Erich, 81, Flawil: «Ich werde bis zum Tod Ski fahren»

Der Flawiler Erich Widmer hat auf Holzbrettern Ski fahren gelernt, ist nachts auf der gefürchteten Streif in Kitzbühel verunfallt – und geniesst auch mit 81 Jahren jede Minute auf der Piste.

Daniel Walt
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«Ich habe noch keinen einzigen Gedanken ans Aufhören verschwendet»: Der 81-jährige Erich Widmer fährt auch im hohen Alter noch leidenschaftlich gerne Ski. (Bild: Mareycke Frehner)

«Ich habe noch keinen einzigen Gedanken ans Aufhören verschwendet»: Der 81-jährige Erich Widmer fährt auch im hohen Alter noch leidenschaftlich gerne Ski. (Bild: Mareycke Frehner)

Riskant! Halsbrecherisch! Unverantwortlich! Wer auch im hohen Alter nicht aufs Skifahren verzichten möchte, setzt sich Kritik aus. Erich Widmer feiert am kommenden Samstag seinen 82. Geburtstag. Mit (Vor-)Urteilen geht er ganz gelassen um. «Solange man zwäg ist und über die nötige Kondition verfügt, ist es doch völlig in Ordnung, weiterzufahren», sagt der Flawiler, der auch diesen Winter regelmässig auf den Skiern steht.

Wer Erich Widmer an diesem Nachmittag im Degersheimer Fuchsacker beim Skifahren beobachtet, versteht, wieso dieser Mann einfach nicht damit aufhören kann. In perfekter Körperhaltung absolviert der Senior die erste Fahrt. Ein Schwätzchen mit den Skilift-Angestellten, und schon geht es per Bügellift wieder bergwärts.

Auch bei der zweiten, dritten, vierten Abfahrt holt sich Widmer perfekte Stilnoten ab: Die Beine sind komplett geschlossen, die Schwünge von einer Leichtigkeit und Eleganz, die auch jüngere Pistenblitze neidisch machen. Man spürt: Erich Widmer und das Skifahren, das ist eine tiefgreifende Liebesgeschichte.

«Das gab wenigstens Muskeln!»

Sich auf frisch verschneiten Pisten im Winterwunderland sportlich betätigen, den Schnee in der Sonne glitzern sehen, die kalte, frische Luft spüren: Das fasziniert Erich Widmer seit Jahrzehnten. Dementsprechend habe er noch keinen einzigen Gedanken ans Aufhören verschwendet, hält er fest. Und dann fügt er an:

«Ich werde bis zu meinem Tod Ski fahren.»

Als Erich Widmer in Flawil seine ersten Versuche auf Skiern machte, war er drei oder vier Jahre alt. «Sobald es geschneit hatte, bauten mein älterer Bruder und ich Schanzen und fuhren darüber», erinnert er sich. Bald waren auch Kollegen aus dem Quartier mit dabei. Die Kinder stiegen mit ihren Skiern die Hügel hinauf und fuhren im Stemmbogen wieder runter. Später ging es dann um 8 Uhr morgens mit dem Postauto nach Degersheim.

Wo heute ein Lift die Wintersportler bequem nach oben transportiert, musste Widmer zu jener Zeit mühselig aufsteigen – eine halbe Stunde höchster Anstrengung für ein Fahrvergnügen von einer oder zwei Minuten. Gestört hat ihn das nie, wie er sagt. Vielsagend schmunzelt er:

«Das gab wenigstens Muskeln! Wenn ich heute die Beinchen der jungen Skifahrer sehe…»

Widmers Leidenschaft fürs Skifahren ging sogar so weit, dass er sich als junger Fussballer beim FC Flawil einmal absichtlich vom Platz stellen liess. Der Grund: Er wollte am nächsten Spieltag lieber auf der Piste statt auf dem Fussballplatz stehen.

