Ermatingen
Die Zuhörer dürsten nach einer literarischen Zugabe

Der Schweizer Starautor Thomas Hürlimann war am Samstagabend im Schlösschen Breitenstein bei der Lesungsreihe «Literatur am Untersee» zu Gast. Er liest aus seinem Buch «Abendspaziergang mit einem Kater». Dabei verrät er sehr viel Persönliches und Intimes.

Judith Schuck
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Bild: Judith Schuck

Es sind die pikanten Themen, welche der Schriftsteller Thomas Hürlimann in bildhafte und humorvolle Sprache verpackt. Bei «Literatur am Untersee» liest er im Schlösschen Breitenstein aus «Abendspaziergang mit einem Kater», dem Buch, das vor einem Jahr zu seinem 70. Geburtstag erschienen ist. Um die verschiedenen Textsorten wie Novelle oder Essay zusammenzubringen, nimmt Hürlimann sich den Kater zu Hilfe, der durch den Erinnerungsband hindurchführt.

Dem Publikum verrät der Schriftsteller, dass dieser Kater autobiografischen Ursprungs sei. Von ihm habe er bei den rituellen Dämmerspaziergängen eine bessere Technik des Beobachtens erlernt. Vielleicht liegt es an dieser Technik, dass es Hürlimann gelingt, dramatische oder intime Erlebnisse in Zusammenhang mit seiner Krebserkrankung niederzuschreiben, ohne beim Leser unangenehme Gefühle, sondern tieferes Verständnis hervorzurufen.

Essay ist eine Art Spitalführer

Die Gäste im Breitenstein amüsieren sich und verlangen statt einer Fragerunde nach einer literarischen Zugabe. Der Autor wählt Auszüge aus seinem Essay «Reise ins eigene Innere», eine Art Spitalführer, in dem Hürlimann anhand seiner vielzähligen Hospitalisierungen in Anlehnung an den «Guide Michelin» Sterne vergibt. Auch wenn Schweizer Spitäler heute, was die Küche betreffe, oft eher Hotels gleichen, gebe es in anderen Sparten Defizite, sagt Hürlimann: «Wo sie stolz den Kochlöffel schwingen, wird bei einer Blutabnahme hilflos nach der Vene gestochert.»

Hürlimann studierte in Zürich und Berlin Philosophie. In Berlin hielt er sich wegen seiner Partnerin auch später noch immer wieder auf. Durch die Komplikationen seines Prostatakrebses erhielt er zudem Einblicke in die Spitäler der deutschen Grossstadt, die wiederum nicht seiner Kritik entkamen. Das Unfallkrankenhaus in Marzahn bekam die Höchstpunktzahl von drei Sternen: Berlin sei zwar eine miserabel regierte Stadt, deren Kieze verkommen, das Unfallkrankenhaus hätten sie aber im Griff, sagt Hürlimann.

In dieser Spital-Odyssee hat der Kater eher weniger zu suchen. Doch verrät er an anderer Stelle, wie die Partnerin den Ich-Erzähler betrügt. «Sei unbesorgt, ich werde meine Quelle schützen», sagt er beim obligatorischen Abendspaziergang zu seinem treuen Begleiter, als die Ehebrecherin wie eine Furie nach ihrem Verräter fandet.

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