Erziehung vergessen

Scharfgezeichnet

Silvan Lüchinger
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Bremskabel nachziehen, Schlauch wechseln. Seit mehr als 20 Jahren gibt es im alten St. Galler Güterbahnhof die Projekt-Werkstatt. Stellen­suchende reparieren dort Velos, verkaufen Occasionen und entsorgen Drahtesel, bei denen nichts mehr zu machen ist. Viele empfinden das Projekt als sinnvoll und als Chance für Menschen in einer schwierigen Situation.

Das hat in den vergangenen Jahren der Kanton ebenso gesehen und der Projekt-Werkstatt alljährlich einen Unterstützungsbeitrag zukommen lassen. Mitbewerber um dieses Geld gab es anscheinend nicht – für die Werkstatt wurde der Beitrag zum Selbstläufer. Entsprechend gross ist die Konsternation, seit bekannt ist, dass ab kommendem Jahr ein anderes Einsatzprogramm unterstützt wird. Weil es laut Kanton günstiger arbeitet – und weil Beiträge nicht einfach nach Gewohnheitsrecht gesprochen werden könnten. Wer der neue Begünstigte ist, ist nicht bekannt.

Die Reaktionen fallen teils heftig aus. Der Ruf nach Gründung eines Stadtkantons dürfte aber etwa so erfolgreich sein wie vor wenigen Wochen der Widerstand gegen die Bünzli-Diktatur. SP-Politiker Etrit Hasler packt den Zweihänder aus und wirft dem zuständigen Regierungsrat Bruno Damann vor, dieser verweigere seit seinem Amtsantritt die Arbeit und hindere jetzt auch noch andere daran. Im Kantonsrat ist ein Vorstoss zur Einführung von Erziehungskursen für Eltern hängig. Man könnte ihn um Kurse zur Wahrung des minimalen Anstands erweitern.

Silvan Lüchinger

silvan.luechinger@tagblatt.ch