«Es ist stets ein Schlitzohr dabei»

Die Schweine für das Säulirennen kommen aus dem Thurgau: In Amlikon-Bissegg trainiert Susann Milz täglich mit den Tieren. Die Bäuerin kümmert sich seit 20 Jahren um dieses Gaudi.

Inge Staub
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Auf die Plätze, fertig, los: Susanne Milz mit ihren Schweinen am Start des Trainingsparcours. (Bild: Reto Martin)

Auf die Plätze, fertig, los: Susanne Milz mit ihren Schweinen am Start des Trainingsparcours. (Bild: Reto Martin)

Sie tummeln sich im offenen Stall, tapsen mal hierhin und mal dorthin. Doch kaum nähert sich die Bäuerin mit dem Futtereimer, drängen sich alle 16 Säuli am Gitter zusammen. Ihr Quieken und Grunzen steigert sich zu einem ohrenbetäubenden Lärm. Dennoch dürfen sie ihren Hunger noch nicht stillen. Zunächst wird trainiert. Denn die jungen Schweine sind auserwählt, das Säulirennen an der Olma zu bestreiten. «Es gehen nur 15 Säuli ins Rennen», erklärt Susann Milz. «Eines müssen wir noch aussortieren.»

Susann und Hans Milz führen das Säulirennen seit 20 Jahren durch. Damals kam in der Olma-Kommission für die Tierausstellungen die Idee auf, eine Tierschau fürs Publikum zu bieten. Als jemand vorschlug, wie in Amerika Schweinerennen zu veranstalten, waren Susann und Hans Milz gleich dabei.

Für das Rennen eignen sich nur Weibchen

Die beiden haben ihren Hof in Amlikon-Bissegg mit 1000 Mastschweinen und 70 Kühen inzwischen ihrem Sohn Aaron übergeben. «Doch das Säulirennen ist an uns hängengeblieben», sagt die 58jährige Bäuerin. «Wir machen es, solange wir noch mögen.» In Emi, der Frau ihres anderen Sohnes, hat die Bäuerin eine Helferin gefunden.

Familie Milz hat den Olma-Parcours auf einer Wiese nachgebaut, mit Start und Ziel. Ein Elektrozaun begrenzt die Strecke. «Zwei Monate vor der Olma beginnen wir mit dem Training», sagt Susann Milz. Aus der grossen Menge an Jungschweinen in ihrem Stall wählte die Bäuerin 26 aus. «Ich habe vor allem jene genommen, die auf mich zukamen und die sich anfassen liessen.» Es sei wichtig, dass die Schweine Berührung nicht scheuten, denn an der Olma werde ihnen ein Mäntelchen angelegt. Fürs Rennen eignen sich nur Weibchen. Denn, so Susann Milz: «Die Männchen mögen die Mäntelchen nicht.» Und: «Auch Sauen, die kitzlig sind, kommen nicht in Frage.»

Nach den ersten Trainingstagen sind jetzt nur noch 16 Säuli übrig. Eines zu viel. Denn die Säuli werden in drei Gruppen zu je fünf Tieren starten.

Jeden Morgen und jeden Abend treiben Susann und Emi Milz die Sauen zu den fünf Startboxen. Aus einem Lautsprecher ertönt die Rennmusik. Susann Milz öffnet das Gitter und ruft «hopp, hopp, hopp!». Gemächlich setzen sich die ersten fünf Schweine zum Soundtrack von «Star Wars» in Bewegung. Kaum hat das erste Tier das Futter gerochen, das Emi Milz am Ende des Parcours in den Trog geschüttet hat, rennen die Tiere los. Hans Milz erklärt: «Die Geschwindigkeit ist jetzt noch kein Thema. Wichtig ist, dass die Tiere den Ablauf kennen.»

Die nächsten fünf werden an den Start gescheucht. Doch eines findet ein Schlupfloch und reisst aus. «Es ist stets ein Schlitzohr dabei», nimmt es Susann Milz gelassen. An der Olma sei das Gaudi natürlich gross, wenn eines der Säuli ausschere, doch für die Betreuer sei dies nicht so toll. Für heute ist die Säuli-Chefin zufrieden: «Wir sind gut im Rennen.» Das Training ist notwendig, denn die Rennsäuli sind ganz normale Mastschweine. Ihr Schicksal ist es, irgendwann einmal im Schlachthof zu landen.

Die Schweine lieben das Publikum

An die Olma nehmen die Schweinehalter ihren portablen Stall mit. Susann Milz hält es für hilfreich, wenn die Tiere dort ihre gewohnte Umgebung haben. Drei Tage vor der Eröffnung der Messe zügeln die 15 Säuli. Dann wird vor Ort trainiert. Familie Milz gibt ihre Lieblinge dann in die Obhut von Ralph Anderes aus Amriswil: Ihr ehemaliger Lehrling, der im vorletzten Jahr bei «Bauer, ledig, sucht . . .» nach der grossen Liebe suchte, betreut die Rennschweine während der Messe. Wie immer tragen die Tiere auch dieses Jahr lustige Namen. Da das Fürstentum Liechtenstein Ehrengast der Ostschweizer Landwirtschaftsmesse ist, wurden Namen ausgesucht, die darauf Bezug nehmen. Die Säuli heissen Liesa, Rosalie oder Schlossgeist. Auch eine heisse Heidi und eine Augustine gehen ins Rennen.

Bis zu 3000 Zuschauer verfolgen jeweils das Spektakel in der Arena. Hans und Susann Milz freuen sich, dass das Rennen so gut ankommt. Auch die Schweine haben ihren Spass. Die Bissegger Bäuerin weiss: «Die Sauen lieben das Publikum. Wenn die Leute jubeln, dann leben sie auf.»