«Es muss fast ein Wunder geschehen»: So berichtete das St.Galler Tagblatt vor 80 Jahren über den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs

Der Kriegsausbruch veränderte das Leben der Ostschweizer von heute auf morgen. Im Toggenburg fehlten die eingezogenen Soldaten bei der Heuernte. Und im St.Galler Lichtspieltheater Scala wurde die Bevölkerung auf den Widerstand eingeschworen.

Michael Genova
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Bittere Gewissheit: Am 1. September 1939 meldet das St.Galler Tagblatt in seiner Abendausgabe den Überfall von Nazi-Deutschland auf Polen. (Bild: St.Galler Tagblatt vom 1.9.1939)

Bittere Gewissheit: Am 1. September 1939 meldet das St.Galler Tagblatt in seiner Abendausgabe den Überfall von Nazi-Deutschland auf Polen. (Bild: St.Galler Tagblatt vom 1.9.1939)

In der Mittagsausgabe des 1. September 1939 titelte das St.Galler Tagblatt noch fragend: «Vor der Katastrophe?» Einige Stunden später folgte die bittere Gewissheit. «Ausbruch des deutsch-polnischen Krieges – Generalmobilisation der Schweizerischen Armee», prangte auf der Titelseite des Abendblatts.

In den frühen Morgenstunden vor genau 80 Jahren überfiel Nazi-Deutschland Polen. «Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!», sagte Hitler Stunden später in einer im Rundfunk übertragenen Reichstagsrede. Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen.

Das «Tagblatt» hatte wenig Hoffnung:

«Es muss fast ein Wunder geschehen, wenn Europa vor der grossen Katastrophe verschont werden soll

Die vom Bundesrat soeben beschlossene allgemeine Mobilmachung der schweizerischen Armee kennzeichne am besten den ausserordentlichen Ernst der Stunde, hiess es im Hauptartikel weiter

Das St.Galler Tagblatt am 1. September 1939

Toggenburger Soldaten fehlten bei der Heuernte

Bereits Tage vor der allgemeinen Mobilmachung hatte der Bundesrat 80'000 Soldaten an die Grenze beordert. Das stellte gerade die Landwirtschaft vor grosse Probleme. Unter dem Titel «Vaterländisches aus einer Berggemeinde» stand im «Tagblatt» ebenfalls am 1. September 1939 ein Aufruf des Gemeindeammanns von Alt St.Johann und der Pfarrer beider Konfessionen. Sie schrieben:

Ausrüstung für den Aktivdienst: Inserat eines St.Galler Fachgeschäfts (Bild: St.Galler Tagblatt vom 1.9.1939)

Ausrüstung für den Aktivdienst: Inserat eines St.Galler Fachgeschäfts (Bild: St.Galler Tagblatt vom 1.9.1939)

«Schweren Herzens sind unsere Wehrmänner dem Rufe des Vaterlandes gefolgt, trotzdem sie gerade in der jetzigen Zeit zu Haufe alle Hände voll zu tun hätten.»

Die eingezogenen Bauern aus dem Toggenburg fehlten schmerzlich bei der Heuernte. Deshalb bat der Gemeindeammann die Bevölkerung aus Alt St.Johann, den Bauernfamilien beizustehen. Auch wenn «kein Anspruch auf Entschädigung» erhoben werden könne.

Geistige Landesverteidigung im St.Galler Scala

Inserat für den Film «Wehrhafte Schweiz» von Hans Hausamann und Hermann Haller. (Bild: St.Galler Tagblatt vom 31.8.1939)

Inserat für den Film «Wehrhafte Schweiz» von Hans Hausamann und Hermann Haller. (Bild: St.Galler Tagblatt vom 31.8.1939)

Die Schweizer Regierung zog nicht nur über 400'000 Soldaten für den Aktivdienst ein, auch die geistige Landesverteidigung wurde hochgefahren. Damit wollte der Bundesrat die gesamte Bevölkerung auf den Widerstand gegen Nazi-Deutschland einschwören.

Am Vortag des Kriegsausbruchs feierte der Film «Wehrhafte Schweiz» im Lichtspieltheater Scala am Hechtplatz in St.Gallen grosse Festpremiere. Das «Tagblatt »war begeistert. Der Film zeige auf eindrücklich Weise, worauf es ankomme: «auf die Seelenkräfte der Nation». Sie seien das Entscheidende in einem Krieg, nicht das Material. Der Film könne Mut machen und zeige:

«Wir sind nicht verloren, wir vermögen uns zu wehren!»

Das Drehbuch für den Film hatte Hauptmann Hans Hausamann geschrieben. Der Offizier des Schweizer Nachrichtendienstes war Inhaber eines Fotofachgeschäfts in Teufen und zugleich Leiter des Armee-Lehrfilmdienstes. Später begründete Hausamann einen privaten Nach­richtendienst unter dem Namen «Bureau Ha». Regisseur von «Wehrhafte Schweiz» war Hermann Haller, im Jahr 1938 hatte er bereits die Regie beim «Füsilier Wipf» geführt. Der Spielfilm wurde zu einem Klassiker der geistigen Landesverteidigung.