Interview

«Es tut im Herzen weh»: Festivalchef Christof Huber erklärt, wie es mit dem Open Air St.Gallen und dem Summerdays jetzt weitergeht

Das Open Air St.Gallen und das Summerdays-Festival 2020 sind abgesagt. Festivalchef Christof Huber sagt, wie die Zukunft der beiden Ostschweizer Festivals nun aussieht.

Luca Ghiselli
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«Ich hoffe, dass die Politik uns nicht vergisst»: Festivalchef Christof Huber hofft auf Hilfe.

«Ich hoffe, dass die Politik uns nicht vergisst»: Festivalchef Christof Huber hofft auf Hilfe.

Bild: Ralph Ribi (St. Gallen, 29. April 2020)

Jetzt herrscht Gewissheit: Der Festivalsommer 2020 fällt ins Wasser. Wie gross ist die Enttäuschung?

Christof Huber: Einerseits sind wir erleichtert, weil wir endlich Gewissheit haben. Wir wussten ja schon länger, was auf uns zukommt. Aber es ist ein schwarzer Tag für die Festivals – nicht nur für das Open Air St.Gallen und das Summerdays-Festival. Im Moment funktionieren wir einfach. Die emotionale Leere wird kommen, sobald es Juni wird und wir eigentlich mit dem Aufbau beschäftigt wären.

Andere Festivals wie das «Blue Balls» oder das «Paléo» haben die Klarheit gleich selbst geschaffen und schon vor Wochen abgesagt. Warum haben Sie abgewartet?

Wir haben die formale Bestätigung gebraucht, dass es sich um höhere Gewalt handelt. Dafür braucht es ein behördliches Verbot. Hätten wir selbst abgesagt, hätten wir von Lieferanten oder Künstlern mit Forderungen konfrontiert werden können. Weil ein düsteres Jahr auf uns zukommt, wollten wir dieses Risiko nicht eingehen. Einige Festivals haben das anders gesehen, und das ist legitim.

Die Krise trifft Sie hart. Wie zuversichtlich sind Sie, dass 2021 das Open Air StGallen und das Summerdays-Festival überhaupt durchgeführt werden können?

Ich bin ein positiver Mensch. Unsere Idee ist es, die Festivals ins nächste Jahr zu verschieben. Es bleibt aber ein grosser finanzieller Schaden, denn die Festivals 2020 waren organisiert. Wir haben Kurzarbeit im Unternehmen eingeführt, wir loten auch die mögliche Unterstützung durch Stadt und Kanton aus. Rückenwind gibt uns der viele Zuspruch der Besucher und das Bewusstsein in der Bevölkerung, dass es das nicht gewesen sein kann. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir das schaffen und 2021 mit beiden Festivals wieder am Start sind.

Die Verschiebung auf 2021 bedeutet auch, dass bereits gekaufte Tickets ihre Gültigkeit behalten. Wie viele haben Sie im Vorverkauf 2020 denn abgesetzt?

Ich will keine konkreten Zahlen nennen. Aber wir waren bei beiden Festivals auf sehr gutem Weg. Der Vorverkauf des Open Air St.Gallen lief deutlich besser als im Vorjahr, auch beim Summerdays waren wir stark unterwegs. Umso härter ist das alles.

Können Besucher ihr Ticket auch zurückgeben?

Grundsätzlich rufen wir die Besucher dazu auf, ihre für 2020 bereits gekauften Tickets zu behalten. Denn wie gesagt: Wir veranstalten diese Festivals 2021 wieder. Wir werden aber trotzdem eine Rückerstattung anbieten – das gebietet die Fairness gegenüber den Konsumenten.

Wie gross fallen die Verluste aus? Gibt es bereits Prognosen?

Ein substanzieller Teil wird als Schaden zurückbleiben, das ist klar. Für konkrete Zahlen ist es aber noch zu früh, zumal wir versuchen, einige Ausgabenposten wie die Künstlergagen ins nächste Jahr auszulagern.

Werden Sie auch Teile der Line-Ups ins kommende Jahr zügeln?

Viele Besucher haben das angeregt. Die Konstellation der Festivals ist im kommenden Jahr aber wieder eine andere, weil wir vom 1. bis 4. Juli stattfinden werden. Wir sind mit vielen Künstlern im Dialog, ob wir sie für 2021 wieder buchen können. Das wird uns nicht bei allen gelingen, aber einige wichtige Bands haben bereits zugesagt.

Seit Januar ist der deutsche Ticketing-Riese Eventim mit 60 Prozent an der Firmenholding hinter dem Open Air St.Gallen beteiligt. Federn die neuen Eigentumsverhältnisse die Verluste etwas ab?

Eventim hat ein Kernbusiness, und das ist Ticketing und Konzerte veranstalten. Der Aktienkurs von Eventim ist massiv eingebrochen. Das ist für den ganzen Konzern eine harte Zeit.

Jahrzehntelang ging es in Ihrer Branche immer nur aufwärts, jetzt ist die Krise da. Wird die Festivalszene redimensioniert aus der Krise kommen?

Ich glaube, es wird in vielen Branchen eine Korrektur stattfinden. Der Ballon war vielleicht zu sehr aufgeblasen. Ich denke nicht, dass alle Festivals, Clubs und Agenturen das überleben.

Könnte es auch eine Korrektur bei den Künstlergagen geben? Diese sind in den vergangenen Jahren förmlich explodiert.

Diese Diskussion läuft. Es ist wie beim Fussball: Lernt man aus den Fehlern der Vergangenheit? Ich hoffe einfach, dass die Politik uns nicht vergisst. Und damit meine ich die Kultur als Ganzes. Ich glaube, alle haben bald genug von Livestreams. Und wir freuen uns alle, wieder raus zu dürfen.

Bis es wieder normal sein wird, mit 30'000 anderen ein Festival zu besuchen, dauert es noch.

Das ist so. Deshalb trifft die Coronakrise unsere Branche auch so hart: Wir waren die Ersten, die von den Massnahmen betroffen waren. Und wir werden die Letzten sein, die von Lockerungen profitieren.

Welches Konzert wird Ihnen diesen Sommer am meisten fehlen?

Ich habe mich zum Beispiel extrem auf Twenty One Pilots gefreut. Und auch auf Kummer. Das wird uns jetzt allen fehlen, und es tut im Herzen weh. Jetzt werden wir als Team einen Sommer erleben, in dem wir gar nicht richtig wissen, was wir tun sollen. Aber ich spüre trotz allem eine grosse Motivation, 2021 ein grossartiges Festival zu veranstalten.