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Interview

«Es braucht Akzeptanz – keine Verbote»

Ist ein Verbot von Prostitution ein Schritt Richtung Gleichstellung? Im Gegenteil, sagt Marija Jozic von der kantonalen Beratungsstelle Maria Magdalena. Im Interview erklärt sie, was es stattdessen für den Schutz der Frauen bräuchte.
Interview: Sina Bühler
Ob das Erotik- und Sexgewerbe pauschal als ausbeuterisch bezeichnet werden kann, ist umstritten. (Bild: Urs Bucher)

Ob das Erotik- und Sexgewerbe pauschal als ausbeuterisch bezeichnet werden kann, ist umstritten. (Bild: Urs Bucher)

Die Zürcher Frauenzentrale will die Prostitution stoppen und wünscht sich «eine Schweiz ohne Freier». Dafür sollen wir das schwedische Modell übernehmen, wo Freier seit 20 Jahren für den Kauf von sexuellen Dienstleistungen bestraft werden. Im Kampagnenvideo kommen denn auch Schwedinnen und Schweden zu Wort, welche die Schweiz als rückständiges Land darstellen, in dem die Gleichstellung in vielem noch nicht erreicht ist. Zum Beispiel in der Sexarbeit. Marija Jozic von der St. Galler Beratungsstelle Maria Magdalena hat ­direkt mit Sexarbeitenden zu tun. Sie sieht das Thema etwas anders.

Marija Jozic, haben Sie sich über die Kampagne aufgeregt?

Ich empfinde sie als Bevormundung erwachsener Personen. Wie kann ich als Frau darüber entscheiden, was andere Frauen machen oder nicht machen sollen? Zu verbieten, dass Personen sexuelle Dienstleistungen verkaufen können, ist das Gegenteil von Gleichstellung. Für mich heisst Gleichstellung Partizipation und dass die betroffenen Menschen über die Situation und die Lösungen mitreden können.

Ist die Zürcher Frauenzentrale naiv?

Ich würde sagen, sie haben nicht genug seriös recherchiert und zu wenig Einblick in das Sexgewerbe. Es wird pauschal als kriminell, ausbeuterisch und überhaupt negativ dargestellt. Als Aussenstehende fragt man sich gar nicht, ob das wirklich so ist.

Wie sollte die Gesellschaft denn Sexarbeit ansehen?

Diese Frage taucht immer wieder auf, wenn ich mit Bekannten über meine Arbeit in der Beratungsstelle spreche. Man kann sich kaum vorstellen, dass sich eine Frau dafür entscheidet. Als ich selbst noch eine Aussenstehende war, vor meiner Arbeit bei Maria Magdalena, konnte ich es selbst nicht ganz nachvollziehen. Heute sehe ich das anders: Für die meisten Frauen ist es eine selbstbestimmte Wahl. Und das muss man akzeptieren und respektieren.

Die meisten entscheiden sich aber aus Armut dafür.

Es stimmt, dass die Frauen oft wenig Alternativen haben. Das gibt es aber auch in anderen Branchen. Nicht jede Putzfrau macht ihre Arbeit gern. Und: Es gibt auch schlechtere Alternativen.

Zum Beispiel?

Keine Arbeit zu haben und in finanzieller Abhängigkeit zu stehen. Oder wenn die Arbeit keine passenden Rahmenbedingungen für die individuellen Lebensumstände bietet. So hat sich beispielsweise eine Frau, die eigentlich aussteigen wollte, wieder dagegen entschieden. Sie hatte Verkäuferin gelernt und konnte sich nicht vorstellen, das ganze Jahr in der Schweiz an der Kasse zu arbeiten. Als Sexarbeiterin kommt sie ein paar Monate in die Schweiz, verdient besser und kann dazwischen immer auch länger bei ihrer Familie sein.

Die Kampagne der Frauenzentrale zielt auf die Freier. Auch in ihrer Broschüre «Sexarbeit ist Arbeit» schreiben Sie: «Ohne die Nachfrage der Kunden würde das Geschäft nicht blühen.» Finden Sie denn diese Nachfrage in Ordnung?

Ja, unter mündigen Personen sollen Geschäfte frei abgemacht werden können. Mit sexuellen Dienstleistungen finanzieren Sexarbeitende ihren Lebensunterhalt – ohne Freier hätten sie diese Möglichkeit nicht. In der Prävention sollten wir auch bei den Freiern ansetzen. Sexarbeitende würden zum Beispiel immer mit Kondom arbeiten. Nebst dem Schutz vor Infektion ist das Kondom für sie auch eine Art Grenze, ein Abstand zwischen ihnen und dem Kunden. Die Freier wollen aber meistens ohne Kondom.

Warum wollen die Männer Sex ohne Kondom?

