Kommentar

St.Galler Regierungswahlen: Es braucht eine zweite Frau in der Pfalz

Werden Michael Götte und Beat Tinner in einer Woche gewählt,
ist Susanne Hartmann die einzige Frau in der St. Galler Regierung. Ein wünschbares Szenario im Jahr 2020? Kaum! 

Jürg Ackermann
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Jürg Ackermann

Jürg Ackermann

Bild: Urs Bucher

Die St. Gallerinnen und St. Galler haben die Qual der Wahl. Mit Laura Bucher (SP), Beat Tinner (FDP) und Michael Götte (SVP) kämpfen am 19. April drei politische Schwergewichte um die zwei noch verbleibenden Regierungsratssitze.

Alle drei bringen das Format für das Amt mit. Als Vorsitzende ihrer Fraktionen kennen sie das politische Geschäft – vor und hinter den Kulissen. Sie wissen, was es braucht, um Kompromisse und tragfähige Lösungen über Parteigrenzen hinweg zu zimmern. Zentrale Voraussetzungen für diesen wichtigen politischen Posten.

Gerade weil über die Kompetenzen der Kandidierenden fast schon Einigkeit herrscht, werden andere Faktoren bei diesen Wahlen wichtig.

Beispielsweise die Wähleranteile der Parteien: Es braucht schon sehr viel arithmetische Fantasie, um den Anspruch der SVP auf einen zweiten Sitz in Abrede zu stellen. Auch nach den Verlusten vom 8. März bleibt sie die mit Abstand stärkste Partei im Kanton, weit vor FDP und SP. Der SVP steht ein zweiter Sitz zu, keine Frage.

Susanne Hartmann wäre die einzige Frau in der Regierung

Mindestens so dringend ist jedoch der Sitzanspruch der Frauen. Schaffen Götte und Tinner den Sprung in die Pfalz, wäre Susanne Hartmann (CVP) die einzige Frau in der siebenköpfigen St. Galler Exekutive. Diese Regierung würde allein schon aufgrund ihrer grossen politischen Erfahrung bestimmt einiges erreichen. Doch kann es im Jahr 2020 ein wünschbares Szenario sein, dass in einem siebenköpfigen kantonalen Spitzengremium nur eine Frau vertreten ist? Kaum!

Ausbau des Sozialstaates, mehr Gelder für Bildung, ÖV oder Krankenkassenverbilligungen: Man muss Laura Buchers überraschungsfreien linken Positionen nicht teilen, um die Notwendigkeit des Frauenanspruchs zu erkennen. Es gehört mittlerweile zu den Binsenwahrheiten der Management-Lehre, dass Diversität gerade in obersten Gremien Vorteile bringt, in der Wirtschaft wie in der Politik.

Gemischte Teams führen zu ausgewogeneren Entscheiden, zu einem besseren Betriebsklima, weil sie oft mehr soziale Kompetenz mitbringen und beispielsweise eher Teilzeitarbeit auch in Führungspositionen verankern.

Doch es geht hier nicht nur um den praktischen Nutzen einer stärkeren Frauenvertretung, sondern auch um die symbolische Wirkung.

Nicht umsonst beschloss das bürgerlich dominierte Parlament in Bern kurz nach dem beeindruckenden Frauenstreik im vergangenen Juni eine weiche Frauenquote in Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten. Das Hauptargument lautete: Es braucht ein Zeichen für eine stärkere Vertretung von Frauen in Chefetagen. Solche Signale sind gerade in einem Kanton wie St. Gallen, der bei den Familienstrukturen zu den konservativsten gehört, wichtig.

Der Thurgau hat es vorgemacht

Denn das mit Abstand am meisten verbreitete Familienmodell lautet hierzulande noch immer: Der Mann ist mit einem Vollzeitpensum der Haupternährer der Familie, die Frau steigt – selbst wenn sie gut ausgebildet ist – nach der Geburt der Kinder mit einem kleinen Pensum wieder ins Arbeitsleben ein, wenn überhaupt.

Das schränkt ihre Karrierechancen drastisch ein und erklärt auch, warum Frauen in Führungspositionen in der Ostschweiz stark untervertreten sind. Zu tun hat das auch mit fehlenden Vorbildern. Laura Bucher wäre zweifelsohne ein solches.

Noch nie sass eine Mutter von Kindern im Vorschulalter in der St. Galler Regierung. Die 35-jährige Rheintalerin und promovierte Juristin hatte schon lange im Vorfeld des ersten Wahlgangs angekündigt, dass ihr eine gleichberechtigte Partnerschaft wichtig sei und ihr Mann sein Pensum reduzieren würde, sollte sie in den Regierungsrat gewählt werden.

Wie es in einer modernen Gesellschaft geht, verschiedene Rollen unter einen Hut zu bringen, zeigt auch ein Blick in den Thurgau. Dort wurde SVP-Politikerin Monika Knill schon 2008 als Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern in die Regierung gewählt – und seither drei Mal im Amt bestätigt.

Im Thurgau sind die Frauen in der Regierung ebenso in der Mehrheit wie in der Waadt und im Kanton Zürich. Ein schöner Kontrast zu Uri, Luzern, Tessin, Aargau, Graubünden und Appenzell Ausserrhoden, wo noch immer reine Männergremien die Kantone regieren.

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