ERINNERUNGEN: Nicht nur beim Fliegen eine Pionierin: Das bemerkenswerte Leben der Margaret Fusbahn

Belizanda Billwiller erinnert sich an ihre abenteuerlustige Mutter Margaret Fusbahn: In den 1930er-Jahren flog die St.Galler Flugpionierin nach Äthiopien und durchquerte mit dem Auto die Sahara.

Christina Genova
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Flugpionierin Margaret Fusbahn. (Bild: Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Böblingen, 1930))

Flugpionierin Margaret Fusbahn. (Bild: Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Böblingen, 1930))

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

Sie ist ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Dieselbe markante Nase, dieselben lockigen Haare. Belizanda Billwiller-Rodrigues ist die ältere Tochter der St.Galler Flugpionierin ­Margaret Fusbahn-Billwiller. Die ­Anwältin hat sich auf den Artikel über ihre Mutter hin gemeldet. Die quirlige, jugendlich wirkende 75-Jährige lebt abwechselnd in Portugal und Salenstein. Dort befindet sich das Ferienhaus der Familie Billwiller, wo Margaret Fusbahn jedes Jahr einige Wochen verbrachte.

Margaret Fusbahn war eine der ersten Pilotinnen der Schweiz. Mit nur 22 Jahren stellte sie einen neuen Höhenweltrekord für Leichtflugzeuge auf, indem sie eine Flughöhe von 4614 Metern erreichte. Heute ist sie wie fast alle der frühen Pilotinnen vergessen. Belizanda Billwiller pflegte einen engen Kontakt zu ihrer Mutter, die 2001 mit 93 Jahren in Portugal starb. Ihre Erinnerungen an die Erzählungen ihrer Mutter sind überaus lebendig.

Mit zwei Revolvern nach Afrika

Margaret Fusbahn verbringt eine privilegierte Kindheit in einem herrschaftlichen Haus am Rosenberg direkt neben dem St.Galler Kinderfestplatz: «Meine Mutter erzählte, dass sie und ihr Bruder gerne mit den Rollschuhen den Rosenberg hinunterfuhren», erinnert sich Belizanda Billwiller. Schon mit 16 Jahren verliert Margaret Fusbahn ihren Vater, den Textilunternehmer Johann Werner Billwiller: «Er war der Erste in St.Gallen, der ein Auto besass.» Das Erbe verschafft Margaret Fusbahn finanzielle Unabhängigkeit. Sie studiert in Genf und an der Sorbonne in Paris bildende Kunst. Mit 20 Jahren heiratet sie ihren Salensteiner Nachbarn, den deutschen Ingenieur Heinz Werner Fusbahn.

Belizanda Billwiller ist die Tochter der St.Galler Flugpionierin Margaret Fusbahn. (Bild: Ralph Ribi)

Belizanda Billwiller ist die Tochter der St.Galler Flugpionierin Margaret Fusbahn. (Bild: Ralph Ribi)

Belizanda Billwiller erzählt von mehreren Afrikareisen ihrer Mutter. So fliegt sie von November 1932 bis Februar 1933 mit ihrem Mann in mehreren Etappen nach Äthiopien. Sie erreichen wohlbehalten Adis Abeba, doch beim Versuch, über den Sudan nach Kapstadt weiterzufliegen, ver­unglückt das Ehepaar. Durch die aufgehende Sonne geblendet, stösst Werner Fusbahn in voller Fahrt gegen eine Bodenwelle, wodurch das Fahrgestell vollständig zertrümmert wird.

«Meine Mutter kam dem Tod mehrmals sehr nahe. Aber sie hatte immer sehr viel Glück», sagt Belizanda Billwiller. Einmal habe sie in Nazideutschland notlanden müssen und sei ins Gefängnis gekommen. Als man sie zum Hitlergruss aufforderte, weigerte sich Margaret Fusbahn mit der Begründung, sie sei Schweizerin und ausserdem «nichts als eine Fliegerin».

1937 unternimmt Margaret Fusbahn mit ihrer Studienkollegin, der Rorschacher Künstlerin Trudi Schneebeli, eine weitere Afrikareise. Diesmal nehmen sie das Auto. Sie starten in Algier und fahren durch die Sahara bis nach Kamerun. In Äthiopien seien sie auch am Hof von Haile Selassie gewesen, erzählt Belizanda Billwiller. Eingeladen habe sie der Sohn eines seiner Minister, mit welchem sie an der Sorbonne studiert hatten. Sechs Monate sind die beiden Freundinnen unterwegs. Sie nehmen je einen Revolver und ein Gewehr für die Jagd mit – zur Selbstverteidigung und zur Bereicherung des Speisezettels: «Meine Mutter war eine ausgezeichnete Schützin», sagt Belizanda Billwiller.

Haushalt mit fünf Dienstmädchen

Die Rückreise von Kamerun in die Schweiz treten Margaret Fusbahn und Trudi Schneebeli per Schiff an: «Dort lernte meine Mutter meinen Vater kennen», erzählt Belizanda Billwiller. Der Portugiese Amancio Augusto Rodrigues ist 16 Jahre älter als Margaret Fusbahn. In Angola arbeitet der Agronom für die belgische Firma Cottonang im Baumwollanbau. Die Ehe mit Heinz Werner Fusbahn ist zu diesem Zeitpunkt längst zerrüttet: «Wegen der Fliegerei», sagt Belizanda Billwiller. Fusbahn habe es nicht ertragen, wenn seine Frau, die zu Flugshows und Flugzeugtaufen eingeladen wurde, im Mittelpunkt stand. Zu Konflikten sei es auch gekommen, weil Werner Fusbahn mehrere Bruchlandungen verursachte: «Nach dem Unfall in Äthiopien wollte meine Mutter nicht mehr mit ihm fliegen, sie hatte Angst.»

Margaret Fusbahn lässt sich im April 1938 scheiden und folgt ihrem zweiten Mann nach Angola, wo sie im August 1938 heiraten. Dann erkrankt sie an Malaria. Die Behandlung mit Chinin löst bei ihr mehrere Fehlgeburten aus. Deshalb entschliesst sich das Ehepaar, sich in Portugal niederzulassen. Amancio Rodrigues kauft in Sintra ein grosses Stück Land und verwandelt es in ein Paradies: «Es war wie ein Garten Eden», schwärmt Belizanda Billwiller. 1942 kommt sie zur Welt, ein Jahr später ihre Schwester Hortensia: «Wie wuchsen wie Prinzessinnen auf.» Fünf Dienstmädchen standen im Haushalt zur Verfügung. Margaret Fusbahn engagiert sich im Schweizer Club, hat viele Freundinnen. Doch was war mit der Fliegerei? «Als wir Kinder da waren, meinte mein Vater, es sei besser, damit aufzuhören.» Ihre Mutter habe immer vorgehabt, wieder zu fliegen. Es sollte nie mehr dazu kommen. Den Fliegervirus hat Margaret Fusbahn weitervererbt – nicht an Belizanda, sondern an ihre jüngere Schwester: «Sie ­hatte sich schon fürs Brevet ein­geschrieben, aber die Mutter ­erlaubte es ihr nicht – es sei zu ­gefährlich.»