Das ist auch für uns die Frage. Sie bleibt aber offen, weil wir wenig Kontakt mit den Freiern haben. Und wenn doch, sagen sie immer: «Das bin nicht ich, das sind die anderen.» Was mir auffällt, ist, dass die Männer oft denken, sie seien die einzigen, die das bei einer Sexarbeiterin dürfen.

Steigen die Frauen darauf ein?

In prekären Situationen schon.

Warum bringt man Sexarbeit ­immer mit Menschenhandel in Verbindung?

Das liegt am angesprochenen Bild, über das Sexgewerbe als rein kriminelles Milieu. Man kann sich nicht vorstellen, dass eine Frau freiwillig ihren Körper verkauft. Dabei verkauft sie ihn nicht, sie verkauft eine Dienstleistung.

Die Frauenzentrale sagt, zwischen 85 und 95 Prozent der Sexarbeitenden wollen aufhören.

Woher kommen diese Zahlen, wenn sie kaum Kontakt mit Sexarbeitenden hat? Wir führen zwar keine Statistik darüber, aber in unseren Beratungen merken wir: Für viele Sexarbeitende ist es eine vor­übergehende Lösung, sie planen den Ausstieg aber erst für später. Nicht weil sie Zwang oder Gewalt erleben, sondern weil es keine einfache Arbeit ist, weil sie oft ein Doppelleben führen: Sie befürchten, stigmatisiert zu werden. Darum wissen Familie und Freunde nicht, was sie in der Schweiz tun. Die meisten von uns reden ja auch privat über ihre Arbeit. Das können Sexarbeitende nicht, weder über Erfreuliches noch über Schwierigkeiten.

Wo sind die Sexarbeitenden im Kanton St. Gallen?

Über den ganzen Kanton verteilt. Sie arbeiten in der Stadt oder in kleineren Ortschaften, in Kontaktbars, wo die Arbeit für alle offensichtlich ist. Oder in Massagesalons, wo es unauffälliger ist und die Werbung über Inserate läuft.

Weshalb suchen die Frauen ­Beratung bei Ihnen?

Wenn wir sie am Arbeitsplatz besuchen, sind es hauptsächlich Präventionsthemen, in den Einzelberatungen mehr rechtliche Fragen. Etwa 90 Prozent der Sexarbeitenden sind Kurzaufenthalterinnen aus der EU. Sie fragen nach Arbeitsbewilligungen, nach der Krankenkasse, der Sozialversicherung. Oder sie brauchen einen Arzt und wollen einen Test machen.

Gibt es in St. Gallen ein ­Ambulatorium für Sexarbeitende?

Leider nicht. Wir haben aber die Möglichkeit, sie ins Kantonsspital zu schicken und ihnen Gutscheine für Tests zu geben. Das heisst aber, dass eine Frau, die in Rapperswil arbeitet, nach St. Gallen kommen muss. Das ist zeitaufwendig und teuer. Viele Frauen verschieben deshalb ihre medizinischen Checks auf ihre Zeit in der Heimat. Wir arbeiten an einer Dezentralisierung. Wir haben jetzt eine Praxis in Sargans, welche die Gutscheine ebenfalls annimmt, und klären gerade die Möglichkeiten im Linthgebiet ab.

2013 hat die Stadt Zürich eine neue, strenge Prostitutionsverordnung eingeführt. Damit kamen die ­Verrichtungsboxen am Rand der Stadt. Wie ist es in St. Gallen?

Das war nie Thema, weil es hier keine Strassenprostitution gibt.

Gar nicht?

Vor ein paar Jahren sind wir dem nachgegangen und haben in jeder Region alle möglichen Plätze abgeklappert, bei der Polizei nachgefragt. Wir haben aber nichts entdeckt.

In Zürich wurden auch viele Salons in Wohnzonen aufgehoben. Das ist kein Thema?

Wenn es um eine Neueröffnung geht, schon. In Wohnzonen braucht es eine Umnutzungsbewilligung, damit in einer Wohnung ein Gewerbe stattfinden darf. Dafür braucht es unter anderem die Zustimmung des Vermieters. Das erhöht die Abhängigkeit und wirkt sich auf die Wohnungspreise aus. Das ist halt so: Jeder Regulierungsversuch bringt Hürden für Betroffene. Um die Sexarbeit zu regulieren und Legalität zu ermöglichen, müssten die Hürden aber sinken.

Was würde wirklich helfen?

Die Rahmenbedingungen müssten geändert werden. Wenn das Sexgewerbe unbedingt reguliert werden muss, soll das nicht restriktiv sein oder auf die Abschaffung der Prostitution zielen. Das zwingt Sexarbeitende nur in die Illegalität. Um die negativen Aspekte zu reduzieren, braucht es Akzeptanz und eine Stärkung der Rechte der Sexarbeitenden. Sie haben Rechte und Arbeitsrechte, ob sie nun selbstständig oder als Angestellte arbeiten. Diese müssen sie durchsetzen können.

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