Steiler Aufstieg im Bereich der Stütze 3 im Säntisgebiet, fotografiert im Januar 1937. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
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Hier ist ein Könner am Werk: Ein Skifahrer im Säntisgebiet im Dezember 1936. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
Eine Skifahrerin im Gebiet Iltios-Stöfeli in Unterwasser im Jahr 1940. (Bild: Staatsarchiv des Kantons St.Gallen)
Ein Skifahrer beim Aufstieg auf die Wolzenalp, aufgenommen im Jahr 1942. (Bild: Staatsarchiv des Kantons St.Gallen)
So ging es 1939 bergauf: Die Schlittenseilbahn von Iltios nach Stöfeli, Unterwasser. (Bild: Staatsarchiv des Kantons St.Gallen)
Am Skilift Urnäsch im Februar 1947. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
Das waren noch Zeiten: Swissair-Angestellte beim Skifahren auf dem Iltios, Datum unbekannt. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich)
«Alles fahrt Ski...»: Aufgenommen im Jahr 1952 an der Haltestelle der Trogenerbahn in St.Gallen. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
Die Trogenerbahn brachte die Wintersportler in die Skigebiete oberhalb der Stadt. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
Der Ansturm der Skifahrer auf die Trogenerbahn war teilweise wie hier im Jahr 1952 beträchtlich. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
Ein Schnappschuss auf der Ebenalp, aufgenommen im Februar 1958. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
So sah die Pizolbahn in früheren Jahren aus. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich)
Skifahren mit Aussicht auf der Ebenalp im Jahr 1958. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
Tiefschneefahren im Säntisgebiet, fotografiert im Januar 1937. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
Skisportfreunde warten am St.Galler Hauptbahnhof auf die Abfahrt in Richtung Schnee. (Bild: Stadtarchive St.Gallen, PA Kühne Künzler)
Blick auf den Alpstein inklusive: Dieses Bild wurde im Jahr 1958 in Waldstatt aufgenommen. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
Mit einem Lächeln aufwärts: Skifahrerinnen am Skilift Oberdorf-Gamserrugg in Wildhaus im Jahr 1951. (Bild: Staatsarchiv des Kantons St.Gallen)
Mühseliger Aufstieg im Säntisgebiet am 27. Dezember 1936. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
Helme trug im Jahr 1939 noch niemand, der Skifahren ging... (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
Ziel erreicht: Bei einem Schülerskirennen im Februar 1940 (genauer Aufnahmeort unbekannt). (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
Wer Ski fahren will, muss es sich zunächst verdienen – aufgenommen oberhalb der Stadt St.Gallen Anfang 1939. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
Ein waghalsiger Sprung im Säntisgebiet, fotografiert im Jahr 1936. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
Skiplausch ob den Dächern der Stadt: Eine undatierte Postkarte aus St.Gallen. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
Diese Postkarte stammt aus den Jahren 1905 bis 1910. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
1935: Verdiente Znünipause beim Skifahren auf dem Tanzboden. (Bild: Staatsarchiv des Kantons St.Gallen)
Unterwegs in die Vögelinsegg. (Bild: Stadtarchive St.Gallen, PA Kühne Künzler, Foto: Regina Kühne)
Skifahren auf dem Iltios. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich)
Eine Postkarte aus Flumserberg – sie trägt den Poststempel des 8. April 1927. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich)
Sonnenbaden auf der Iltios-Terrasse. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich)
Der Skilift und ein Schneemobil beim Berg- und Skihaus Malbun, Buchs, im Jahr 1970. (Bild: Staatsarchiv des Kantons St.Gallen)
Beim Kinderheim Alvier, Oberschan, mit Kindern und Betreuern Mitte der 30er-Jahre. (Bild: Staatsarchiv des Kantons St.Gallen)
Blick auf die Säntis-Schwebebahn im November 1955. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)

Steiler Aufstieg im Bereich der Stütze 3 im Säntisgebiet, fotografiert im Januar 1937. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)

Treffen mit Stars und schwere Stürze

«Ich hätte nie eine Frau geheiratet, die nichts mit Skifahren anfangen kann.» Diesen Satz liess Erich Widmer in seinem langen Leben immer wieder fallen. Gattin Erika nimmt ihn gelassen. Denn sie weiss: Es ist die pure Wahrheit. Bis vor kurzem stand auch sie regelmässig auf den Skiern. Nach einem Sturz und einer Verletzung fand sie den Mut zum Weitermachen aber nicht mehr.

Skifahren prägte das gesamte Leben von Erich und Erika Widmer. So eröffnete der gelernte Maschinenzeichner gemeinsam mit seiner Frau 1975 ein Sportgeschäft in Flawil. Und machte damit seine Leidenschaft zum Beruf. Das Ehepaar schwärmt noch heute von Treffen mit Skistars wie Franz Klammer, Hansi Hinterseer, Vreni Schneider oder Pirmin Zurbriggen – so beispielsweise im Rahmen von Skitests, zu denen die Hersteller die Inhaber von Sportgeschäften jeweils einluden. «Das waren fantastische Tage», schwärmt Erich Widmer noch heute.

