Interview
Ostschweizer Facharzt für Kinderneurologie über Kinder am Smartphone: «Es braucht Begegnung statt Berieselung»

Oswald Hasselmann ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunkt Kinderneurologie. Er ist leitender Arzt am Ostschweizer Kinderspital St. Gallen.

Ursula Wegstein
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Aus den Schulzimmern sind digitale Geräte nicht mehr wegzudenken. Inzwischen hat die Digitalisierung aber auch die Allerkleinsten erreicht. Welche Beobachtungen haben Sie gemacht?

Oswald Hasselmann. (Bild: PD)

Oswald Hasselmann. (Bild: PD)

Oswald Hasselmann: Der gesellschaftliche Trend geht dahin, dass es in vier bis fünf Jahren kaum noch Kinder gibt, die kein Handy haben. Im Kindergartenalter haben viele Kinder bereits ein eigenes Smartphone, mit dem sie hauptsächlich gamen und Filme schauen. Doch der Anteil der Kleinstkinder, die bereits sehr früh mit der digitalen Welt in Kontakt kommen, nimmt stark zu.

Was ist der Grund dafür?

Einerseits versuchen Eltern, ihr Kind hiermit zu beruhigen, andererseits meinen sie, sie seien ihrem Kind über das Handy besonders nahe. Für immer mehr Eltern ist es wichtig, ihr Kind mittels Handy zu orten oder zu erreichen. Vor allem wenn beide Elternteile arbeiten.

Was sind die Folgen für die Klein-und Kleinstkinder?

Zwei bis dreijährige Kinder haben noch keine ausgereifte Persönlichkeit. Um diese zu entwickeln, brauchen sie Erfahrungen aus dem gesamten Sinnesbereich. Es ist ein Riesenunterschied, ob ein Kind einen Film sieht oder ob ihm jemand eine Geschichte erzählt. Beim Erzählen kann das Kind seelisch mitgehen, weil es durch Sprache und Mimik Emotionen miterlebt. Schauen sie hingegen Filme, ist es für heranwachsende Kinder schwer, die rasche Folge von Eindrücken in die eigene Erlebniswelt zu integrieren.

Was bedeutet das für die Kinder?

Dazu gibt es nur wenig Studien. Je jünger ein Kind ist, umso plastischer sind Nervensystem und Gehirn. Kinder lernen durch Üben. Wenn ein Kind passiv auf den Bildschirm starrt, ist es mit Eindrücken konfrontiert, die nicht der realen Welt entsprechen, also ohne Geruch oder menschliche Begegnung stattfinden. Dadurch bilden sich die Zentren im Gehirn aus, die mit schneller Bildverarbeitung umgehen können. Drängen Eltern ihr Kind häufig unbewusst in eine bestimmte Richtung, entwickeln sich gleichzeitig wichtige Hirnareale weniger gut.

Welche Konsequenzen hat das für die Entwicklung?

Bereiche im Gehirn, die man braucht, um abzuwägen und sinnvolle Entscheidungen zu treffen, entwickeln sich unter ständigem Bildschirmeinfluss anders. Auch die emotionale Intelligenz beruht auf Erfahrungen. Hierzu braucht es aber soziale Beziehungserfahrungen. Bei Medien fehlt es aber an der Ich-Du-Begegnung. Wenn das frühe Training sehr einseitig ist, besteht die Gefahr, dass Kinder später vermehrt orientierungslos sind. Der Persönlichkeit fehlt sozusagen der Boden.

Was genau fesselt die Kinder so an die Geräte?

Meist geht es um die schnelle Befriedigung von Bedürfnissen. Man sammelt Punkte, Bilder oder Likes. Jeder möchte Zugehörigkeit und Anerkennung erfahren. Ein Computerspiel bietet aber nur Illusionen. Dabei lernt das Kind auch nicht, mit Frustration umzugehen. Auf seelischer Ebene verhungern die User.

Lassen sich diese Entwicklungsschritte später noch nachholen?

Ja, natürlich. Je früher zwischenmenschliche Erfahrungen in der wirklichen Welt neben dem Bildschirm erlebt werden, desto nachhaltiger kann eine frühe Vereinseitigung kompensiert werden.

Was raten Sie jungen Eltern?

Kinder wollen Begegnung statt Berieselung. Wir versuchen zu vermitteln, dass es mehr andere Beschäftigungsmöglichkeiten braucht. Dazu braucht es allerdings auch Vorbilder. Eltern müssen Interesse zeigen, an dem, was das Kind macht. Wenn ich auf dem Spielplatz nur auf mein Smartphone schaue, statt meinem Kind beim Spielen zuzusehen, bekommt mein Kind kein Feedback. Darum ist unsere Empfehlung: Erstens, die Bildschirmzeit begrenzen. Und zweitens, sie zu halbieren. Vier bis sechsjährige Kinder sind in der Regel eine Stunde am Tag am Smartphone. Dreissig Minuten weniger sind bereits dreissig Minuten mehr Zeit zum nachhaltigen Lernen. Auch auf der sozialen Ebene.

Lässt es sich mit Hilfe digitaler Geräte besser lernen?

Durch die Medien sind wir schneller, aber nicht kompetenter, weil wir die Dichte der Informationen gar nicht verkraften können. Es gibt keine Studie, die besagt, dass es sich mit Hilfe digitaler Medien leichter lernt, als ohne. Das Ziel ist ja, dass das eigene Kind lebenstüchtig wird. Das erreiche ich aber nicht durch den Einsatz von Smartphones. Eltern müssen sich auf die gleiche Ebene begeben. Es braucht Zeit für Erlebnisse, die den ganzen Menschen betreffen. Zeit, dem Kind etwas von der Welt zu zeigen. Zum Beispiel bei einem Spaziergang im Wald, beim Spielen am Bach oder beim Geschichtenerzählen.