ERNTEHELFER: Die Büez mit den Beeren

Die Erdbeerzeit hat begonnen. Hunderte Männer und Frauen aus dem Ausland ernten die Früchte – für einen Mindestlohn von 3210 Franken pro Monat. Der St.Galler Bauernpräsident verteidigt den Betrag.

Katharina Brenner
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Elena Presti aus Sizilien und Katalin Albert aus Siebenbürgen pflücken Erdbeeren bei Familie Ammann in Sommeri. (Bild: Michel Canonica)

Elena Presti aus Sizilien und Katalin Albert aus Siebenbürgen pflücken Erdbeeren bei Familie Ammann in Sommeri. (Bild: Michel Canonica)

Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

Vorsichtig hält Elena Presti die Erdbeere in der Hand – bloss keine Druckstellen. Sie setzt den Daumen am Stängel an und knipst diesen mit dem Nagel des Zeigefingers ab, gut einen Zentimeter oberhalb der Blätterkrone. Beere in die Schale, nächste Beere. So geht es weiter, Stunde um Stunde, für die Presti 14.50 Franken bekommt. «Das ist nicht viel, aber okay. Das Leben in der Schweiz ist teuer», sagt die 32-jährige Sizilianerin. Sie arbeitet seit ein paar Wochen auf dem Hof von Familie Ammann im Thurgauer Örtchen Sommeri und bleibt bis November.

Elena Presti ist eine von drei Saisonniers auf dem Hof. Der Pole ist im dritten Jahr da, er hilft bei den gröberen Arbeiten, die beim Obst, Gemüse und den Kühen anfallen. Elena Presti und Katalin Albert pflücken Erdbeeren. Albert, 29, ist das zweite Jahr dabei. Sie kommt aus Siebenbürgen, wo sie im Gemeindehaus gearbeitet hat. Acht Monate bleibt sie im Thurgau, dann fährt sie zurück zu ihrer Familie. Weil sie das zweite Jahr dabei ist, bekommt sie 15 Franken pro Stunde. «Im ersten Jahr sind die Saisonarbeiter noch ungelernt und sprechen kaum Deutsch, da sind 14.50 Franken in Ordnung», sagt Agnes Ammann. Presti und Albert sprechen Deutsch, nicht gut, aber sie können sich verständigen.

Der Mindestlohn für Erntehelfer liegt bei monatlich 3210 Franken. Die Verträge können bis zu 55 Stunden pro Woche umfassen, einen Gesamtarbeitsvertrag gibt es nicht. Wohnt und isst ein Saisonarbeiter beim Landwirt, fallen 990 Franken für Kost und Logis an. Die SRF-Sendung Kassensturz berichtete jüngst, dass sich von Seiten des Schweizer Bauernverbands seit der Kritik im vergangenen Jahr nichts getan habe. Der Präsident des Verbands Thurgauer Landwirtschaft, Markus Hausammann, sagt dazu: «Der Mindestlohn von 3210 Franken ist angemessen und wird mit zunehmender Erfahrung angepasst.» Es sei «die feinste Art und Weise, Ausländer zu beschäftigen». «Sie investieren das Geld, das sie hier verdient haben, in ihrem Heimatland.» Manche Landwirte kämen selber nur auf einen Stundenlohn von 16 bis 18 Franken.

Rund 1000 Erntehelfer im Thurgau

Jedes Jahr kommen rund 800 bis 1000 Erntehelfer in den Thurgau. Die meisten aus Polen, der Slowakei und Rumänien. Insgesamt 588 Meldepflichtige im Bereich Landwirtschaft hat der Kanton St.Gallen im Jahr 2016 verzeichnet. Die Zahlen für dieses Jahr sind bisher identisch mit jenen des Vorjahres. Zahlen dazu, wie vielen Ostschweizer Saisonarbeitern aufgrund von Ernteausfällen (siehe Zweittext) wegen des Kälteeinbruchs Ende April abgesagt wurde, liegen den Behörden nicht vor. «Mitarbeiter, welche bereits in der Schweiz sind, werden oft von den Arbeitgebern unterstützt, in anderen Betrieben in der Region eine Arbeit aufzunehmen», sagt Adrian von Grünigen vom Verband Thurgauer Landwirtschaft. Weiter habe der Betrieb die Möglichkeit, sich für Kurzarbeitsentschädigung anzumelden. «Falls die Bedingungen erfüllt sind, bezahlt die Arbeitslosenversicherung 80 Prozent des Lohnausfalls.»

Ob die Wochenarbeitszeit eingehalten und der Lohn bezahlt wird, kontrolliert jeweils die Tripartite Kommission des Kantons. «Ich höre erstaunlich selten von Fällen, in denen Erntehelfer ausgenutzt werden», sagt von Grünigen. Und Hausammann sagt: «Behandelt ein Arbeitgeber seine Saisonhelfer schlecht, spricht sich das unter den Arbeitern schnell herum und die Erntehelfer werden ihn meiden.» Katalin Albert und Elena Presti reden beide positiv über ihre Arbeit auf dem Hof von Familie Ammann. Es gefalle ihnen sehr gut. «Manchmal bin ich müde», sagt Presti. Und manchmal werde es sehr heiss. Sie zeigt auf die Überdachung. «Aber ich liebe die Pflanzen.» Wenn sie im Winter nach Sizilien zurückkehrt, arbeitet sie dort weiter. Als Erntehelferin.

30 Prozent weniger Erdbeeren

Die Erdbeerernte auf dem Betrieb von Familie Ammann in Sommeri hatte unter dem Kälteeinbruch Ende April und Anfang Mai nicht zu leiden. Die Pflanzen wurden in den Überdachungen von oben und unten mit Decken gewärmt. Gemäss Markus Hausammann vom Verband Thurgauer Landwirtschaft wird inzwischen ein Drittel aller Erdbeeren in der Schweiz im geschützten Anbau angepflanzt. Bei den Erdbeeren und Äpfeln werde nach schweizweiten Schätzungen mit einem Ernteausfall von 30 Prozent gerechnet. Am schlimmsten hat es das Steinobst getroffen. Bei den Kirschen werde mit einem Ernteausfall von 80 Prozent gerechnet. Sowohl bei Coop als auch bei der Migros heisst es auf Nachfrage, bisher seien genügend Schweizer Erdbeeren vorhanden. Der Einfluss des Wetters auf die Ernte werde sich noch zeigen, sagt eine Sprecherin von Coop. Momentan sind die Wachstumsbedingungen laut Experten optimal. (kbr)

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