Weniger gerne denkt der Flawiler an eine Begebenheit zurück, die sowohl er als auch der frühere österreichische Abfahrts-Olympiasieger Franz Klammer nie mehr vergessen werden. Die beiden wagten sich vor vielen Jahren einmal spätabends auf die berühmt-berüchtigte Abfahrtsstrecke Streif in Kitzbühel. Widmer erinnert sich:

«Es war komplett dunkel und unglaublich eisig.»

Es kam, was kommen musste: Widmer stürzte schwer und musste den Rest der Strecke zu Fuss absolvieren. Mit Schrecken denkt Widmer an dieses Erlebnis zurück, genauso wie an einen Unfall in Wildhaus. Widmer fiel bei einem Sturz auf einen Stein, brach sich sechs Rippen und trug eine schwere Lungenverletzung davon. Seiner Leidenschaft fürs Skifahren tat aber auch dies keinen Abbruch.

In perfekter Körperhaltung fährt Erich Widmer die Piste in Degersheim runter. (Bild: Mareycke Frehner)

In perfekter Körperhaltung fährt Erich Widmer die Piste in Degersheim runter. (Bild: Mareycke Frehner)

Skier gebuckelt und zu Fuss hochgelaufen

«Skifahren war schon früher verhältnismässig teuer. Nur die reichsten Familien konnten es sich leisten, die Kinder ins Lager zu schicken», blickt Erich Widmer zurück. Um auf seinen zahlreichen Skitrips Geld zu sparen, nahm Widmer seine Verpflegung in früheren Jahren im Rucksack mit und verzehrte seinen Proviant im Restaurant, wo er sich höchstens noch ein Getränk dazu kaufte. Nachdenklich fügt er an:

«Das ist heute undenkbar. Vor einigen Jahren habe ich in den Flumserbergen einmal beobachtet, wie ein Grossvater mit vier Kindern in einem Restaurant Proviant auspackte. Er musste das Lokal sofort wieder verlassen, obwohl genug Platz da war.»

Generell empfindet Erich Widmer die Entwicklung, welche das Skifahren und die Ostschweizer Skigebiete in den vergangenen Jahrzehnten durchgemacht haben, als positiv. Mit dem modernen Material und den zahlreichen Liften sowie Bahnen ist das Skifahren in der Tat wesentlich komfortabler geworden als früher. Was allerdings nicht bedeutet, dass sich Erich Widmer nur noch per Lift nach oben transportieren lässt. Als er kürzlich nach Degersheim kam, lief die Anlage noch nicht. «Da habe ich meine Skier halt gebuckelt und bin für die erste Fahrt zu Fuss auf den Hügel gelaufen», schmunzelt er.

Immer mehr Ältere betreiben Wintersport

Dass Leute im hohen Alter immer fitter werden, ist schon längst kein Geheimnis mehr. Judith Bucher, Medienverantwortliche von Pro Senectute Schweiz, sagt denn auch: «Wir können den Trend bestätigen, den auch das Bundesamt für Sport in einer Studie festhält. Gemäss diesem ist in den vergangenen Jahren insbesondere ab 65 Jahren der Anteil der sportlich aktiven Personen gestiegen.» Bei den Wintersport­arten könne Pro Senectute eine hohe Nachfrage nach Langlaufkursen und Schneeschuhtouren beobachten. «Diese Sportarten können dank der sanften, harmonischen Bewegungen bis ins hohe Alter betrieben werden.»

Skifahren selbst bietet Pro Senectute nicht an, denn: «Ab einem gewissen Alter kommen beim Skifahren Ängste auf, weil man fragiler wird und das Tempo auf den Pisten schneller geworden ist.» Aber auch das Skifahren ist bei betagten Menschen noch beliebt. «Die heutige Generation über 60 ist durchaus ein wichtiges Kundensegment für uns», sagt Heinrich Michel, CEO der Bergbahnen Flumserberg AG. Gäste über 60 seien aktiver als früher, sie könnten ihre Zeit zudem flexibel einteilen und hätten die finanziellen Möglichkeiten für ihr Schneesport-Hobby, so Michel. Um dieses Kundensegment zu pflegen, bietet das Skigebiet Flumserberg reduzierte Tageskarten für über 60-Jährige an. (mid)