«Es wäre fatal gewesen»: Medizinisches Personal sollte während der Corona-Pandemie mit Party in St.Gallen belohnt werden – jetzt wurde sie abgesagt

Ein Veranstalter wollte im Ivy-Club in St. Gallen eine Sommerparty für Ärzte und Pflegekräfte feiern. Falls es zu einem Superspreader-Vorfall gekommen wäre, hätte dies grosse Auswirkungen auf kantonale Krankenpflege gehabt. Der Event wurde nun aber verschoben.

Remo Künzler
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Die Gäste hätten im St. Galler Club «Ivy» das Tanzbein schwingen sollen.

Die Gäste hätten im St. Galler Club «Ivy» das Tanzbein schwingen sollen.

Bild: Imago Images

Es hätte die grosse Sommerparty des medizinischen Personals werden sollen. Ärzte, Pflegefachkräfte, Physiotherapeuten, Zahnärzte, Sanitäter, Medizinstudenten und viele mehr waren in den vergangenen Monaten mit dem Kampf gegen das Coronavirus beschäftigt. Zum Feiern hatten sie keine Zeit. Der Zürcher Veranstalter Urban Agency Events AG wollte deshalb im Ivy-Club in St.Gallen eine Party organisieren und warb mit folgendem Motto: «Für einmal behandeln wir nicht Patienten, sondern die Barkeeper behandeln uns.»

Mit diesem Bild hat der Veranstalter in den sozialen Medien geworben.

Mit diesem Bild hat der Veranstalter in den sozialen Medien geworben.

Bild: PD

Die Idee des Anlasses: Gleichgesinnte aus dem medizinischen Bereich sollen zusammenkommen und bis in die frühen Morgenstunden den über Monate aufgestauten Stress abbauen. Der Event trägt den Namen «St.Gallen’s Anatomy», in Anlehnung an die erfolgreiche, amerikanische Serie «Grey’s Anatomy». Doch in Zeiten einer globalen Pandemie ist ein solcher Clubabend ein riskantes Unterfangen.

«Eine Party wäre fatal gewesen»

Gisela Pristas erhofft sich verantwortungsbewusstes Handeln der Pflegekräften.

Gisela Pristas erhofft sich verantwortungsbewusstes Handeln der Pflegekräften.

Bild: PD

Das hat nun auch die Zürcher Eventagentur eingesehen und den Clubabend wieder abgesagt. Eigentlich hätte die Party bereits am 24. Juli im St.Galler «Ivy» steigen sollen. Zum Grund der kurzfristigen Absage wollten sich die Verantwortlichen am Freitag auf Anfrage nicht äussern. Für die Zürcher Agentur ist es nicht die erste Widrigkeit: Ursprünglich hätte der Event bereits im März stattfinden sollen, doch dann kam der Lockdown dazwischen. «Eine Party für Pflegende in der aktuellen Lage wäre verantwortungslos gewesen», sagt Gisela Pristas, die Verantwortliche für Sozialpartnerschaften bei der Ostschweizer Sektion des Berufsverbandes für Pflegepersonal (SBK).

Sie begrüsse deshalb die Absage des Veranstalters. Pristas findet, dass die Schutzkonzepte des Bundes grundsätzlich ausreichen sollten, um ohne Ansteckungsgefahr in Clubs zu gehen. Falls aber ein Club die Richtlinien nicht einhalten sollte, könnte sich dies vor allem für das medizinische Personal schnell zum Worst-Case-Szenario entwickeln. «Dann stellte sich die Frage: Woher nehmen wir das Personal her. Pflegekräfte wachsen nicht einfach so auf einem Baum», sagt Pristas.

«Wenn 50 Pflegende nach einem Clubbesuch in Quarantäne müssten, wäre dies für die Betriebe fatal gewesen», sagt Gisela Pristas. Sie sagt weiter, dass es vor allem Langzeitinstitutionen vor ein riesiges Problem stellen würde, da man dort sowieso schon einen Personalmangel habe. Grundsätzlich schreibe der SBK den Pflegefachpersonen aber nichts vor. Man hoffe einfach, dass alle mit der aktuellen Situation verantwortungsbewusst umgehen und ihr Wissen auch ausserhalb der Arbeitsräume umsetzen.

Kanton erteilt keine Auflagen für Klubbesuche

Der stellvertretende Stabschef des Führungsstabes im Kanton St. Gallen Daniel Sturzenegger erklärt: «Der Kanton macht den Betrieben im Gesundheitswesen keine Auflagen in Bezug auf deren Personal und eine mögliche Exposition mit dem Covid-19-Virus ausserhalb der Arbeitszeit.» Weiter fügt Sturzenegger an, dass die Betriebe selbst für die Funktionsfähigkeit der Institution und somit auch für das gesundheitliche Wohlergehen deren Mitarbeiter zuständig seien.

Schweizweites Angebot der Partyreihe

Die Partyreihe für Mediziner wird in anderen Städten wie Zürich, Basel oder Bern bereits seit zwei Jahren angeboten. Der Veranstalter schreibt auf seiner Webseite, dass man nach zahlreichen Anfragen endlich auch in St.Gallen auf die Tanzfläche bittet. In diesem Sommer wird daraus sicher nichts mehr: Der Anlass wurde auf Mitte Oktober verschoben. Doch auch dann könnte die Pandemie den partyfreudigen Medizinern erneut einen Strich durch die Rechnung machen.

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Viola Priss