«Es ist garstig geworden»: Podium im Palace zum Schweizer Musikmarkt und zum St.Galler Open-Air-Deal

Das Open Air St.Gallen gehört einem deutschen Grosskonzern, das Open Air Frauenfeld einem amerikanischen Unterhaltungsriesen. Eine Podiumsdiskussion im St.Galler Palace fragte, wie sich der Schweizer Musikmarkt verändert, wenn ausländische Konzerne mitmischen.

Roger Berhalter
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Die Diskussionsteilnehmer im Palace, von rechts: Christof Huber (Geschäftsführer Open Air St.Gallen), Fabian Mösch (Co-Programmleiter Palace), Moderator David Hunziker (Musikredaktor WOZ), Derrick Thomson (Mainland Music) und Kathy Flück (Dachstock Bern).

Die Diskussionsteilnehmer im Palace, von rechts: Christof Huber (Geschäftsführer Open Air St.Gallen), Fabian Mösch (Co-Programmleiter Palace), Moderator David Hunziker (Musikredaktor WOZ), Derrick Thomson (Mainland Music) und Kathy Flück (Dachstock Bern).

Bild: Urs Bucher

Um Musik geht es an diesem Abend nur am Rande. Dafür umso mehr um Businesspläne, um das Management von «A-, B- und C-Märkten» sowie allgemein um die Mechanismen, die bestimmen, wann welche Band wo auf der Bühne steht – oder eben nicht. Am Ende der Diskussion am Dienstag in der Erfreulichen Universität im Palace ist klar: Auf und vor den Konzertbühnen mag es um Magie gehen, um den Zauber von Livemusik. Hinter den Kulissen aber herrscht knallhartes Business. Dort regieren die Zahlen.

Aktueller Anlass für die Podiumsdiskussion ist der Verkauf des Open Airs St.Gallen (OASG) an die deutsche Ticketfirma CTS Eventim. Wie verändert sich die Schweizer Musiklandschaft, wenn ausländische Grosskonzerne im Markt mitmischen? Diese Ausgangsfrage steht im Raum, der mit rund 100 Interessierten gut gefüllt ist.

Open Air St.Gallen in deutscher Hand

Es ist die jüngste ausländische Übernahme im Schweizer Musikmarkt: Die Firma Wepromote, der unter anderem das Open Air St. Gallen und das Summerdays Festival in Arbon angehören, legt ihre Geschäfte mit den Schweizer Konzertagenturen Gadget und ABC Production zusammen. Gadget abc Entertainment Group AG heisst das neue Unternehmen, das zu 60 Prozent CTS Eventim gehört, Europas grösstem Ticketverkäufer mit Sitz in München. Der amerikanische Unterhaltungskonzern Live Nation hat schon 2017 in der Schweiz Fuss gefasst. Er ist jetzt Mehrheitsaktionär des Open Airs Frauenfeld.

OASG-Geschäftsführer Christof Huber wehrt sich gleich zu Beginn der Diskussion:

«Wir haben unser Festival nicht verkauft, das ist falsch. Wir sind Teil von etwas Grösserem geworden.»

Das OASG gehört jetzt letztlich dem deutschen Grosskonzern CTS Eventim. «Wir sind guten Mutes, dass das der richtige Weg ist», sagt Huber und erhellt die Hintergründe des Deals. Der Festivalmarkt habe sich «wahnsinnig verändert». Die Gagen seien derart gestiegen, dass Huber heute in Verhandlungen mit amerikanischen Agenturen bei keiner Band mehr mitbieten könne.

Christof Huber, Geschäftsführer des Open Airs St.Gallen.

Christof Huber, Geschäftsführer des Open Airs St.Gallen.

Bild: Ralph Ribi

Vor diesem Hintergrund sei es eine Chance, Teil von «etwas Grösserem» zu sein. «Wir vergrössern damit unser Netzwerk und bekommen direkteren Zugang zu gewissen Bands», sagt Huber. Es sei nicht so, dass er als Veranstalter nun diese oder jene Band buchen müsse, weil ihm dies der Konzern vorschreibe. «Viele dieser Geschichten sind Humbug», sagt Huber. Seine Botschaft: Das OASG bleibt in St.Galler Hand und wird weiterhin von hier und nicht von Deutschland aus gesteuert.

«Aber, gopf, warum habt euch dann verkauft?», fragt Ka­thy Flück vom Dachstock Bern. Die Bookerin äussert sich kritisch und vergleicht die Zusammenschlüsse im Musikmarkt mit dem Detailhandel: «In den Innenstädten haben wir überall nur noch H&M, Zara und Starbucks. Und jetzt fangen wir auch in der Musikbranche damit an?» Laut Flück hätten Schweizer Veranstalter und Agenturen durchaus Chancen, wenn sie zusammenspannen und sich gegen die Grossen wehren würden.

Kleine Fische im grossen Becken der Musikindustrie

Wie es ist, von einem Grosskonzern übernommen zu werden, weiss Derrick Thomson von Mainland Music. 2018 kaufte der amerikanische Unterhaltungsriese Live Nation die Schweizer Konzertagentur. Und seither? «Das Tagesgeschäft läuft weiter, meine Arbeit als Veranstalter hat sich nicht verändert», sagt Thomson. Der langjährige Konzertveranstalter bezeichnet die Übernahme als sinnvoll: «Es war absehbar, dass es schwieriger wird.»

Clubs wie das Palace schwimmen heute als kleine Fische im Haifischbecken der Musikindustrie. Davon erzählt Fabian Mösch, Co-Programmleiter des Kulturlokals. «Es ist garstiger geworden», beschreibt er die Verhandlungen mit Künstleragenten. Er bekomme jetzt öfter zu hören: «Wir haben einen Masterplan, und ihr seid nicht Teil davon.» Dabei wolle das Palace doch mithelfen, Bands nachhaltig aufzubauen.

Also bleibt nur Ernüchterung angesichts von ökonomischen Zwängen? Moderator David Hunziker, Musikredaktor bei der WOZ, bemüht sich vergebens, eine «utopische Note» in die Diskussion zu bringen. Zwar sind sich die vier Podiumsteilnehmer einig, dass es im neuen, von grossen Playern dominierten Musikmarkt auch wieder Platz für Nischen gebe. Doch welche Nischen das sein sollen, diese Frage bleibt offen.