«Es braucht noch mehr Plätze»

Vergangene Woche hat es auf Facebook Hasstiraden gegen Fahrende im Thurgau gegeben. Der St. Galler Anwalt Urs Glaus setzt sich als Geschäftsführer der Stiftung Fahrende für die Belange der Gruppen ein.

Katharina Brenner
Drucken
Teilen
Urs Glaus in seiner Kanzlei in St. Gallen. Der Rechtsanwalt ist Geschäftsführer der Stiftung Fahrende. (Bild: Hanspeter Schiess)

Urs Glaus in seiner Kanzlei in St. Gallen. Der Rechtsanwalt ist Geschäftsführer der Stiftung Fahrende. (Bild: Hanspeter Schiess)

Herr Glaus, Sie sind – als Anwalt in St. Gallen – Geschäftsführer der Stiftung Fahrende. Was macht die Stiftung?

Urs Glaus: Die Stiftung wurde 1997 vom Bund gegründet, um die Situation der Fahrenden in der Schweiz zu verbessern. Dafür müssen alle drei Staatsebenen zusammenarbeiten: der Bund, die Kantone und die Gemeinden. Deshalb sind in der Stiftung auch Vertreter vom Bund und von den Kantonen aktiv sowie fünf Fahrende.

Wie war die Lage der Fahrenden, als die Stiftung gegründet wurde?

Glaus: Das muss man historisch betrachten. Von den 20er-Jahren bis in die 70er-Jahre hat man den Fahrenden die Kinder weggenommen. Man hat sie als verwahrlost eingestuft. Pro Juventute hat viele Kinder aus intakten Familien gerissen. Die Stiftung ist ein Ergebnis der Aufarbeitung dieser Geschichte. Es ist uns auch ein grosses Anliegen, Stand- und Durchgangsplätze zu schaffen für die Fahrenden.

Fehlen viele Plätze?

Glaus: Es gibt einen enormen Mangel. Wir benötigen Durchgangsplätze und Standplätze für den Winter. Alle fünf Jahre erstellt die Stiftung eine Übersicht über die vorhandenen und die fehlenden Plätze. Die Fahrenden brauchen zwischen 80 und 85 Durchgangsplätze. Es stehen aber nur etwa 30 brauchbare Plätze zur Verfügung. Im Winter brauchen sie etwa 40 Standplätze, davon gibt es aber nur 14. Das ist nicht viel – diese Zahlen beziehen sich auf die ganze Schweiz.

Wie viel Fläche wäre das in etwa?

Glaus: Damit ein Landwirtschaftsbetrieb überleben kann, braucht er 30 oder 40 Hektaren. Alle Fahrenden zusammen in der Schweiz brauchen gerade mal 20 Hektaren, damit ihr gesamter Bedarf an Plätzen erfüllt würde.

Die Lösung wäre einfach: Bund, Kantone und Gemeinden müssten mehr Plätze zur Verfügung stellen.

Glaus: Das löst nicht alle Probleme – jedes Zusammenleben bringt Probleme mit sich. Aber eine Basis wäre gelegt.

Welche Plätze wären ideal?

Glaus: Die Plätze sollten nicht geteert sein, aber mit einer Zufahrt. Eine Wiese wird bei Regen schnell zu Matsch. Ein befestigter Untergrund wie Kies ist ideal und eine Infrastruktur: Toiletten, Duschen, Waschmaschinen, die man mit Prepaid-Karte bezahlt. Das klappt vielerorts sehr gut. Im Zürcher Oberland hat das neulich sehr gut funktioniert.

In Wängi haben Fahrende Kot und Müll hinterlassen. Sind solche Vorkommnisse Einzelfälle?

Glaus: Die Schweizer Fahrenden kennen die hiesigen Verhältnisse und selbstverständlich auch viele aus dem Ausland. Aber es gibt Fahrende, die das nicht kennen. Das ist ein sehr kleiner Anteil. Wir gehen von ein paar hundert Fahrenden aus, die aus dem Ausland durch die Schweiz ziehen.

Was raten Sie Gemeinden oder Landwirten in solchen Situationen?

Glaus: Den Landwirten rate ich, gleich bei der Ankunft in Kontakt zu treten mit den Gemeinden und mit Organisationen wie der Roma Foundation oder der Radgenossenschaft der Landstrasse. Dann kann man Regeln festlegen und dafür sorgen, dass es nicht zu schlechten Erfahrungen kommt. Es ist ein Dienstleistungsverhältnis: Wer Müll verursacht, muss dafür zahlen, dass er weggeräumt wird. Was mich stört: Bei Open-Air-Festivals wie in Frauenfeld nimmt man Abfallberge in Kauf. Den Fahrenden wirft man es vor, wenn sie Abfall hinterlassen, auch wenn sie für die Entsorgung zahlen.

Wie ist die Lage im Thurgau?

Glaus: Wie in allen anderen Kantonen braucht man auch hier noch mehr Plätze. Wir sind nicht in Kontakt mit dem Thurgau. Das heisst aber nicht, dass der Kanton nicht an Konzepten arbeitet. Das weiss ich nicht.

Warum zögern die Gemeinden?

Glaus: Das ist mit Ängsten verbunden. Viele sagen, ja, man muss etwas tun, aber bloss nicht in meiner Nähe. Das ist eine Art von indirekter Diskriminierung.

Kommt es häufig zu offener Diskriminierung? In Münchwilen kam es auf Facebook zu Hasstiraden.

Glaus: Ja, so etwas kommt leider immer wieder vor. Aber es entscheiden sich auch wieder vermehrt jüngere Fahrende zu diesem Leben, weil sie das Gefühl haben, dass die Diskriminierungen abgenommen haben.

Wie viele Fahrende hat die Schweiz?

Glaus: Es sind zwischen 30 000 und 35 000. Davon sind 3000 bis 3500 tatsächlich unterwegs.

Würden Sie sagen, die Schweiz ist auf einem guten Weg im Umgang mit den Fahrenden?

Glaus: Es hat sich etwas getan. Im Aargau, in St. Gallen und der Innerschweiz wurden Plätze geschaffen. In den 20 Jahren ist aber viel zu wenig passiert. Ich wünsche mir, dass Fahrende bei der Raumplanung berücksichtigt werden und es mehr Durchgangs- und Standplätze gibt.