Ermitteln im «Hinterstübli»

ST.GALLEN. Um gezielt gegen Menschenhandel vorzugehen, braucht es gemäss einer nationalen Expertengruppe spezialisierte Milieu-Gruppen. In St.Gallen ist eine solche Einheit auch in Zukunft nicht vorgesehen. Zuständig ist die Regionalpolizei.

Nina Rudnicki
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Nebst in legalen Etablissements arbeiten einige Frauen auch ohne Bewilligung an halblegalen Orten wie etwa im «Hinterstübli» eines Restaurants. (Bild: Reto Martin)

Nebst in legalen Etablissements arbeiten einige Frauen auch ohne Bewilligung an halblegalen Orten wie etwa im «Hinterstübli» eines Restaurants. (Bild: Reto Martin)

Marga ist mit ihrem neuen Freund aus Rumänien in die Schweiz gekommen. Hier entpuppt sich der Mann als Gewalttäter, der möglichst viel Geld mit ihr verdienen will. Er verkauft Marga an einen Bekannten, für den sie als Prostituierte arbeiten muss. Nach einiger Zeit hält sie es nicht mehr aus und flieht. Doch der Mann findet sie, bestraft sie hart und zwingt sie, weiterzuarbeiten. Eines Abends wird Marga von der Polizei mitgenommen. Die Ermittler haben Hinweise auf Margas Ausbeutungssituation erhalten und gezielt zugegriffen.

Vertrauen aufbauen

Marga ist einer von rund 50 Fällen im Kanton Zürich pro Jahr, der bei der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) gemeldet wird. In rund der Hälfte der Fälle haben laut FIZ-Mitarbeiterin Rebecca Angelini spezielle Milieu-Ermittler den entscheidenden Hinweis gegeben. Es handelt sich dabei um Polizeibeamte, die einzig aus dem Grund im Milieu unterwegs sind, im Bereich Menschenhandel zu ermitteln und Vertrauen zu den Frauen aufzubauen. Und nicht etwa um zu kontrollieren und zu büssen. Im Gegensatz zu Zürich gibt es in den meisten übrigen Kantonen, darunter auch St.Gallen und Thurgau, keine solchen Ermittler.

Politischer Wille gefordert

Erst vor zwei Wochen hat die Expertengruppe des Europarates kritisiert, dass die Kantone in der Schweiz Massnahmen gegen Menschenhandel nicht überall genügend umsetzen. Vor allem bei der Koordination zwischen den Kantonen bestehe Nachholbedarf, heisst es in dem Bericht. Es brauche schweizweit eine Aufstockung der finanziellen Mittel und mehr Personal. Zwei Milieu-Aufklärer sind es in Zürich. In den anderen Kantonen fehlen die Ressourcen. «Oder der politische Wille, die nötigen Ressourcen bereitzustellen», sagt Angelini. «Nach dem Motto: Solange man nicht hinschaut, gibt es auch keine Fälle.» In Kantonen, die keine Milieu-Ermittler im Einsatz hätten, würden durch Polizeibeamte nur zwei bis drei Fälle bei der FIZ gemeldet. «Wenn wir mit den Verantwortlichen der Kantone diskutieren und betonen, wie wichtig der Einsatz von Milieu-Aufklärern wäre, entgegnen diese oft, dass sie andere Prioritäten haben», sagt Angelini und verweist auf das Beispiel Solothurn. Seit dort gezielt im Milieu ermittelt wird, sind die Zahlen im vergangenen Jahr sprunghaft auf 18 Fälle angestiegen.

Restaurants mit «Hinterstübli»

Eine nationale Expertengruppe um die ehemalige St.Galler Regierungsrätin Kathrin Hilber unterstützt die Forderung nach spezialisierten Milieu-Teams (Ausgabe vom 28. Oktober). Ein weiterer Punkt, den die Kantone verstärkt ausbauen müssten, ist laut Angelini der spezialisierte Opferschutz. Dazu gehören unter anderem Schutzwohnungen. In St.Gallen ist auch in Zukunft nicht vorgesehen, spezielle Milieu-Ermittler einzusetzen. «Wir haben einerseits die Organisation Maria Magdalena, deren Sozialarbeiterinnen die Frauen vor Ort besuchen», sagt Fredy Fässler, Vorsteher des St.Galler Sicherheits- und Justizdepartementes. «Und andererseits die Regionalpolizei, die in jeder Region einen Milieu-Verantwortlichen stellt.»

Als Kenner der Szene würden diese Ermittler mit den Etablissement-Betreibern in Kontakt stehen und auch über «halblegale Orte» Bescheid wissen, etwa an welchen Orten Restaurants mit «Hinterstübli» existierten, wo Frauen ohne Bewilligung arbeiten würden. Wie Susanne Gresser von Maria Magdalena sagt, gibt es derzeit im Kanton St.Gallen rund 100 Etablissements, die von den Mitarbeiterinnen von Maria Magdalena regelmässig besucht werden. Im Kanton Thurgau sind es aktuell etwa 60 Lokale.

Gemäss Fässler ist es 2012 zu acht aufgeklärten Verfahren wegen Menschenhandels gekommen. Im vergangenen Jahr waren es keine. Fässler, der als Anwalt früher selbst mit solchen Fällen zu tun hatte, sagt: «Das Schwierigste ist, die Frauen zum Reden zu bringen. Sie haben solche Angst, dass sie kein Wort sagen, selbst wenn alle wissen, was Sache ist.»