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«Es kam zu wüsten Szenen»: Der St.Galler Verein Restessbar will nach Problemen mit Hamsterern nicht aufgeben

Der Verein Restessbar sammelt bei Händlern übrig gebliebene Lebensmittel ein und stellt sie in einem Kühlschrank in St.Gallen allen gratis zur Verfügung. Weil das in der Vergangenheit immer wieder zu Konflikten führte, stand der Verein im Dezember sogar vor dem Aus. Jetzt geht es doch weiter – an einem neuen Standort.
Luca Ghiselli
Der Kühlschrank der Restessbar am neuen Standort in St.Fiden. Auf Zetteln sind die Verhaltensregeln aufgelistet. (Bild: Hanspeter Schiess, 25. Februar 2019)

Der Kühlschrank der Restessbar am neuen Standort in St.Fiden. Auf Zetteln sind die Verhaltensregeln aufgelistet. (Bild: Hanspeter Schiess, 25. Februar 2019)

Er ist ein simples Mittel gegen die Verschwendung von Lebensmitteln: Der unscheinbare Kühlschrank vor dem Quartiertreff Mosaik in St.Fiden. Freiwillige des Vereins Restessbar holen am Abend Esswaren von Grossverteilern ab, die übrig bleiben und bald ablaufen. Aldi, «L'Ultimo Bacio», Coop Pronto, Stadtladen: Zurück von der Tour legen die Freiwilligen die Lebensmittel in den Gemeinschaftskühlschrank. Die Idee: Dort steht das Essen allen zur Verfügung, die es haben möchten. Und genau das führte in der Vergangenheit zu gewaltigen Problemen.

Nicht etwa, weil der Kühlschrank zu wenig genutzt worden wäre –im Gegenteil. Am alten Standort wurde zum Teil gehamstert, was das Zeug hielt. Deshalb hat der Verein Restessbar Anfang 2018 strenge Regeln aufgestellt. Die Kunden mussten sich zum Beispiel in einer Reihe aufstellen und nur ein bis zwei Artikel auswählen. Danach mussten sie sich wieder hinten anstellen.

Streitereien am Kühlschrank

Ausserdem kam es vor, dass sich Personen beim Kühlschrank ums Essen stritten. «Da flog auch einmal eine Palette», sagt Vorstandsmitglied Annette von Schulthess. «Es kam zu wüsten Szenen.» Auch nachdem der Verein durchgriff, verbesserte sich die Situation in der Lachen nicht wesentlich. Deshalb waren die Verantwortlichen gezwungen, sich nach einem neuen Standort umzusehen – und sind im Januar fündig geworden.

Annette von Schulthess, Vorstandsmitglied der Restessbar St.Gallen. (Bild: PD)

Annette von Schulthess, Vorstandsmitglied der Restessbar St.Gallen. (Bild: PD)

Am neuen Standort, beim Quartiertreff Mosaik an der Lindenstrasse, habe der Verein vor einigen Wochen einen halbjährigen Testbetrieb aufgenommen. «Im Juli ziehen wir dann Bilanz und schauen, ob der Kühlschrank auch weiterhin dort stehen bleiben darf», sagt von Schulthess. Erste Erfahrungen lassen aber auf Besserung hoffen.

Damit es nicht zu ähnlichen Problemen wie in der Lachen kommt, wurde viel Zeit in die Instruktion von Helferinnen und Helfern sowie der Kundschaft investiert. Informationen zur Restessbar wurden auf verschiedene Sprachen übersetzt, um das eigentliche Ziel der Restessbar zu kommunizieren:

«Wir sind in erster Linie kein Sozialprojekt, sondern ein Projekt gegen den enormen Food Waste.»

Alle Vorstandsmitglieder traten zurück

Wie mit Lebensmitteln und Mitmenschen am alten Kühlschrank-Standort umgegangen worden sei, entsprach nicht mehr dem Zweck des Vereins, sagt Annette von Schulthess. «Es ist kaum vorstellbar.»

Im vergangenen Herbst trat der Vorstand der Restessbar geschlossen zurück. Unter anderem, weil die Mitglieder nach der intensiven Aufbauarbeit ihre Energie nicht mehr im Kampf gegen Food Waste, sondern mehrheitlich für Schlichtungsaufgaben rund um das Projekt aufwenden mussten. Die Restessbar stand vor dem Aus.

Annette von Schulthess brachte es aber nicht übers Herz, das Projekt, das ihre Tochter mit aufgebaut hatte, einfach zu beerdigen. «Deshalb habe ich mich bereit erklärt, mitzuwirken», sagt sie. Ihr Engagement solle auch als Wertschätzung all den freiwilligen Helfenden sowie dem alten Vorstand gegenüber verstanden werden.

Bei Food Waste müsse jede und jeder bei seinem eigenen Konsumverhalten anfangen. «Wer den Anspruch hat, selbst kurz vor Ladenschluss noch ein volles Sortiment zu finden, wer nur 1A-Qualität fordert, trägt mit eine Verantwortung, dass Lebensmittelläden Waren in Hülle und Fülle wegschmeissen.»

Je mehr es gelinge, Menschen dazu zu bewegen, auch bei sich selber genauer hinzuschauen und ein Bewusstsein für Esswaren zu erlangen, desto mehr könne eine Veränderung stattfinden. «Und das ist es, was die Welt im Moment braucht.» Auch deshalb hat von Schulthess nach den unrühmlichen Schlagzeilen vor einem Jahr nicht die Flinte ins Korn werfen wollen.

Fachhochschule forscht nach Lösungen

Studierende der Fachhochschule St. Gallen (FHS) beschäftigen sich derzeit im Rahmen eines Praxisprojekts mit den Problemen der Restessbar. Zu diesem Zweck begleiten die Studentinnen und Studenten Helfer auf ihren Touren, führen Interviews und werten Fragebogen aus. Von den Erkenntnissen des Projekts erhoffen sich die Restessbar-Verantwortlichen, soziokulturelle und ideologische Interessenkonflikte künftig besser in den Griff zu bekommen.

Die Studie in Auftrag gegeben hat der Verein Restessbar gleich selbst. «Obwohl es um das Thema Lebensmittel geht, stehen Beziehungen und Menschen stets im Vordergrund», sagt Annette von Schulthess. Die Resultate werden am 20. Mai präsentiert. (ghi)

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