Erbstücke einer Hamburger Jüdin

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Daniel Studer, Direktor des Historischen und Völkerkundemuseums St. Gallen (links), und Lothar Fremy, der Vertreter der Erbengemeinschaft Emma Budge, mit den beiden Silberpokalen, die als Raubkunst identifiziert worden sind. (Bild: Urs Bucher)

Daniel Studer, Direktor des Historischen und Völkerkundemuseums St. Gallen (links), und Lothar Fremy, der Vertreter der Erbengemeinschaft Emma Budge, mit den beiden Silberpokalen, die als Raubkunst identifiziert worden sind. (Bild: Urs Bucher)

Nachlass Die Kunstsammlung der jüdischen Mäzenin Emma Budge aus Hamburg (1852–1937), zu der auch die beiden St. Galler Silberpokale gehörten, ist in der Fachwelt als besonders hochwertig bekannt: Laut Peter Müller, Provenienzforscher am Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen, gilt das Label «Budge» in Expertenkreisen und im Kunsthandel als Qualitätsmerkmal. Die Sammlung war riesig: Sie umfasste ungefähr 2000 Objekte, darunter Möbel, Gemälde, Porzellan und Textilien.

Das Ehepaar Henry und Emma Budge hatte im Wertpapierhandel in den USA ein Vermögen erwirtschaftet. 1903 liess es sich in Hamburg nieder, Emma Budges Geburtsstadt. Hier begannen die beiden, Kunstgegenstände zu sammeln und liessen sich dabei vom Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe beraten. Sie planten, dem Museum die Sammlung zu vermachen. 1928 verstarb Henry Budge.

1933, im Jahr der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, widerrief Emma Budge dieses Testament und setzte ihre jüdischen Verwandten als Erben ein. Die Stadt Hamburg war vom Nachlass ausdrücklich ausgeschlossen. Nach dem Tod Emma Budges 1937 bemächtigten sich die Nazis dennoch ihres Besitzes: Die Villa des Ehepaars wurde zum Sitz des NSDAP-Gauleiters und Hamburger Reichsstatthalters Karl Kaufmann. Die Kunstsammlung samt den beiden Silberschiff-Pokalen wurde noch 1937 in Berlin versteigert – unter ihrem Wert. Die Erträge flossen auf ein Sperrkonto, aus dem diskriminierende Steuerforderungen und Abgaben – wie die sogenannte «Judenvermögensabgabe» – finanziert wurden. So ging Emma Budges Erbe nach und nach an die NS-Staatskasse über. (av)