«Es ist die Wiederholung, die krank macht»

Nachgefragt

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Vor kurzem haben vier Deutschschweizer Organisationen das Online-Portal «Belästigt.ch» aufgeschaltet. Auf diesem können sich Personen, die am Arbeitsplatz sexuell belästigt wurden, anonym melden. Aner Voloder, Jurist und Projektleiter bei der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich, stellt eine hohe Nachfrage fest. Jede Woche melden sich mehrere Betroffene.

Aner Voloder, wieso wurde «Belästigt.ch» lanciert?

Das Online-Portal ist ein Erstberatungsangebot für Betroffene, die sich anonym an eine Fachperson wenden können. Denn für viele ist es schwierig, das Erlebte überhaupt als sexuelle Belästigung zu erkennen und offen darüber zu reden. Grenzüberschreitungen mit sexuellem Bezug bauen sich schleichend auf. Zu Beginn sind es meist subtile Äusserungen, die mit der Zeit heftiger werden. Vielen Betroffenen fällt es schwer, ihre Missbilligung unverzüglich auszudrücken. Denn oft heisst es, sie seien humorlos oder überempfindlich.

Was tun Sie bei einer Meldung? Als erste Anlaufstelle stufen wir das Beschriebene ein, geben eine Einschätzung zum Fall und weisen Betroffene an geeignete Beratungsangebote weiter.

Was müssen Arbeitgeber gegen sexuelle Belästigung unternehmen? In der Schweiz sind alle Arbeitgeber dazu verpflichtet, Präventionsmassnahmen zu ergreifen. Vermutlich machen dies aber nur die wenigsten. Arbeitgeber sollten klare Regeln mit Sanktionen festhalten und die Belegschaft regelmässig darüber informieren. Bei konkreten Fällen müssen sie der Belästigung ein Ende setzen und Betroffene schützen.

Raten Sie den Betroffenen zu einer Strafanzeige?

Die subtilen Formen von sexueller Belästigung sind nicht immer strafrechtlich relevant. Sexuelle Belästigung passiert meist im Verborgenen und ohne Zeugen, was eine Strafanzeige oft zum ungeeigneten Mittel macht. Hinzu kommt, dass die beschuldigte Person nicht selten eine Gegenstrafanzeige wegen Verleumdung einreicht. Auf Grundlage des Gleichstellungsgesetzes können Betroffene jedoch gegen Arbeitgeber, die sie nicht geschützt haben, zivilrechtlich vorgehen.

Wer wird am Arbeitsplatz sexuell belästigt? Am häufigsten sind Frauen und junge Mitarbeitende davon betroffen. Entgegen dem Vorurteil sind es meist nicht Frauen in aufreizender Kleidung, sondern eher die, die sich betont zurückhaltend geben und nicht lange im Betrieb sind. Sexuelle Belästigung stellt häufig die Ausnutzung eines Machtgefälles dar.

Werden auch Männer belästigt?

Etwa ein Zehntel der Betroffenen sind Männer. Diese werden eher von anderen Männern oder Gruppen belästigt. Die Dunkelziffer ist vermutlich viel höher als bei Frauen. Viele Männer befürchten, als Weichei zu gelten, und nehmen selten Hilfe in Anspruch.(ans)