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Erst die Liebe, dann die Arbeit – was Ostschweizer Hochschulabgängern bei der Wahl ihres Wohnorts wichtig ist

Die Ostschweiz ist bemüht, ihren akademischen Nachwuchs zu halten. Dieser hat andere Prioritäten als noch vor zehn Jahren.
Katharina Brenner
Bei der Wohnortwahl nach der Uni steht für Studierende rund um den Bodensee nicht der Arbeitsplatz an erster Stelle. Sondern die Nähe zum Partner. (Bild: Getty)

Bei der Wohnortwahl nach der Uni steht für Studierende rund um den Bodensee nicht der Arbeitsplatz an erster Stelle. Sondern die Nähe zum Partner. (Bild: Getty)

Wer erst mal in der grossen Stadt angekommen ist, verlässt sie so schnell nicht mehr. Fünf Jahre nach dem Abschluss bleibt die Hälfte der St. Galler Uniabgänger ihrer Heimat fern, die Hälfte davon in Zürich. Nach Innerrhoden und Ausserrhoden kehren fünf Jahre nach ihrem Abschluss nur 20 Prozent der Absolventen zurück, in den Thurgau sogar nur 13 Prozent. Damit fehlen der Ostschweiz nicht nur Fachkräfte, sondern auch Steuersubstrat. Diesen Brain Drain, zu Deutsch Talentschwund, haben die vier Kantone längst erkannt. Politik und Wirtschaft haben Initiativen und Projekte lanciert. Ein gemeinsames Projekt ist «Pro Ost»: Einmal im Jahr findet in St. Gallen eine Veranstaltung statt, an der sich hochqualifizierte Ostschweizer ein Bild machen können über Karrierechancen in der Region.

Dabei hat eine Karriere längst nicht höchste Priorität für alle Absolventen. Die Internationale Bodenseehochschule (IBH) hat Studierende rund um den Bodensee befragt, nach welchen Kriterien sie ihren Wohnort nach Studienende wählen. Am wichtigsten war den rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Kompromiss mit dem Partner. Für die jungen Akademiker hat es Priorität, nah bei ihrem Partner zu leben. Eine Erklärung sei die gute Jobsituation, sagt Simone Strauf von der IBH-Geschäftsstelle. «Hochschulabsolventen in der Bodenseeregion müssen sich in der Regel keine Sorgen machen, dass sie hier eine Stelle finden.»

Dass für die jüngere Generation Freunde und Familie an Bedeutung gewonnen haben, sei auch andernorts der Fall, so Strauf. Und diese Entwicklung gilt nicht nur für Akademiker: Auch Ostschweizer Lehrlingen ist Zeit mit Familie und Freunden am wichtigsten. Macht, Einfluss und Politik spielen kaum eine Rolle für sie.

Roland Scherer, Regionalökonom an der Uni St. Gallen, sagt zur Umfrage der IBH: «Vor 10 oder 15 Jahren hätte der Arbeitsplatz Priorität gehabt.» Um den Bedürfnissen junger Akademiker gerecht zu werden, müssten Arbeitgeber auf flexible Arbeitszeiten und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf setzen. Und auf «dual career options»: Angebote, die einen attraktiven Arbeitsplatz für den Partner vermitteln – in der Nähe.

Wie reagieren nun die einzelnen Ostschweizer Kantone konkret auf die Entwicklung?

St.Gallen: Jeder zehnte Abgänger der HSG bleibt hier

Nicht nur der Kanton als Ganzes, auch die Universität St. Gallen (HSG) im Speziellen kennt den Brain Drain. Von den Studierenden auf dem Rosenberg verlassen nach dem Abschluss die meisten den Kanton. In den vergangenen Jahren hatten jeweils rund zehn Prozent der Mitglieder des Alumniverbands eine Privatadresse und ebenso viele eine Geschäftsadresse in der Region Appenzell-St. Gallen-Bodensee. Wobei die Zahl der Geschäftsadressen angestiegen ist. 2011 lag sie noch bei 7 Prozent, 2018 bei 13 Prozent. Roland Scherer, Regionalökonom an der HSG, zeigt sich weder besorgt noch zufrieden über diese Zahlen, sagt aber, «mittelfristig» sei das Ziel, mehr Absolventen in der Ostschweiz zu halten.

