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ERB-KONKURS: «Rolf Erb wurde vorverurteilt»

Der Thurgauer Unternehmer und Nationalrat Hermann Hess (FDP) stört sich an der öffentlichen Darstellung des letzte Woche verstorbenen Rolf Erb. Dieser habe von Beginn weg als Krimineller gegolten. Doch so einfach sei die Sache nicht.
Richard Clavadetscher
Einfahrt zum Schloss Eugensberg in Salenstein, wo Rolf Erb bis zu seinem Tod wohnte. (Bild: Reto Martin (Salenstein, 19. September 2013))

Einfahrt zum Schloss Eugensberg in Salenstein, wo Rolf Erb bis zu seinem Tod wohnte. (Bild: Reto Martin (Salenstein, 19. September 2013))

Richard Clavadetscher

richard.clavadetscher@tagblatt.ch

Hermann Hess, Sie waren ein guter Freund des eben verstorbenen Rolf Erb und sie stören sich an Medienberichten, wie sie nun auch wieder nach seinem Tod erschienen. Diese würden Erb nicht gerecht. Weshalb denn nicht?

Nach der anfänglichen Behauptung des Sanierers gegenüber Banken und der Öffentlichkeit, Rolf Erb habe 400 Millionen Franken verschwinden lassen, war dieser vor aller Welt als Krimineller vorverurteilt, und die Banken wollten nicht mehr mit ihm verhandeln. So war der Weg in den Untergang der Erb-Gruppe vorgezeichnet. Die Tatsache, dass Erb nichts unterschlagen hat, wurde später nie kommuniziert, weil sie den Klägern und der Staatsanwaltschaft nicht ins Konzept gepasst hat.

Immerhin hat Rolf Erb den zweitgrössten Konkurs in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte zu verantworten. Da ist es schwierig, Positives zu sehen.

Die Gerichte haben zwar immer von der «Erb-Gruppe» gesprochen, sich aber gleichzeitig auf eine strikte Einzelbetrachtung der Firmen beschränkt und so alle gruppeninternen Verpflichtungen addiert. Betrachtet man dagegen die Gruppe als Ganzes und nur die Schulden gegenüber Dritten, ergibt sich ein ganz anderes Bild. So hat ein Gutachten von HSG-Professor Thomas Berndt nachgewiesen, dass bei einer solchen konsolidierten Betrachtung die Verschuldung fast drei Milliarden Franken tiefer und die Erb-Gruppe nicht überschuldet war.

Hermann Hess, Nationalrat und Unternehmer. (Bild: Michel Canonica)

Hermann Hess, Nationalrat und Unternehmer. (Bild: Michel Canonica)

Wie kam es denn Ihrer Meinung nach zum Untergang?

Die Familie Erb hat die Gruppe selbstverständlich immer konsolidiert betrachtet und demgemäss ein gruppenweites Cash Management angewandt. Unvorsichtigerweise wurde der ganze Liquiditätspool aber in einer einzigen Firma gehalten. Die Banken haben den Pool in der damaligen Krise einfach gesperrt und damit die Illiquidität der ganzen Gruppe verursacht, die Gruppe ist gewissermassen implodiert. Es scheint mir, dass der Konkurs bewusst herbeigeführt wurde. Denn da gibt es für die einen immer auch viel zu verdienen.

Wir verstehen Sie richtig: Wäre das Unternehmen zu jenem Zeitpunkt von den Banken richtig eingeschätzt worden, was der Rufmord verhinderte, wäre es nicht zum Konkurs gekommen?

Es wäre in einem so grossen und komplexen Fall meines Erachtens angebracht gewesen, der Gruppe mehr Zeit zu geben, um alle nötigen Zahlen sorgfältig aufzubereiten. Dafür hätte man einige Monate benötigt, wie die spätere Analyse von Professor Berndt gezeigt hat. Man wäre zu ganz anderen Schlüssen gekommen, und die Erb-Gruppe hätte, wenn auch in reduzierter Form, möglicherweise weiter bestehen können.

Aber da war doch die Sache mit der Haftung für die Immobiliengeschäfte in Ostdeutschland – ein Fass ohne Boden, wie es hiess. Sie brach der Erb-Gruppe das Genick.

In seiner Analyse, welche von den Gerichten nicht beachtet wurde, zeigt Professor Berndt auf, dass die Zahlungen für Ostdeutschland von der Erb-Gruppe aus dem laufenden Cash Flow geleistet werden konnten. Die Aufnahme von Fremdkapital war dafür gar nicht notwendig.

Auch der Vorwurf der Bilanz-Schönung wird im Bericht von HSG-Professor Thomas Berndt zurückgewiesen?

