seine Wohnung räumen müssen. Die Verwaltung hatte ihm den Mietvertrag gekündigt. «Es war manchmal schlimm mit ihm», sagt eine Anwohnerin. Er habe ständig darüber geklagt, dass in der Wohnung über ihm Radau herrsche. «Selbst wenn der Mieter der oberen Wohnung gar nicht da war, hörte er den Radau.»

Doch der 53-Jährige war nicht der einzige, der dem Festgenommenen ein Dorn im Auge war. «Meine Enkelin, die eine Weile in meiner Wohnung lebte, hatte auch Probleme mit ihm», sagt Wilhelmine Müller, die direkt neben dem mutmasslichen Täter wohnt. Sie erzählt von Zusammenstössen und Beschwerden, von lautstarkem Schimpfen aus dem Fenster und unfreundlichen Zusammenstössen. Darüber, dass er nun ausziehen sollte, ist sie nicht traurig. «Dann kehrt wieder Ruhe ein.»

Erst letzten Freitag musste die Polizei ausrücken. Ernst Vogelsanger vom Mediendienst der Kantonspolizei Thurgau bestätigt einen Einsatz an der Poststrasse, macht aber keine näheren Angaben dazu. Der 58jährige Schweizer soll laut Nachbarn aber das spätere Opfer für seine Probleme verantwortlich gemacht haben. Auch dafür, dass ihm die Wohnung gekündigt worden ist.

Opfer schwer verletzt

Ob das Opfer die Schüsse überleben wird, ist noch unklar. Der Mann ist schwer verletzt und musste vom Rettungsdienst ins Spital gebracht werden. Die Kantonspolizei Thurgau hat den mutmasslichen Täter im Bereich des Tatorts festgenommen und später an seinem Wohnort eine Faustfeuerwaffe sichergestellt. Ob es sich dabei um die Tatwaffe handelt, ist derzeit noch unklar. Eine Anwohnerin hat den Mann kurz nach den Schüssen in die Liegenschaft zurückkehren sehen. Die Staatsanwaltschaft Bischofszell hat eine Strafuntersuchung eröffnet, der mutmassliche Täter befindet sich in Haft. Die Kantonspolizei bittet allfällige Zeugen, sich unter der Nummer 071 221 47 00 zu melden.