Vertreter von IHK St. Gallen-Appenzell sowie Regio Appenzell AR-St. Gallen-Bodensee sprechen beim Brain Drain zwar von einem Problem, zeigen sich aber nicht alarmistisch. Rolf Geiger, Geschäftsleiter Regio Appenzell AR-St. Gallen-Bodensee hebt den Lattich-Bau in der Stadt St. Gallen hervor. Der Erfolg der vollen Auslastung spreche für sich. 48 Personen seien hier künstlerisch, unternehmerisch aktiv. Als weitere positive Beispiele hebt er den Verein Ostwärts und IT Rockt hervor. Die IHK verspricht sich viel von der IT-Bildungsoffensive, die von der Primarschule bis zu den Hochschulen für die Digitalisierung rüsten will. (kbr)

Thurgau: Akademiker kommen erst mit Familie zurück

Dass 87 Prozent der Thurgauer Universitätsabgänger nicht in die Heimat zurückkehren, erachtet Claudia Keller als etwas gar viel. Die Leiterin der Abteilung Ausbildungsbeiträge des Amts für Mittel- und Hochschulen sagt: «Der Thurgau ist vor allem für Familien interessant.» Akademiker würden also vielleicht eher mehrere Jahre nach dem Abschluss wieder in die Heimat zügeln. Gemäss einer 2018 veröffentlichten Untersuchung kehren 58 Prozent der Thurgauer Uniabsolventen nicht in den Kanton zurück. Eine Studie von 1995 kam auf gut 10 Prozent.

Unter dem Titel Brain Gain versucht der Kanton, dem Akademikerverlust entgegenzuwirken. «Ein Kanton, der Akademikerinnen und Akademiker anzieht, wird der Thurgau aber wohl nie», sagt Keller. Daniel Wessner, Leiter des Amts für Wirtschaft und Arbeit, weiss um das Problem: «Unsere Aufgabe ist es zu zeigen, dass es hier spannende Unternehmen mit attraktiven Arbeitsplätzen gibt.» Wo sich der Thurgau vor allem schwer tue, sei der IT-Bereich. Im Mai organisierten der Kanton und Firmen ein Speed-Dating mit Pendlern. «Die Aktion generierte grosse Resonanz über den Thurgau hinaus.» Mehrere Pendler seien mit Lebensläufen erschienen, erste Firmen hätten danach sogar Leute eingestellt. Der Amtsleiter sagt: «Wir bereiten bereits eine neue Aktion in ähnlicher Form vor.» (lsf)

Appenzellerland: Starke Beschäftigung bremst
den Brain Drain

In den beiden Appenzeller Kantonen ist der Kampf gegen Brain Drain schon länger ein Thema. «Wir hätten die eigenen Studienabgänger gerne wieder bei uns im Kanton», sagt Daniel Lehmann, Leiter des Ausserrhoder Amts für Wirtschaft und Arbeit. Denn die einheimischen Betriebe spüren einen Mangel an Fachkräften. Firmen aus dem Appenzellerland nehmen deshalb an der Veranstaltung «ProOst» teil und sind auch auf der überregionalen Plattform «Wilder Osten» präsent. Potenzial gibt es gemäss Lehmann bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Sein Amt sieht zudem eine Option in der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft bei der Berufswahl der Oberstufenschüler. Damit soll den Jugendlichen bereits früh aufgezeigt werden, welche Entwicklungsmöglichkeiten die Unternehmen und Gewerbebetriebe im Kanton zu bieten haben.

Erste Erfolge verbuchen konnte Innerrhoden. Der Kanton hat sich seit 2009 vom letzten auf den fünftletzten Rang vorgearbeitet. Grund dafür ist vor allem das starke Wachstum bei der ­Beschäftigung in Innerrhoden. Wirtschaftsförderer Markus Walt weist auf die Bündelung der Kräfte von Wirtschaft und Behörden hin. Als Beispiel erwähnt er den Impuls-Anlass. Damit sollen Berufsleute im Alter von 23 bis 30 Jahren zurück in den Kanton geholt werden. (cal)

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