Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Es regnet und die Ostschweizer Bauern atmen auf - was die Hitze für sie bedeutet hat

Wenn es dieses Wochenende regnet, freut das die Bauern in der Ostschweiz. Denn die Böden sind zu trocken. Zudem hat sie die Hitze belastet. Aus dem Klimawandel ziehen die Landwirte verschiedene Schlüsse.
Katharina Brenner
René Gremlich bei der Kirschernte auf seinem Hof in Salenstein. (Bilder: Reto Martin (Fruthwilen, 26. Juli 2019))

René Gremlich bei der Kirschernte auf seinem Hof in Salenstein. (Bilder: Reto Martin (Fruthwilen, 26. Juli 2019))

Im hinteren Teil des Hofladens sitzen drei Frauen an einem grossen Tisch und sortieren Kirschen. Bei den einen nehmen sie den Stiel ab und legen sie in Plastikschalen, die anderen, mit Stiel, kommen in Körbchen aus Papier. «Chriesiland Gremlich» steht darauf. Im Radio liest die Sprecherin die Nachrichten auf Englisch, wie immer zur vollen Stunde im österreichischen Sender FM4. Es ist 10 Uhr am Freitag, draussen hat es bereits 28 Grad. Am Mittag wird die Temperatur in Salenstein auf 33 Grad ansteigen. Doch im Hofladen ist es angenehm kühl. Der Ventilator steht still, das Fenster offen.

René Gremlich kommt herein. Kurze Hose, ärmelloses Shirt, die Haut von der Sonne gegerbt. Er stellt sich vor, sagt, er brauche was zu trinken, verschwindet im Nebenraum und kommt mit einem grossen gefüllten Glas zurück. Kirschsaft? «Wasser mit Himbeersirup.» Vier bis fünf Liter trinke er gerade pro Tag. In der Anlage sei es sieben Grad wärmer als draussen. Die halbrunden Dächer aus Folie schützen die Kirschen vor Niederschlag – und speichern die Hitze. Über deren Auswirkungen spricht Gremlich deshalb lieber im kühlen Hofladen.

Sämtliche Äpfel von Gremlich weisen Hagelschäden auf.

Sämtliche Äpfel von Gremlich weisen Hagelschäden auf.

«Um halb sechs am Morgen, sobald wir etwas sehen, fangen wir an. Und arbeiten bis abends um neun. Dazwischen machen wir Siesta, von drei bis sechs, manchmal auch schon ab zwölf, weil es nicht mehr geht.» Gremlich schmunzelt, als er das Wort «Siesta» sagt, ein ungewohntes Wort. Für die Kirschen seien die Temperaturen kein Problem. Kritisch werde es erst nach mehreren Hitzewochen. Die Kirschen auf dem Tisch sind prall und violett.

Eine der Frauen bietet eine an: Sie schmeckt, wie Kirschen schmecken sollten.

Quellen haben sich bis heute nicht vom letzten Sommer erholt

Dass Gremlichs Kirschen gut sind, liegt auch daran, dass er sie bewässert. Denn es ist viel zu trocken. Im Thurgau ist im Juli bis jetzt knapp die Hälfte der Normniederschläge gefallen, im Kanton St.Gallen war es nur etwa ein Drittel. Hinzu kommt: Vom Hitzesommer 2018 haben sich die Quellen bis heute nicht erholt. Es hat zwar geregnet, aber nicht genug. So schlimm wie vergangenes Jahr ist die Lage nicht. Und auch nicht so schlimm wie aktuell im Welschland, wo Landwirte ihre Nutztiere auch auf sonst geschützten Wiesen weiden lassen. Besonders am westlichen Seerücken ist die Lage aber angespannt:

In Eschenz herrscht akute Wasserknappheit. Die Bevölkerung soll Trinkwasser sparen, aufs Autowaschen und das Befüllen von Schwimmbädern verzichten. Was bedeutet das für die Landwirte?

