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«Es nützen alle Sprachkurse nichts, wenn man nicht mit den Leuten redet»: Das Solihaus hilft Flüchtlingen durch den Alltag

Trotz vermehrter Integrationsangebote der Gemeinden bleibt die St.Galler Anlaufstelle für Flüchtlinge viel gefragt. Diesen Samstag feiert das Solihaus sein jährliches Hausfest und im nächsten Jahr bereits sein zehnjähriges Bestehen.
Marcel Elsener
Solihausleiterin Miriam Rutz in der Mittagstisch-Runde. Bild: Ralph Ribi

Solihausleiterin Miriam Rutz in der Mittagstisch-Runde. Bild: Ralph Ribi

Ein gewöhnlicher Mittwochvormittag, doch im «gelben Haus» auf dem früheren Schulareal in St.Fiden summt es wie in einem Bienenhaus. Unüberhörbar das Gerät, mit dem Hauswart Haile Medrek das Wiesbord mäht. Den Afghanen, der auf der Gartenbank seiner Landsfrau bei Aufgaben hilft, scheint es nicht zu stören.

Im Haus hängt eine Gruppe Tibeter und Eritreerinnen Bilder auf – eigene, gefertigt im Malkurs. Derweil lassen sich zwei Iraner im Büro erklären, wie man eine Bewerbung verfasst. In der Küche waschen Männer und Frauen unterschiedlichster Herkunft Salat und reichern Pizzen an, die von der Ostschweizer Tafel geliefert worden sind. Ob sie dem Italiener schmecken? Kein Flüchtling, aber vor kurzem eingewandert, ist er von Tibetern nach dem Deutschunterricht zum Mittagstisch ins Solihaus eingeladen worden.

Treffpunkt zur Bewältigung von Alltagsproblemen

Ein schöner Betrieb, der die Frage, mit der man eigentlich ins Solihaus kam, selbstredend beantwortet. Braucht es solche Freiwilligenangebote noch – jetzt, wo Kanton und Gemeinden ihre schulischen und arbeitsintegrativen Angebote für Asylsuchende ausgebaut haben? Und jetzt, da die Zahl der Migranten so tief ist wie lange nicht mehr? «Was für eine Frage, es braucht uns wie eh und je», sagen die Solihaus-Vorstandsmitglieder Ursula Surber und Andreas Müller sowie Hausleiterin Miriam Rutz übereinstimmend. Der populäre Mittagstisch, die gut belegten Kurse (Hauswirtschaft, Nähen, Computer u.a.), die viel gefragte Alltagshilfe von Rechtsberatung bis Kinderbetreuung und Veranstaltungen ziehen täglich 50 bis 60 Personen an.

Doch Zahlen sagen nicht viel darüber aus, um was es im 2010 eröffneten Haus wirklich geht: Als niederschwelliger Treffpunkt, Beratungsstelle und Ort des Austauschs bietet das Solihaus den Flüchtlingen «ein Stück Heimat, das es sonst nicht gibt». So formuliert Lehrer Müller, was in ähnlichen Worten ein eritreischer Familienvater im Jahresbericht vermerkt: «Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich bin, dass wir ein solches zweites Zuhause haben.» Oder wie es im Vortrag eines jungen Afghanen vor seiner Schulklasse in der Berufsschule heisst: «Die meisten Leute habe ich beim Fussball und im Solihaus kennengelernt.» Wie mit einem Seismographen spüre man im Haus «alles, was sich bewegt, unmittelbar», sagt Ursula Surber. Sprich jede Änderung im ständig neu reglementierten Asylbereich wirkt sich auf die Freiwilligenarbeit aus. Im Solihaus war am Anfang wichtig, dass eine Tagesstruktur geboten wurde: «Wir begannen in einer Zeit, als es noch sehr wenige Integrationsangebote gab», sagt Gründungspräsidentin Surber.

Alltagsbegleitung ist so wichtig wie Spracherwerb

Nun seien die behördlich verbesserten Angebote mit vermehrten Sprachkursen, Berufseinstiegsmöglichkeiten (Vorlehre, Lehre) und vereinfachtem Zugang zur Arbeit spürbar. Umso gefragter sind im Solihaus jetzt die Berufslehrbegleitungen, die Vertiefung von Hausaufgaben, aber auch unkomplizierte Hilfe bei Rechnungen und allerhand Papierkram, und, nach wie vor: die Selbstverständlichkeit des Zwischenmenschlichen. Alltagsbegleitung sei «genau so wichtig wie der Sprachkurs», sagt Ursula Surber und zitiert den verstorbenen St.Galler Sozialchef Nino Cozzio, der 2016 in einer Ansprache sagte: «Es nützen alle Sprachkurse nichts, wenn man nicht mit den Leuten redet.»

Die Wertschätzung auf Seiten der zunächst orientierungslosen Flüchtlinge belegt Lehrer Müller mit dem Beispiel einer Gruppe von Afghanen, die alle Solihausleute partout zum 1. August einladen wollten, «um endlich etwas zurückzugeben», wie sie meinten. Es gehe im Solihaus nicht ums «Verhätscheln», ergänzt Hausleiterin Rutz, sondern um die handfeste Alltagsbetreuung. Egal mit welchem Bewilligungs-Status, alle wollten vorwärts kommen, aber stiessen dabei auf viele Hindernisse. «Wir wissen, wie es den Leuten wirklich geht», sagt Rutz und erzählt von einer alleinstehenden älteren Eritreerin, die «wie die meisten so schnell wie möglich aus der Sozialhilfe entlassen werden wollte», aber mit ihrem 45-Prozent-Spitaljob mit 1700 Franken Verdienst schon bei der Hausratsversicherung an Grenzen stösst. Ein Glück, dass man unverändert auf 50 Freiwillige mit Fachwissen bauen kann – Pensionierte, aber auch Arbeitstätige und Studenten.

Diesen Samstag Hausfest und 2020 ein Wohnhaus in Rorschach

Mit Hausführungen (meist für Schulklassen), Vorträgen, Fussballclub in der Alternativliga oder monatlichen Ladies Days strahlt das Haus weit in die Region aus. Gefeiert wird jährlich mit einem Solihausfest, diesen Samstag ist es wieder soweit, mit Essen, Musik, Quiz und einer Ansprache von Ständerat Paul Rechsteiner. Zum Zehnjährigen 2020 gibt es erst recht zu feiern – ein zusätzliches Haus in Rorschach, das Vermächtnis von Max Schär werde ein Wohnhaus wohl für eine Flüchtlingsfamilie aus dem Resettlement-Kontingent sowie ein Begegnungort, soviel steht bereits fest.

Weitere Solihäuser wären laut dem Vorstand dort wünschenswert, wo sie zur Alltagsintegration am meisten nützten – nicht in den Randgebieten wie die St.Galler Asylzentren. «Dass man die Flüchtlinge in die hintersten Krachen versetzt, bleibt unverständlich», sagt Ursula Surber. «Wir beweisen seit neun Jahren, dass es in der Stadt geht, mitten im Wohnquartier, ohne Stress und Streit, dank respektvollem Umgang.» Und jetzt aber auf zum Mittagstisch, die meisten Plätze sind schon besetzt.

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