Dass insbesondere Hugo Erb den Banken gegenüber nicht alle Details der Beteiligungen der Erb-Gruppe in Deutschland offenlegen wollte, ist unbestritten. Man könnte auch von «Window Dressing» sprechen. Die Verheimlichung von angeblich schlechten Geschäftszahlen war jedoch nie geplant oder nötig. Die Erbs haben ihre Abschlüsse vielmehr während vieler Jahre nicht geschönt, sondern eher verschlechtert, um weniger Gewinne auszuweisen und Steuern zu sparen. Dadurch hat die Erb-Gruppe über Jahre zu geringe Gewinne ausgewiesen. Ein solches Vorgehen ist zwar möglicherweise ebenfalls gesetzwidrig, hätte aber zu einem ganz anderen Strafmass geführt. Zu damals aktuellen Marktwerten war die Gruppe jedenfalls laut Professor Berndt nicht überschuldet. Sie hatte am Schluss jedoch zweifellos ein gravierendes Liquiditätsproblem, das aber keinesfalls zum Untergang hätte führen müssen.

Selbst den durch den Konkurs verursachten Milliardenschaden weisen Sie ins Land der Märchen. Was sind hier Ihre Argumente?

Eine von den Gerichten stets abgelehnte konsolidierte Betrachtung hätte den tatsächlichen Gesamtschaden aufgezeigt, der weit unter den herumgebotenen Milliardenbeträgen liegt. Diese kamen dadurch zustande, dass in jedem Konkurs- und Nachlassverfahren der verschiedenen Erb-Gesellschaften immer wieder dieselben Schadensbeträge geltend gemacht wurden, wodurch sich der angebliche Schaden potenziert hat. Das liegt unter anderem am Schweizer Konkursrecht, das bekanntlich keinen Konzern-Konkurs kennt. Die operativ gut geführten Erb-Firmen haben danach jedenfalls alle weiter existiert. Sie sind jedoch vielfach massiv unter Wert verkauft worden, was ebenfalls noch zum Schaden beigetragen hat.

Hermann Hess, Sie sagen es selbst: Rolf Erb war Ihr Freund. Kann es sein, dass Sie ihn vielleicht deshalb in einem günstigeren Licht sehen als die Staatsanwaltschaft und die Gerichte, die sich ja gründlich mit dieser Erb-Sache auseinandergesetzt haben – auseinandersetzen mussten?

Ich habe Rolf Erb erst nach seinem Konkurs kennen gelernt und nie mit ihm Geschäfte gemacht. Er war ein sehr interessanter und gebildeter Mann, wenn auch nicht das unternehmerische Kaliber seines Vaters. Als selber vielfach krisenerprobter und ziemlich erfolgreicher Unternehmer habe ich den grossartigen Aufbau der Familie Erb bewundert. Man weiss von mir, dass ich mit allen Menschen stets auf Augenhöhe rede, egal ob reich oder arm. Es hat sich bei mir einfach der Eindruck verfestigt, Rolf Erb sei in dieser ganzen Angelegenheit nicht gerecht behandelt worden, und das stört mich nach wie vor sehr.

HSG-Gutachten sah Sache anders

Der letzten Samstag verstorbene Unternehmer Rolf Erb hätte in diesen Tagen in die Strafanstalt Gmünden in Niederteufen einrücken müssen, um dort eine siebenjährige Freiheitsstrafe abzusitzen. Verurteilt worden ist Erb wegen gewerbsmässigen Betrugs, mehrfacher Urkundenfälschung sowie mehrfacher Gläubigerschädigung. Die Verurteilung hatte durch alle Instanzen hindurch Bestand. Der Thurgauer Unternehmer und Nationalrat Hermann Hess war ein Freund Erbs, hat ihn aber laut eigenem Bekunden erst nach dem Konkurs kennen gelernt. «Es gibt ausser seinen Anwälten wohl niemand, der ihn und seinen Fall so gut kennt wie ich», sagt Hess. Hess nimmt Erb heute in Schutz: Vor der zweiten Instanz habe Rolf Erb eine umfangreiche Analyse samt Ergänzungsbericht des HSG-Professors Thomas Berndt eingereicht. «Im Gegensatz zum amtlichen Gutachten, das sich lediglich auf eine Einzelbetrachtung der verschiedenen Erb-Gesellschaften beschränkte, beleuchtete das Gutachten den konsolidierten Geschäftsgang der gesamten Erb-Gruppe von 1998 bis 2002.» Das Gutachten zeige auf, dass Erb damals keineswegs den Zusammenbruch seiner Gruppe befürchten musste. Entsprechende Probleme hätten sich erst in den letzten Monaten eingestellt – mitverursacht durch den Sanierer. Wäre das Berndt-Gutachten in die gerichtliche Beurteilung des Falls eingeflossen, hätte die Sache wohl eine andere Wende genommen, ist Hess überzeugt. (cla.)

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