Anruf bei Marcel Ullmann, der in Eschenz Zuckerrüben, Getreide und Äpfel anbaut. Der Familienbetrieb mit Vater Claus Ullmann hält auch Truten. «Bisher ist die Trockenheit noch kein grosses Problem für uns, weil wir eine eigene Quelle haben», sagt Marcel Ullmann. Der Hof ist nicht an die Wasserversorgung der Gemeinde angeschlossen. «So wie die allermeisten Landwirtschaftsbetriebe in Eschenz.» Beim Thurgauer Amt für Umwelt heisst es: Wenn kommunale oder regionale Wasserversorgungen der Landwirtschaft Wasser abgeben, dann nur so viel, dass die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung jederzeit gewährleistet sei. Um mehr Unabhängigkeit vom Trinkwasser zu garantieren, sind Projekte für alternative Bewässerungen in Planung.

René Gremlich begrüsst das. Sein Hof ist ans öffentliche Netz angeschlossen. Ob Gemüse-, Getreide-, Obstanbau oder Milchwirtschaft: Wer sich bei Landwirten in der Ostschweiz umhört, merkt: Sie treffen Vorkehrungen für weitere Trocken- und Hitzezeiten. Mit robusteren Gräsern, mehr Zweigen an den Apfelbäumen, damit Blätter Schatten spenden, Bewässerungssystemen, die in der Wüste Israels eingesetzt werden oder einer Art Sonnencreme für Äpfel, die aus Australien stammt.

Bestritten wird der Klimawandel von niemandem. Es wird in der Tendenz wärmer, ja, aber ob damit auch automatisch regelmässige Hitzesommer verbunden sind? Da zeigen sich die Landwirte eher skeptisch. Klima sei das eine, Wetter das andere. Und es sei keineswegs alles schlecht: Es können mehr Sorten und länger angebaut werden.

Dunkle Dellen und kleine Löcher über den Apfel verteilt

Ralph Gilg nimmt einen Apfel in die Hand, ein Greenstar, grün, wie sein Name sagt. Gilg braucht auf die Schadstellen gar nicht zu zeigen, so offensichtlich sind sie. Dunkle Dellen, kleine Löcher, sind über den Apfel verteilt. «Vier Hagelschäden hatten wir in diesem Frühjahr. Ein Ausfall bei den Äpfeln von 97 Prozent.» Das sei jetzt alles Mostobst. «Das Wetter wird extremer.» In den vergangenen Jahren haben die Hagelfälle zugenommen – und die Hitze.

Die Kirschen müssen wegen der Trockenheit bewässert werden.

Die Kirschen müssen wegen der Trockenheit bewässert werden.

Von Gilgs Apfelbäumen aus sieht man den Hof von René Gremlich. Seine Äpfel sind zu 100 Prozent vom Hagel zerstört worden. Hagelnetze hat er nicht, weil Äpfel nicht mehr so wichtig für ihn seien, sagt er. Kirschen machen 70 Prozent seiner Einnahmen aus. Wie Gremlich baut auch Gilg Kirschen und Zwetschgen an. Er ist zudem Präsident des Thurgauer Obstverbands. Politisch sei er «total neutral». Doch der Klimawandel treibt ihn um. «Ein, zwei Grüne» könne man dieses Jahr schon auch wählen, die Grünliberalen finde er interessant. Gesamtgesellschaftlich müsse der CO2-Abdruck reduziert werden. Der Weg sei schwierig.

Oberster Bauer ruft zum Handeln auf

Aktuell trägt die Landwirtschaft in der Schweiz mit einem Anteil von 13 Prozent zu den Emissionen bei. Der oberste Schweizer Bauer und St.Galler CVP-Nationalrat Markus Ritter sagte Mitte Juli: «Wir müssen jetzt handeln.» Beispielsweise wolle der Bauernverband künftig vermehrt Systeme fördern, die Felder ressourcenschonender bewässern. Ganz CO2-neutral zu arbeiten, sei für Landwirtschaftsbetriebe aber schwierig. Auch die Parteien setzen im Wahlkampfjahr aufs Klima. Die SVP hingegen warnt vor «rotgrüner Klimahysterie». Auch wenn die Wetterextreme und der Klimawandel ein Thema sind für die Ostschweizer Landwirte, sagen so gut wie alle, ihre politische Haltung beeinflusse das nicht.

Dieses Wochenende wird deutlich kühler. Wie heiss und trocken der August wird, kann Meteo Schweiz nicht voraussagen. Den Kirschen von René Gremlich würde die Hitze nicht mehr allzu viel ausmachen. In einer Woche sind auch die letzten gepflückt.

Lesen Sie auch:

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.