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Bundeshaus-Kenner Hanspeter Trütsch über Keller-Sutters Kandidatur: «Es beginnt die Zeit der Heckenschützen»

30 Jahre lang hat Hanspeter Trütsch das Geschehen im Bundeshaus beobachtet, analysiert, kommentiert. Der St. Galler über die Tücken eines Bundesrats-Wahlkampfes, über politische Störmanöver, strategische Ränkespiele und seinen Lieblingsbundesrat.
Interview: Regula Weik, Christoph Zweili
«Die Tage bis zur Wahl werden knallhart», sagt Hanspeter Trütsch. (Bild: Ralph Ribi)

«Die Tage bis zur Wahl werden knallhart», sagt Hanspeter Trütsch. (Bild: Ralph Ribi)

Hanspeter Trütsch, Karin Keller-Sutter will Bundesrätin werden. Wahltag ist der 5. Dezember. Vor wem muss sie sich bis dahin besonders in Acht nehmen?

Es bleiben 56 Tage bis zur Wahl. Eine knallharte Phase. Und auch eine Phase der Heckenschützen, die vielleicht noch irgendwoher kommen könnten. Das hat es immer wieder gegeben.

Wo sitzen die gefährlichsten Heckenschützen?

Häufig in der eigenen Partei, in der eigenen Fraktion. Diese Erfahrung macht dieser Tage CVP-Nationalrätin Viola Amherd, die als Nachfolgerin für Bundesrätin Doris Leuthard gehandelt wird. Noch bevor sie offiziell gesagt hat, dass sie kandidieren will, wird sie bereits madig gemacht – aus den eigenen Reihen, aus der Walliser CSP. Das war damals bei der Bundesratskandidatur von Pascal Couchepin völlig anders; da standen Linke und Rechte im ganzen Wallis zusammen.

Läuft Karin Keller-Sutter Gefahr, im Kanton St. Gallen dasselbe zu erleben wie Viola Amherd im Wallis?

Solche Geschichten dürfte es im Fall von Karin Keller-Sutter kaum geben. Es ist aber klar: Diese 56 Tage werden nun von allen Seiten genutzt werden, restlos alles auszuloten und auszuleuchten, auch das Privatleben. Bereits heute an der Olma-Eröffnung wird sehr genau beobachtet, wie sich Karin Keller-Sutter bewegt, mit wem sie spricht, wem sie zulächelt, wem sie den Rücken zudreht. Bundesratswahlen haben auch einen hohen Symbolgehalt. Das darf man nicht unterschätzen.

Bei ihrer ersten Bundesratskandidatur vor acht Jahren wurde Karin Keller-Sutter auch von Freisinnigen im Regen stehen gelassen. Kann sie diesmal ihrer Partei vertrauen?

Ich glaube schon. Der Druck auf die Freisinnigen, 30 Jahre nach dem unfreiwilligen Rücktritt von Bundesrätin Elisabeth Kopp eine Frau zu bringen, ist gross. Und: 2010 hatte sie die Linke gegen sich. Das ist heute anders. Sie arbeitet gut mit SP-Ständerat Paul Rechsteiner zusammen.

Lassen sich die Stimmen der SP derart einfach holen?

Karin Keller-Sutter ist in den vergangenen Jahren eingemittet worden. Sie hat in Bundesbern rasch realisiert: Dieses Land bringt man nur weiter mit Kompromissen, man muss sich in der Mitte finden. Diesen «Esprit federal» hat sie in den sieben Jahren Ständerat verinnerlicht.

Wie verlässlich sind Unterstützungszusagen von Bundesparlamentariern?

Au, au, au. Bundesratwahlen sind unberechenbar. Ich erinnere an das Bonmot von Franz Steinegger, den ehemaligen Parteipräsidenten der FDP und ehemaligen Urner Nationalrat, der sagte: «Es wird nie so oft gelogen wie im Vorfeld von Bundesratswahlen.» Es wird im Vorfeld von Bundesratswahlen sehr viel mehr versprochen als dann gehalten. Politikerinnen und Politiker werden in dieser Phase mit Superlativen eingedeckt; sie sind die Besten, die Intelligentesten, die Schönsten – und hinterher hören sie dann die Kritik. Ich wäre da vorsichtig. Wichtig ist, die eigenen Stärken und Schwächen zu kennen.

Welche Schwächen hat Karin Keller-Sutter?

Sie ist vielleicht zu wenig volkstümlich. Das könnte ein Handicap sein. Ich habe mich gefragt: Geht eine Karin Keller-Sutter in einer Tracht ans Eidgenössische Jodlerfest? Sie wird nie eine «lovely Doris» werden wie die zurücktretende Bundesrätin Leuthard. Ich habe sie sehr genau beobachtet im Ständerat: Sie ist sehr souverän, manchmal vielleicht auch etwas schulmeisterlich, sie ist diszipliniert und pflichtbewusst – so wie Ostschweizerinnen und Ostschweizer eben sind. Das muss nicht schlecht sein.

Soll die FDP Karin Keller-Sutter alleine ins Rennen schicken, oder braucht es ein Zweierticket?

Ich habe der FDP keine Ratschläge zu erteilen. Ich persönlich fände eine Auswahl geschickter. Nur, wer will bei dieser Ausgangslage mit aufs Ticket, so quasi als Alibilösung? Das wird innerhalb der FDP noch grosse Diskussionen geben.

Es könnte aber auch eine Chance für eine Person sein, ins nationale Rampenlicht zu rücken?

Der zweite Platz auf einem Bundesratsticket kann eine ideale Plattform für jemanden sein, der in den nächsten nationalen Wahlen für seine Partei in den Ständeratswahlkampf gehen soll – sei es für jemanden, der heute im Nationalrat sitzt oder auch für einen Regierungsrat, der in Bern noch nicht so bekannt ist.

Die Überlegung könnten sich die CVP und Regierungsrat Beni Würth machen?

Das wäre eine geschickte Taktik, wenn die St. Galler CVP ihren verlorenen Ständeratssitz zurückholen will. Die SVP wird angreifen, sie wird keine Chance haben. Die FDP ist zu schwach, zumal sie noch andere Vakanzen zu besetzen hat. Das kann für die CVP die historische Chance sein. Daher ist es klug, Beni Würth jetzt möglichst lange noch in der Öffentlichkeit laufen zu lassen, um ihn dann für die Ständeratsersatzwahl im Frühling zu lancieren.

Aufs Bundesratsticket der CVP schafft er es nicht?

Es gibt sehr viele Anwärter bei der CVP, mehr als bei der FDP. Die interne Konkurrenz ist stark. Und es gibt starke Kräfte in der Zentralschweiz, die nun Druck machen – zu Recht. Eine starke Zentralschweizer Kandidatur könnte der erodierenden CVP gut tun. Allerdings: Ich kann mir bei der starken Kandidatur Keller-Sutter nicht vorstellen, dass es ein zweiter St. Galler auf ein Bundesratsticket schafft.

Sollte Beni Würth dennoch aufs CVP-Ticket gehievt werden: Könnte er Karin Keller-Sutter gefährlich werden?

Ich glaube nicht. Würth ist unbestritten qualifiziert, aber er hat ein Handicap: Man kennt ihn zu wenig in Bern. Und den Bundesrat wählen die 246 Parlamentarier in Bern.

Ist der Anspruch der Ostschweiz auf einen Bundesratssitz berechtigt?

Es gilt die Verfassung. Hier ist die Rede von einer angemessenen Vertretung der Regionen in der Landesregierung.

Angemessen ist ein ziemlicher Gummibegriff.

Es heisst immer, die Ostschweiz sei seit acht Jahren nicht mehr in der Landesregierung vertreten. Das stimmt so nicht. Wir hatten Eveline Widmer-Schlumpf bis Ende 2015. Die Frage ist: Wird Graubünden zur Ostschweiz gezählt oder nicht. Grundsätzlich gilt aber schon: Die Ostschweiz sollte wieder im Bundesrat vertreten sein.

«Es wird nie so oft gelogen wie im Vorfeld von Bundesratswahlen.»

Damit dieser Landesteil seine Anliegen besser durchsetzen kann?

Diese Möglichkeiten sind auch als Bundesrätin, Bundesrat begrenzt. Es geht um ganz andere Dinge: Bundesräte sind hoch geachtete Persönlichkeiten, ungeachtet ihrer Parteiherkunft. Die meisten Schweizer sind stolz, wenn sie einen Bundesrat sehen. Wir haben keine Könige, das Bundesratsamt ist sozusagen der Realersatz für Glanz und Gloria.

Die Spekulationen über allfällige Rücktritte und mögliche Kandidaturen absorbieren die nationale Politik über Monate. Hat Bundesbern keine anderen Probleme zu lösen?

Rücktritte von Bundesräten führen innenpolitisch tatsächlich zu einer gewissen Blockade. Deshalb müssen die nun ­anstehenden Ersatzwahlen so schnell ­ als möglich unter Dach und Fach gebracht werden, damit wir ab 1. Januar 2019 wieder eine komplette und funktionsfähige Landesregierung haben – und das mit einer sauberen Departementsverteilung.

Sie haben fast 30 Jahre lang die Bundespolitik verfolgt. Wer war der stärkste Bundesrat?

Fasziniert hat mich Pascal Couchepin, ein Querdenker, auch in der eigenen Fraktion. Beeindruckt hat mich auch Adolf Ogi, ein Mann mit einer Vision von der Schweiz, der Typ Landesvater.

Der Bundeshauskenner

Er war die Stimme der SRF-Bundeshausredaktion, seit Februar ist er pensioniert: 22 Jahre hat der St. Galler und einstige Radiojournalist Hanspeter Trütsch für das Schweizer Fernsehen aus dem Bundeshaus berichtet. Der Mann mit der schnittigen Igelfrisur hat so manche Bundesrätin, so manchen Bundesrat kommen und gehen sehen – und manche politische Ränkespiele aus nächster Nähe erlebt, analysiert, eingeordnet, kommentiert. Trütsch ist leidenschaftlicher Wanderer und «Ehren-Födlebürger» der Stadt St. Gallen. In all den Jahren ist er nie nach Bern gezogen, sondern jeweils aus der Ostschweiz gependelt. (rw)

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